• Hans-Ulrich Müller sieht in der neuen Mopac Wasen AG viel Potenzial. Der Investor freut sich auf die Aufgabe, das Unternehmen zum Erfolg zu bringen. · Bild: Liselotte Jost-Zürcher

17.11.2016
Emmental

… aber er tat es doch!

An der ersten Zusammenkunft des Gewerbevereins Sumiswald unter dem neuen Vorstand sprach der Banker und Unternehmer Hans-Ulrich Müller in Sumiswald erstmals öffentlich über seinen Mopac-Kauf. Am Anlass im Sumiswalder Unternehmen Albiro zeigte sich, dass Hans-Ulrich Müller nebst einem unerschrockenen Geschäftsmann und «Banker mit Herz» auch ein toller Redner und ein guter Pädagoge ist.

Sumiswald · «Ich glaube an den Standort Wasen; ich glaube an Sumiswald. Wir haben hier ein riesiges Potenzial: Die Menschen. Sie sind es, die es ausmachen.» Mit diesen Worten gewann Hans-Ulrich Müller die zahlreichen Anwesenden auf Anhieb. «Gschydi Lüt u tüüri Lüt cha me überau choufe. Aber Lüt mit Charakter mues me zersch finge. U d Ämmitaler, d Lüt vo hie, sy äbe söttigi Charakterlüt.»
Trotzdem ist es bereits das zweite Mal, dass er in Sumiswald eine Firma vor dem Untergang rettet. 1993 war es die FL Metalltechnik AG (siehe Kasten), jetzt ist es die Mopac.

Mehrmals in der Talsohle
Rückblende: Das rund 65-jährige Unternehmen, die Mopac AG, hat in der Zeit seines Bestehens verschiedene Talsohlen überwunden. In den 1970er-Jahren stellte die einstige Tabakfabrik am Oeleweg in Wasen, die sich zuvor auch als «Kleinkisten AG» profiliert hatte, die Produktion vollends auf  Verpackungen um. 1973 wurde das Werk II und das erste Hochregallager gebaut. 1990 übernahm das inzwischen unter Mopac AG bekannte Wasener Unternehmen die stillgelegte Textilfabrik in Eriswil. Ebenfalls in diesem Jahr wurde das zweite Hochregallager gebaut. Die Firma wuchs kontinuierlich. Trotzdem geriet sie 1998 in Nachlassstundung; 200 Arbeitsplätze waren gefährdet. Im April 2000 wurde eine Auffanggesellschaft gegründet mit Rainer Füchslin als grösstem Aktionär. 2003/2004 wurden aus Kostengründen erstmals individuell Löhne gekürzt. Trotz allem: Weit über 20 Millionen waren über die Jahre hinweg investiert worden, mehr als 60 neue Arbeitsplätze konnten noch geschaffen werden.
Anfangs 2015 wurde der CEO und Aktionär Rainer Füchslin krank gemeldet. Im Juli 2015 geriet das Unternehmen trotz guter Auftragslage in Nachlassstundung.
Ein Abbau der Arbeitsplätze von 260 auf 190 war in den folgenden Monaten nicht zu vermeiden. Mit viel Engagement suchte der Sachwalter, der Berner Rechtsanwalt Dr. Fritz Rothenbühler, nach einem Investor.

Beeindruckt von den Mitarbeitenden
Dutzende von Absagen erfolgten. Da wandte er sich an den CS-Banker Hans-Ulrich Müller. Als Inhaber der FL Metalltechnik AG hat er sich in Sumiswald speziell einen Namen gemacht; als «Retter von Deisswil» machte er 2010 und auch in den nachfolgenden Jahren in der ganzen Schweiz Schlagzeilen.
Auch er sagte vorerst «nein» zur Mopac, hatte noch viele andere Projekte, denen er sich widmete. «Und eigentlich bin ich doch zu alt. Ich fand, jemand Jüngeres müsste dies an die Hand nehmen», so der Referent. Fritz Rothenbühler liess nicht von ihm ab. Da begann Hans-Ulrich Müller seine Erkundungszüge durch die Mopac-Standorte. Er besuchte die 170 Mitarbeitenden an ihren Arbeitsplätzen. «In einigen Produktionsräumen, wo in drei Schichten gearbeitet wurde, war es sehr heiss.Trotzdem strahlten die Leute und verrichteten ihre Arbeit mit Freude.» Das berührte ihn, stärkte ihn in der Auffassung, dass es sich lohnt, sich für diese Menschen einzusetzen.
Er, unterstützt durch Geschäftsleitungsmitglieder sowie dem Sachwalter und dem künftigen Geschäftsführer Axel Koch, nahm mit den grössten Kunden Kontakt auf, errechnete
die Auftragspotenziale und stellte schliesslich fest, dass die Lage praktisch dieselbe war wie vor knapp einem Vierteljahrhundert bei FL Metalltechnik: Volle Auftragsbücher über Jahre hinweg, motivierte Mitarbeitende und eine defizitäre Vollkostenrechnung. «Da bekam ich ein Déjàvue und Freude, hier einen Beitrag leisten zu dürfen», stellte er am «Fyrabe-Höck» in Sumiswald fest. Der Beitrag müsse darin bestehen, nicht Strukturerhaltung zu betreiben, sondern die Firma neu auszurichten und Innovationen hineinzubringen. Sie zu  entschlacken, umzukrempeln und mit ihr einiges anders anzupacken. Die Strategie zu ändern, das sei das Allerwichtigste.
 
Klare Strategien
Gute Leute hat er, wichtige Kunden ebenfalls. Aber nicht mehr alle bisherigen Kunden, obwohl sich diese sehr positiv über die Produkte und die Verlässlichkeit der Mopac AG geäussert hätten. Doch wer über die Preise nicht mit sich reden liess, redete nur noch bis zum Ende der offenen Aufträge mit. Furchtlos begann Hans-Ulrich Müller seine Strategie in Sachen Kundenbeziehung, soweit die Auffanggesellschaft Mopac Wasen AG betroffen war, durchzusetzen. Schnell standen für ihn in der Folge auch grobe Richtungen fest: Technische Verpackungen hochfahren, Lebensmittelverpackungen mit wenigen Ausnahmen herunterfahren, Innovationen hochfahren.Hingegen schmerzte es ihn sehr, dass er nicht alle Menschen in der Auffanggesellschaft wieder einstellen konnte. «Als sie bei der Orientierung vor mir standen, als ich sagen musste: ‹Ich kann euch nicht alle behalten›, da versagte mir fast die Stimme. Sie taten mir so leid. Denn ich wusste, dass es in der Region schwierig sein würde, dass alle wieder eine Anstellung finden werden. Glücklicherweise haben in der Zwischenzeit verschiedene Unternehmen in der Region Interesse an der Einstellung der entlassenen Mitarbeitern bekundet. Für die Gekündigten wurden zudem Begleit- und Unterstützungsmassnahmen in enger Zusammenarbeit mit der öffentlichen Arbeitsvermittlung des Kantons Bern vorbereitet. Die Gekündigten wurden von einer Outplacement-Beratung geschult und unterstützt.
Im unternehmerischen Bereich setzt er indessen auf sämtliche Bisherigen. «Sie pflegen die Kundenkontakte, sie kennen die Verhandlungspartner. Sie werden ihr Bestes geben.» Insgesamt 59 Mitarbeitende erhielten eine Offerte für die Weiterbeschäftigung, respektive für die Neuanstellung ab 1. Januar in der neuen Firma, der Mopac Wasen AG (MWAG). Bei diesen Mitarbeitenden werden die Löhne auf das – ansprechende – Niveau der FL Metalltechnik AG angehoben, wo immerhin (ohne Berücksichtigung der Löhne der Geschäftsleitung) ein Durchschnittslohn von 65 000 Franken pro Jahr erzielt wird. Nebenbei: FL Metalltechnik AG beschäftige viele angelernte Mitarbeitende.

Gegen den Strom
Hans-Ulrich Müller hatte sich mit seinem Entscheid, die Mopac mit allen Liegenschaften zu übernehmen, über einige «Ratschläge» hinweggesetzt. «Lass die Finger davon. Das kommt nicht gut.» Das sei ihm immer wieder geraten worden. «Aber ich bin anderer Meinung. Ich habe es nicht gesucht, die Mopac zu übernehmen. Aber ich tue es für die Menschen, für Wasen, für Sumiswald, und bin felsenfest überzeugt, dass es gut kommt.»
Müllers Zielsetzungen mit der neuen Mopac Wasen AG sind entsprechend hoch: Eine erfolgreiche Firma mit Spezialisierung auf qualitativ hochstehende Verpackungen, möglichst viele Arbeitsplätze erhalten und den Menschen eine Perspektive und dem Standort Wasen eine Zukunft geben. Über allem steht die Teambildung (siehe Kasten) mit dem Ziel, dass die Mitarbeitenden nicht nur gerne arbeiten, sondern innovativ mitdenken, mittragen, «dass sie ihre Arbeit leben», wie Hans-Ulrich Müller zum Ausdruck gab. Als nächste Schritte stehen für ihn vorerst administrative Arbeiten sowie die Abschlüsse der Arbeitsverträge an.

Gewerbeverein im Aufschwung
Der erste «Fyrabe-Höck» des Gewerbevereins unter dem neuen Vorstand und unter dem Präsidium von Corinne Loosli war ein absoluter Erfolg. Es mussten wegen dem unerwarteten Aufmarsch Sitzgelegenheiten improvisiert werden; die Anwesenden waren vom Referat begeistert, und Corinne Loosli gelang es hervorragend, Geselliges und fachlich Interessantes unter einen Hut zu bringen. Sie bewies damit, dass auch im Gewerbeverein Sumiswald neue Strategien zu Greifen beginnen.

Von Liselotte Jost-Zürcher
 

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