• Eine illustre Gästeschar diskutierte über die heutigen Probleme der Jugendlichen und deren Perspektiven in der Erwachsenenwelt. · Bild: Walter Ryser

20.10.2017
Langenthal

Anstand, Respekt und Toleranz einfordern

An einer von ToKJO organisierten Podiums-Diskussion debattierte eine illustre Gästeschar über die Jugend von heute. Zuhören, miteinander reden und einander begegnen lautet vereinfacht formuliert das Rezept, wie Erwachsene mit Jugendlichen umgehen sollen. Auf der andern Seite ortete Regierungsrat Hans-Jürg Käser bei der Jugend Defizite im Bereich Anstand, Respekt und Toleranz, weshalb er den Erwachsenen riet: «Es muss jemand da sein, der diese Werte von den Jugendlichen konsequent einfordert.»

«Platz da! Wohin mit der Jugend», lautete der provokative Titel einer Veranstaltung, zu der die offene Kinder- und Jugendarbeit Oberaargau (ToKJO) eingeladen hatte. Das Thema, vermutlich aber auch die illustre Gästeschar auf dem Podium, sorgten dafür, dass im Kulturstall Jugendhaus in Langenthal der hinterste und letzte Stuhl besetzt war. Schüler Linus Rothacher, Co-Präsident der Juso Oberaargau, lancierte den Abend gleich mit einer provokativen Forderung nach dem Stimmrecht für 16-Jährige. Kein Verständnis für diese Forderung zeigte Regierungsrat Hans-Jürg Käser, der darauf hinwies, dass in der Schweiz das Mündigkeitsalter bei 18 Jahren liege und deshalb auch das Stimmrecht. «Wir haben in der Schweiz diesbezüglich eine klare Linie und ich sehe nicht ein, weshalb man in diesem Bereich nun etwas ändern sollte», sagte er.
SP-Nationalrätin Nadine Masshardt wiederum wies darauf hin, dass die sexuelle Mündigkeit viel früher stattfinde, genauso wie die religiöse, und auch im Jugendparlament seien die Jugendlichen viel früher aktiv. «Deshalb sollten Jugendliche bereits mit 16 Jahren das Recht haben, in die­sem Land mitbestimmen zu können», ­forderte sie. Olivier Grossenbacher, Schulleiter in Roggwil, gab zu bedenken, dass wer mitbestimmen wolle, auch in der Lage sein müsse, Verantwortung zu übernehmen, nicht zuletzt auch finanziell. «Das ist für einen Jugendlichen in diesem Alter aber gar nicht möglich», hielt er fest.

Chatten ohne Geräte
Professor Bernard Wandeler, Dozent für soziokulturelle Entwicklung an der Hochschule Luzern wies darauf hin, dass in der Schweiz viele Möglichkeiten bestünden, sich bereits in jungen Jahren am gesellschaftlichen und politischen Leben zu beteiligen, ohne dass man dazu ein Stimmrecht benötige. Gerade eine Organisation wie ToKJO biete einen idealen Raum zum Diskutieren, Lernen und über das Erwachsenwerden zu philosophieren. Das sei viel wichtiger als ein frühes Stimmrecht. Auch Thomas Bertschinger, Stellenleiter der regionalen Kinder- und Jugendfachstelle ToKJO, war der Meinung, dass sich Jugendliche heute vielfältig einbringen können. ToKJO sei dazu da. Gleichzeitig gab er auch den Erwachsenen zu verstehen, dass man umdenken müsse. «Wir Erwachsenen müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass wir immer wissen, was die Jugendlichen brauchen oder was gut für sie ist. Vielmehr müssen wir lernen, den Jugendlichen zuzuhören», forderte Bertschinger.
Schriftsteller Pedro Lenz seinerseits fand, dass früher alles besser gewesen sei, «vor allem wir waren damals viel besser», sagte er und erntete damit die ersten herzhaften Lacher an diesem Abend. Lenz gab zu bedenken, dass die Jugend schon immer versucht habe, selber etwas auszuprobieren und stets darauf angewiesen gewesen sei, dass die Erwachsenen ihr den entsprechenden Raum zur Verfügung stelle. Hans-Jürg Käser wiederum stellte fest, dass den Jugendlichen früher mehr Platz und Freiräume zur Verfügung gestanden haben. Man habe an der Langete und im Wald gespielt. «Wir haben einfach eine Waldhütte gebaut. Dabei hat es uns nicht interessiert, wem der Wald gehörte», sagte Käser. Pedro Lenz sprach noch einen weiteren, markanten Unterschied zwischen der Jugend von damals und heute an. Man habe früher relativ wenig Geld zur Verfügung gehabt. Deshalb habe man sich auch nicht die «Lampe» füllen können. «Uns blieb nichts anderes übrig, als miteinander zu reden. Im Grunde genommen haben wir schon damals miteinander gechattet, nur ohne Geräte», erwähnte er.
Regierungsrat Käser griff ein weiteres Jugend-Thema auf, das oft diskutiert wird und auch bei Pädagogen, Schulleitern und Behörden immer wieder auf der Themen-Agenda steht. «Der heutigen Jugend fehlt es an Respekt, Toleranz und Anstand», tat Käser ohne Umschweife seine Meinung kund. Gleichzeitig zeigte sich der Langenthaler Politiker überzeugt, «dass die jungen Leute diese Werte anwenden und auch bereit sind, diese zu leben. Aber es muss auch jemand da sein, der diese Werte konsequent einfordert.»

Jugendliche müssen selber aktiv werden
Langenthals Stadtpräsident Reto Müller meldete sich spät zu Wort, lenkte die Diskussion aber auf eine andere, interessante Ebene. Er sei der Meinung, dass die Jugend in jeder Epoche gleich sei, betonte er. «Was sich jeweils verändert sind Räume und Mittel, die den Jugendlichen zur Verfügung stehen.» Für Müller bilden die Sozialen Medien einen dieser Räume, wo sich die Jugendlichen heute aufhalten und den sie bespielen würden.
Vielleicht müssten die Jugendlichen auch selber vermehrt aktiv werden, zeigte sich Gymnasiastin Leia Steiner selbstkritisch. Käser unterstützte dieses Votum und gab zu verstehen, dass in dieser Stadt mehr möglich sei, als viele glauben würden. Thomas Bertschinger erwähnte, dass ToKJO den Jugendlichen die erforderliche Unterstützung biete, wenn es darum gehe, Ideen und Projekte umzusetzen.
Bernard Wandeler brachte am Ende der Diskussionsrunde das Thema «Wohin mit der Jugend» zu einem allgemein verständlichen und akzeptierten Abschluss, als er sagte: «Einander verstehen kann man nur, wenn man einander begegnet. Man muss sich treffen und miteinander reden.»

Von Walter Ryser

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