• Das scheidende Ehepaar Barbara und Simon Stankowski unter dem symbolischen «Regenbogenschirm». · Bild: Hans Rudolf Schär

16.07.2018
Oberaargau

Bewegender Abschied, liebevolle Aussendung

Bis zuletzt blieb es ein Geheimnis, wie sich Wyssachen von seiner beliebten Pfarrerin respektive Pfarrersfamilie verabschieden würde. Die Besucher strömten an dem schönen Sonntagmorgen zahlreich in die Kirche. Es herrschte eine eigentümliche Stimmung; man spürte einerseits eine gewisse Anspannung und anderseits eine fröhliche Erwartungshaltung wie bei einem Fest.

Wyssachen · Das Wyssacher Predigerpaar Marianne und Fritz Bangerter teilten sich in der Leitung und der Moderation des Gottesdienstes. Es sollte eine Abschiedsfeier, aber ebenso eine Feier der Aussendung der Pfarrersfamilie werden. Der erste Teil bestand in der Rückschau auf die Tätigkeit von Barbara Stankowski.
Die Kirche Wyssachen ist über die Gemeinde hinaus beliebt für Hochzeiten und Taufen. Martin und Barbara Eggimann, das erste Brautpaar der Aera Stankowski, dankten stellvertretend für das grosse Engagement und das Feingefühl, mit dem die Pfarrerin die Feiern stets geleitet hatte. Und wie oft bei ihren Festen zog Barbara Eggimann ihre Schwester Andrea Strahm bei, die mit dem wundervoll vorgetragenen Lied «In Christ alone» die Gemeinde vollständig in Bann zog.

Start mit Anekdoten
Barbara Loosli, Kirchgemeindepräsidentin beim Amtsantritt der Pfarrerin, hielt eine kurze Rückschau auf die Pfarrwahl und die ersten Amtsjahre. Auf die Stellenausschreibung gingen stolze zwanzig Bewerbungen ein. Sie besuchte einen Gottesdienst von Barbara – damals noch mit ledigem Namen Hämmerli –, die ihr Vikariat absolvierte. Die Kirchgemeindepräsidentin konnte nicht wissen, dass es sich bei ihrem Besuch gerade um den Prüfungs-Gottesdienst handelte.
Der jungen Pfarrerin fiel die aufmerksame Zuhörerin bald einmal auf und sie vermutete in ihr die Expertin der Theologischen Fakultät. Im Anschluss konnte dieser Irrtum geklärt werden. Es sprang schon einmal ein erster Funke der Sympathie. Eine weitere Anekdote ergab sich beim Vorstellungsgespräch: Barbara Hämmerli hatte in ihrer Bewerbung verraten, dass sie demnächst heiraten werde und dass es zu einer Namensänderung komme. Der neue Name war der Kirchgemeindepräsidentin entfallen. Weil es ihr peinlich war, in den Unterlagen zu suchen, schrieb sie ein Zettelchen mit der Frage nach dem Nachnamen des Bräutigams. Das Zettelchen machte im Kirchgemeinderat unauffällig die Runde und kehrte mit weiteren Fragezeichen zu Barbara Loosli zurück.
Der Name Stankowski wurde mit den Jahren in Wyssachen so geläufig wie der einheimische Zungenbrecher «Chuchichäschtli».
So offen und ungezwungen, wie man sich von Anfang an begegnet war, verlief die weitere Zusammenarbeit, resümierten Barbara Loosli und ihr Nachfolger Niklaus Leuenberger. Sie schätzten es, wie die junge Pfarrerin auf die Bedürfnisse der Mitmenschen einging. Barbara Stankowski entwickelte die bewährten Strukturen in der Kirche Wyssachen weiter und brachte neue Ideen ein. Ein wichtiges Anliegen war ihr zudem die Regio-Kirche.
Jedes Mitglied des Kirchgemeinderates und die Sekretärin verabschiedeten sich sehr persönlich und äusserst herzlich von ihren Pfarrersleuten. Dazu überreichten sie ein kleines symbolisches Geschenk. Den Abschluss machte Kirchgemeindepräsident Niklaus Leuenberger. Er stellte das Pfarrerpaar unter einen grossen regenbogenfarbigen Schirm und stellte sie segnend nach Psalm 91 «unter den Schirm des Höchsten».
Die berührte Pfarrerin stellte klar, dass sie den Kirchgemeinderat und Wyssachen immer als offen empfunden hatte. Sie habe in ihrer Tätigkeit Kraft getankt. Als persönlichen Höhepunkt bezeichnete sie, dass sie die Angst vor dem Scheitern verloren hatte. Sie freue sich, ihre Pfarrstelle im Guten und in grosser Dankbarkeit verlassen zu können. Rückblickend stellte sie fest, wie viel sich in den knapp zehn Jahren verändert hatte. Vorab hätte sie sich selber verändert, meinte sie. Dann wurde sie durch die beiden Buben Noel und Micha Familienfrau.
In ihrer Amtszeit wechselten der gesamte Kirchgemeinderat, die KUW-Mitarbeiterin, die Sigristin und der Hauswart. In der Kirchgemeinde starben Menschen und wurden Kinder geboren. Als einzige wirkliche Konstante bezeichnete sie Gott, der gestern, heute und morgen immer derselbe war und bleiben wird. Diese Gegenwart des lebendigen Gottes wünschte sie der Gemeinde als besonderes Anliegen auch für die Zukunft.
Marianne und Fritz Bangerter hatten den Gottesdienst unter das Johannes-Wort gestellt, dass nicht wir Gott erwählen, sondern dass er uns erwählt. Gott erwählt die Menschen um sie zu stärken oder, wie die Bibel sagt, um sie zu segnen. Daraus ergibt sich der Auftrag «Frucht zu bringen». Das Predigerpaar, Christine Schneider von der Organisation «Servants to Asia’s Urban Poor» und Andreas Zürcher nahmen in einer kurzen Zeremonie die Aussendung vor. Die Pfarrersfamilie wurde unter Gottes Segen gestellt, damit sie die Lebenswirklichkeit als Gesegnete in ihrem neuen Umfeld Manila weitergeben dürfen.

Spontane Einlage
Wie oft in Gottesdiensten oder bei Feiern übernahmen Noemi und Martin Jufer die musikalische Gestaltung.  Für den Abschiedsgottesdienst zogen sie den Adhoc-Chor bei, welcher jeweils für die Weihnachtsfeier gebildet wurde. Beim Schlusslied begleitete die Jungschar, die sich mit dem Lied «Gäht das Liecht witer» von ihrer Pfarrerfamilie verabschiedete.  
Der feierliche Gottesdienst, der mit Wertschätzung, Dankbarkeit und Herzlichkeit erfüllt war, erfuhr einen ungeplanten Abschluss: Völlig spontan traten die Schwiegereltern der Pfarrerin vor die Gemeinde und lasen ein Segenslied vor, das ihnen während des Gottesdienstes in die Herzen gelegt wurde.

Von Hans Rudolf Schär

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