• Charlotte Ruf: «Man weiss inzwischen, wo der Oberaargau liegt, und man nimmt unsere Region wahr.» · Bild: Leroy Ryser

26.01.2018
Oberaargau

«Bin mit Leib und Seele Oberaargauerin»

Seit vier Jahren ist sie als Präsidentin der Region Oberaargau tätig. Die 64-jährige Charlotte Ruf aus Herzogenbuchsee verrät im Monats-Interview mit dem «Unter-Emmentaler», dass sie mit Leib und Seele Oberaargauerin ist. Um die zukünftigen Herausforderungen zu meistern, brauche es Solidarität unter den Gemeinden.«Wenn wir gegen innen stark sind, dann verfügen wir auch über eine entsprechende Ausstrahlung gegen aussen», ist die Präsidentin der Region Oberaargau überzeugt.

Oberaargau · Walter Ryser im Gespräch mit Charlotte Ruf, Präsidentin Region Oberaargau

Charlotte Ruf, Sie sind Präsidentin der Region Oberaargau. Was zeichnet für Sie den Oberaargau aus?
Der Oberaargau ist eine wunderschöne Gegend, die alles bietet. Das Logo der Region Oberaargau beinhaltet den Dreiklang Wohnen/Arbeiten/Freizeit. Das trifft vollumfänglich auf den Oberaargau zu, die Region ist eine Perle, die von aussen nicht immer so wahrgenommen wird, wie es der Oberaargau eigentlich verdient hätte. Es gibt sehr viele wunderbare Dinge hier, die nicht einmal all jene kennen und wahrnehmen, die schon lange in dieser Region beheimatet sind. Es ist deshalb eines unserer Ziele, dass es gelingt, die Region so zu positionieren, dass sie von aussen und innen noch bewusster wahrgenommen wird.

Was vermissen Sie dagegen in unserer Region?
Es wäre schön, wenn künftig das regionale Denken noch vermehrt im Vordergrund stehen würde. Ich habe Verständnis dafür, dass eine Gemeinde in erster Linie für sich schauen muss, dennoch muss es unsere Aufgabe sein, die Entwicklung der gesamten Region im Auge zu behalten. Ich habe in den letzten vier Jahren erfreut zur Kenntnis nehmen können, dass das regionale Denken auch bei uns Fuss gefasst hat und erkannt wurde, dass eine starke Region Oberaargau auch den einzelnen Gemeinden zugutekommt. Ich habe jedenfalls schon länger nicht mehr erklären müssen, wo der Oberaargau liegt, das beweist doch zum Beispiel, dass wir auch in Bern mehr ‹Lärm› machen und man uns und unsere Region wahrnimmt.

Was hat Sie dazu bewogen, das Amt als Präsidentin der Region Oberaargau zu übernehmen?
Ich bin eine Oberaargauerin mit Leib und Seele. Ich habe mir gesagt: Wenn ich etwas zur Entwicklung der Region beitragen kann, dann will ich das auch tun. Ich bin nämlich der Meinung, dass alle, die in der Lage sind, sich für das Gemeinwohl engagieren sollten, denn es ist nicht selbstverständlich, dass es uns so gut geht. Deshalb sollte man hin und wieder selber etwas dazu beitragen. Unser gesamtes Staatswesen und unsere gesellschaftlichen Errungenschaften basieren nicht zuletzt auf der Freiwilligenarbeit. Ich leiste seit über 30 Jahren Freiwilligenarbeit.

Sie sind bereits lange politisch tätig. Wo liegen Ihre politischen Wurzeln und was fasziniert Sie an der Politik?
In meinem Elternhaus hat niemand politisiert. Ich persönlich habe mich früh für politische Prozesse und Abläufe interessiert, weil ich der Meinung bin, dass man nicht bloss die Faust im Sack machen sollte, sondern sich auch aktiv am politischen Leben beteiligen sollte. So habe ich damals in jungen Jahren meine politische Karriere im Frauenkomitee – ja, das gab es damals noch – gestartet und den für das Komitee zuständigen Sitz in der Bildungskommission belegt. Allen, die nicht politisch tätig sind, kann ich nur sagen, dass sie etwas verpassen, denn politische Prozesse sind etwas ungemein Spannendes. Man kann Themen, die einem beschäftigen, direkt bewirtschaften. Der Meinungsfindungsprozess ist zugleich ein Lernprozess, der aus Zuhören, aus dem Sammeln von Argumenten und Diskutieren besteht, bevor dann ein Entscheid gefällt wird. Dabei stellt man fest, dass der eingeleitete Prozess manchmal in eine ganz andere Richtung führt, als man ursprünglich geplant hat. In der Politik gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder es zieht dir den Ärmel rein oder sie verleidet dir.

Der Oberaargauer wird oft als etwas rückständig, introvertiert und wenig begeisterungsfähig charakterisiert. Lässt sich in dieser Region überhaupt etwas bewegen?
Dieses Bild vom Oberaargauer kann ich so nicht akzeptieren, denn ich nehme ihn nicht so wahr, und auch meine Vorstandskolleginnen und -kollegen bestimmt nicht. Alle arbeiten engagiert mit, sind präsent und interessiert. Mit solchen Leuten lässt sich in der Tat viel bewegen.

Was hat Sie während Ihrer bisherigen Amtszeit am meisten gefreut, auf welche Ergebnisse sind Sie besonders stolz?
Die Neuausrichtung der Region Oberaargau war sicherlich ein Höhepunkt. Wir verfügen über eine hohe Akzeptanz bei den Gemeinden, die unsere Versammlungen praktisch lückenlos besuchen. Die Geschäftsstelle versucht deshalb auch, Nähe zu den Gemeindevertretern herzustellen, beispielsweise mit persönlichen Gesprächen und Treffen. Wir stellen fest, dass dieses Vorgehen sehr geschätzt wird. Dadurch konnten wir in unserer Region eine gewisse Offenheit schaffen. Erfreulich ist auch, dass der Oberaargau bei der Kantonsregierung einen guten Namen geniesst und wir eine gut funktionierende Zusammenarbeit mit unseren Grossräten pflegen. Sehr gefreut hat mich zudem die klare Zustimmung unserer Gemeinden im Jahr 2016 zum RGSK 2. Generation (Regionales Gesamtverkehrs- und Siedlungskonzept, Anmerkung der Redaktion).


Wir verfügen in unserer Region über keinen touristischen Leuchtturm und werden deshalb innerhalb des Kantons oft als unbedeutende Randregion eingestuft. Aber auch in der übrigen Schweiz nimmt man uns Oberaargauer kaum wahr. Wie können wir uns besser bemerkbar machen, damit man im ganzen Kanton erkennt, dass diese Region unterstützungswürdig ist und man in der übrigen Schweiz den Oberaargau als attraktive Region zur Kenntnis nimmt?
Unser Schwergewicht muss beim Tagestourismus liegen. Diesbezüglich setze ich grosse Hoffnungen in unsere neue Freizeitstrategie. Damit wollen wir aufzeigen, dass die Region durchaus über touristische Leuchttürme verfügt. Also müssen wir die Leute «gluschtig» machen, damit sie in den Oberaargau kommen. Aber ich finde auch, dass der Oberaargau wirtschaftlich eine äusserst interessante Region ist, mit vielen Unternehmen, die weltweit tätig sind und Bekanntheit erlangt haben. Auch verfügen wir aktuell über einen Bundesrat sowie einen Regierungsrat.

Welchen Oberaargau wünschen Sie sich für die Zukunft?
Ich wünsche mir, dass unser Dreiklang Wohnen, Arbeiten, Freizeit gelebt wird und harmonisch funktioniert. Im Freizeit- und Unterhaltungsbereich ist aktuell viel Bewegung zu spüren, mit der Sanierung des Hallenbades in Herzogenbuchsee und dem geplanten Neubau einer Eishalle in Langenthal. Beide Projekte tragen zur Attraktivität der Region bei. Deshalb ist hier Solidarität gefragt, es ist wichtig, dass hier alle Oberaargauer dabei sind, nicht bloss finanziell, sondern in erster Linie ideologisch, indem wir geschlossen hinter diesen Projekten stehen. Schauen Sie, wenn wir nämlich gegen innen stark sind, gemeinsam Projekte realisieren und zusammenstehen, dann verfügen wir auch gegen aussen über eine entsprechende Ausstrahlung.

Widmen wir uns noch drei Schwerpunktthemen, die uns alle momentan intensiv beschäftigen. Die demografische Entwicklung wird dafür sorgen, dass auch im Oberaargau der Anteil an alten Leuten deutlich zunehmen wird und entsprechende Betreuungsangebote erforderlich sind. Welche Vorkehrungen werden in der Region getroffen?
Ich bin froh, dass wir über eine klare Alterspolitik verfügen, die wir aktiv bewirtschaften. Ich denke, dass wir in diesem Bereich für die grossen Herausforderungen, die auf uns zukommen werden, gut gerüstet sind. Der Bau eines Demenzdorfes in Wiedlisbach wird diesbezüglich sicherlich einen Meilenstein darstellen.
Die beiden Worte Digitalisierung und Onlinehandel sind in aller Munde. Welche Bedeutung haben Sie auf der Themen-Agenda der Region Oberaargau?
Was diese beiden Themen anbelangt, halten wir natürlich Augen und Ohren offen, wir bewirtschaften diese aber nicht aktiv, begleiten sie aber in enger Zusammenarbeit zum Beispiel mit dem Wirtschaftsverband Oberaargau WVO, der hier stark gefordert ist. Der Onlinehandel hingegen bereitet mir grosse Sorgen, da ich unsere Einkaufsgeschäfte gefährdet sehe. Mit einem Vorwort in der Broschüre für den Weihnachtsmärit 2017 in Huttwil habe ich mich ausführlich dazu geäussert.

Das Verkehrsaufkommen nimmt dramatisch zu, auch im Oberaargau. Mit der geplanten Umfahrung Aarwangen ist eine erste Entlastung in Sicht. Das Verkehrsproblem dürfte damit im Oberaargau aber nicht gelöst sein. Wo setzt die Region in diesem Bereich Schwerpunkte?
Hier handelt es sich um ein Thema, das uns laufend beschäftigt und mit dem wir uns regelmässig auseinandersetzen. Wir müssen speziell zu diesen Themen unsere Hausaufgaben erledigen, die uns heute, morgen und übermorgen beschäftigen werden. Die Ansprüche der Verkehrsteilnehmer, nicht zuletzt auch im ÖV-Bereich, sind mittlerweile hoch und es ist schwierig geworden, diese in allen Teilen erfüllen zu können, weil dies mit hohen Ausgaben verbunden ist. Aber wir bemühen uns, hier für die Region und deren Bewohner akzeptable Lösungen zu finden.

Sie engagieren sich für die Region Oberaargau, verraten Sie uns doch, wohin es Sie zieht, wenn Sie ausserhalb der Region verweilen, entspannen oder Ferien machen wollen?
Ich bin ein Mensch, der sehr gerne zu Hause, in seiner vertrauten Umgebung ist. Ich fühle mich mit meiner Heimat eng verbunden. Hin und wieder reise ich gerne ins Bündnerland oder ins benachbarte Österreich oder in den Schwarzwald. Diese Orte bevorzuge ich in erster Linie wegen meiner Abneigung gegenüber dem Fliegen.

In Herzogenbuchsee entsteht ein neues Hallenbad, in Langenthal soll eine neue Eishalle gebaut werden. Kann Charlotte Ruf überhaupt schwimmen und eislaufen?
Ja, ich kann tatsächlich beides. Ich bin eine Gelegenheitsschwimmerin, beispielsweise wenn es heiss ist, nehme ich mein Velo und fahre kurz in die Badi. Eislaufen gehe ich dagegen nicht mehr, habe ich aber gerne gemacht und war jeweils stolz, wenn ich meinen Grosskindern zeigen konnte, dass ich auch rückwärtsfahren kann. Anstelle des Eislaufens fahre ich nun Ski und gehe Langlaufen.

Zum Schluss haben Sie noch einen Wunsch frei für Ihre Region: Abrakadabra ...?
Alle Arbeitsplätze in der Region bleiben erhalten, mehr noch, in der Region werden künftig noch weitere Arbeitsplätze geschaffen, denn neue Unternehmen entdecken den Oberaargau und dessen Qualitäten und helfen uns, den Dreiklang Wohnen/Arbeiten/Freizeit intensiv zu bespielen. Der Oberaargau wahrt seine Selbständigkeit und seine Identität und die gesamte Region funktioniert einwandfrei auf einem hohen Level.

 

 

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