• Sie liessen «Master Class» in Langenthal zum Erlebnis werden (von links): Donovan Elliot Smith, Ye Jin Kim, Darren Hargan, Barbara Grimm und Anne-Sophie Sevens. · Bild: Hans Mathys

19.05.2017
Langenthal

Brillante Hommage an Maria Callas

Bis heute gilt die griechisch-amerikanische Sopranistin Maria Callas (1923 bis 1977) als grösste und berühmteste Primadonna der Opernwelt. Im Schauspiel «Master Class» schlüpft Barbara Grimm in die Rolle dieser «Göttlichen». Das Publikum erlebt dabei sämtliche Facetten der unvergesslichen Diva.

«Wir sind hier, um zu arbeiten», sind die ersten Worte von Barbara Grimm (1954), die in der Alten Mühle in Langenthal während fast zwei Stunden als Maria Callas brilliert und an das Publikum appelliert, diese Arbeiten nicht mit Applaus zu stören. «Singen ist in erster Linie darstellen», sagt sie. Es brauche Disziplin und Courage, auf der Bühne zu stehen – sowie «das gewisse Etwas».

Strenge Lehrmeisterin
Alles andere als herzlich empfängt die alternde, launische und strenge Diva jeweils die Studentinnen und Studenten, die zu ihr zum Unterricht kommen und hier schier vor Ehrfurcht erstarren. Das muss die zierliche, kleine Sopranistin Ye Jin Kim aus Südkorea erfahren. Barbara Grimm als Maria Callas – ganz in Rot gekleidet und mit einer Schwarzhaarperücke ausgestattet – macht die Bedauernswerte gleich zur Schnecke. Kaum hat die junge Sopranistin eine Silbe gesungen, unterbricht Maria Callas bereits und tut dies in der Folge fast im Sekundentakt. Callas kritisiert unerbittlich und gnadenlos. Sie fordert mehr Leidenschaft und Feuer. Sie fragt die junge Sängerin, ob ihr schon mal jemand das Herz gebrochen habe. «Ja», lautet die Antwort. «Darauf wäre ich nie gekommen», so die Callas, die moniert, nur Konsonanten, aber keine Vokale zu hören.
Zuletzt attestiert Maria Callas der jungen Sopranistin aber doch ein versöhnliches «sehr gut» und sinniert, selber nie eine schöne Stimme gehabt zu haben, «aber ich habe die Norma so gesungen, wie seit Jahren niemand.» Das Publikum sei jeweils nicht gekommen, um sie zu hören, sondern um sie zu sehen. Als alternde Operndiva blickt Maria Callas, die mit Gewichtsproblemen kämpft, auf ihre Beziehung zum geliebten Ari – Milliardär Aristoteles Onassis – zurück, der sie Kanarienvogel nannte und dem zuliebe sie sich 1959 scheiden liess. Obwohl Ari später Jacqueline Kennedy heiratete, wurde er in den 1970er Jahren mit Maria Callas gesehen, die zu Lebzeiten ein Mythos war und dies nach ihrem Tod – sie erlag 53-jährig einer Lungenembolie – bis heute geblieben ist.

Überzeugendes Ensemble
Der 1939 geborene amerikanische Dramatiker Terrence McNally, ein grosser Callas-Verehrer, hat das preisgekrönte Stück «Master Class» 1995 in Philadelphia uraufgeführt. In der Inszenierung von Dieter Kaegi mit dem Theater Orchester Biel Solothurn glänzt nicht nur Barbara Grimm als Maria Callas. Das Ensemble überzeugt von A bis Z: Pianist Darren Hargan (Irland), die Sopranistinnen Ye Jin Kim (Südkorea) sowie Anne-Sophie Sevens (Belgien) und Tenor Donovan Elliot Smith (USA). Sie sind Studierende der Hochschule der Künste Bern (Opernstudio). Ihr Stimmen sind kräftig – ein Genuss. Selbst der Bühnenarbeiter (Damien Liger) setzt Akzente, wenn er der Diva – auf deren Geheiss – subtil ein Glas Wasser oder ein Kissen reicht. Dafür gibt es keinen Dank, sondern einen Rüffel, weil dies viel zu langsam geschieht. In der Tat dienten Bandaufnahmen von 1971/72 von Meisterkursen, die Maria Callas an der renommierten Juilliard School of Music in New York gab, Autor Terrence McNally als Vorlage für «Master Class».
Nach der Pause tritt in schönem, weis-sem Kleid Sopranistin Anne-Sophie Sevens auf die Bühne. Die gestrenge Lehrerin findet das Kleid völlig unpassend: «Das ist kein Debütantinnen-Ball.» Die junge Sopranistin verschwindet sogleich, bleibt vorerst verschollen. «Wenn sie eine so dünne Haut hat, ist sie für diesen Beruf nicht geeignet, denn jede Vorstellung ist ein Kampf», so Maria Callas, die meist deutsch, zuweilen auch italienisch und englisch spricht. Platz frei also für den gross gewachsenen Tenor Donovan Elliot Smith. Wird Maria Callas (Barbara Grimm) auch ihn demütigen? «Sie haben die Hausaufgaben nicht gemacht, sind nicht vorbereitet», muss dieser denn auch gleich die erste Callas-Schelte einstecken. Die Diva revidiert ihr erstes Urteil aber nach dessen Arie aus Tosca: «Das war wunderschön. Weiter habe ich dazu nichts zu sagen. Ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute.»
Jetzt taucht – inzwischen in neuem Kleid und braunen Stiefeln – die junge Sopranistin Anne-Sophie Sevens wieder auf. Sie habe sich auf der Toilette übergeben, klärt sie auf. «Der Auftritt ist alles», sagt Maria Callas, zeigt, wie dieser zelebriert wird und erinnert sich: «Ich war nie jung. Das konnte ich mir gar nicht leisten.» Die alternde Diva, Meisterin im Demütigen und Kritisieren, zollt der Sopranistin nach deren Arie als Lady Macbeth viel Lob: «Sie haben eine hübsche Stimme.» Maria Callas erscheint nun warmherziger denn je und sagt – fast entschuldigend: «Auch ich habe Gefühle. Falls ich Ihnen streng vorgekommen bin, mag das daran liegen, dass ich zu mir auch immer streng war.»
Beim eindrücklichen Schauspiel «Master Class» mit der grandiosen Barbara Grimm war nur jeder vierte Platz besetzt. Mit 199 Zuschauern ausgebucht war dafür zwei Tage später der Saisonschluss mit «Sister App» (Musik-Comedy). Die Übergangssaison ist zu Ende, die Vorfreude auf das sanierte Stadttheater riesengross.

Von Hans Mathys

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