• Gleich beim Langenthaler Bahnhof beginnt der Grenzpfad: Werner Stirnimann, Geschäftsführer der Biodiversia GmbH in Langenthal, engagiert sich seit Jahren für den Grenzpfad Napfbergland. · Bild: zvg

13.03.2018
Langenthal

Das Grenzland an der Rot ist ihm ans Herz gewachsen

Werner Strinimann gründete 2006 zusammen mit seiner Frau Audrey Stauffer die Biodiversia GmbH in Langenthal. Mit grossem, oft auch ehrenamtlichem Engagement und Fachwissen, hat er vielseitige Projekte in der Region realisiert. Für sein Wirken wird er nun mit dem Prix-Tambour ausgezeichnet. Ein Besuch beim Preisträger.

Werner Stirnimann bittet mit einem freundlichen Lächeln in das helle Büro in Langenthal. Der Geschäftsführer der Biodiversia GmbH hat bunte Werbeprospekte und Landschaftskarten auf dem Tisch ausgebreitet. Zum Beispiel die Landschaftskarte vom Napfbergland – der einzigartigen Kulturlandschaft zwischen Luzern und Bern. Gleich daneben der ansprechende Prospekt des Rottaler Erntefestes. «Was für eine kulturelle Vielfalt und Reichtum wir doch in unserer Region haben», begeistert sich Werner Stirnimann. Er ist der Initiant des Rottaler Erntefestes und engagiert sich für den Grenzpfad Napfbergland.  

Viel lieber in der Dorfgärtnerei
Zusammen mit fünf Geschwistern sei er in Altbüron aufgewachsen – nahe der kleinen, bekannten Kapelle oben auf dem Hügel, erinnert sich Werner Stirnimann gerne an seine Kinder- und Jugendzeit. Ursprünglich Landwirt war sein Vater immer häufiger als Klauenpfleger unterwegs gewesen. Der Schuljunge Werner half jedoch viel lieber in der Dorfgärtnerei. Schon damals interessierte sich der hellwache Bub für kultivierte und wilde Pflanzen – aber auch sehr für die Zusammenhänge in Gesellschaft und Wirtschaft und wollte alles genau wissen.

Der Grenzpfad war wegweisend
Neugierig lauschte er den Gesprächen der Erwachsenen und hat dabei viel gelernt. «Schon seit meiner Kindheit pendle ich zwischen naturrelevanten, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen  Aspekten.» Werner Stirnimann erzählt überlegt und mit ruhigen, offenen Gesten. Später hat der heute 44-Jährige als Gehilfe im Landschaftsbau gearbeitet und lernte dabei auch den angrenzenden Kanton Bern besser kennen. «Das Bernbiet war mir nämlich lange Zeit kaum bekannt.» Besonders eindrücklich war für ihn: «Dass dort die Kirchenglocken bereits um elf Uhr statt zum Mittagessen ab zwölf Uhr läuteten.» Werner Stirnimann studierte Agronomie und bildete sich in Spezialgebieten weiter. Als er vor 15 Jahren von seinen Studienjahren in Wädenswil und Genf nach Altbüron zurückgekehrt war, «begann ich mir erstmals zu überlegen, was mir die heimatlichen Hügel und Täler eigentlich bedeuten.»
Einen wertvollen, geschichtlichen Einblick gaben ihm die Infotafeln des kurz zuvor lancierten Grenzpfads Napfbergland. «Das war für mich wegweisend», sagt er heute.

Der erste grosse Auftrag
Zusammen mit seiner Frau Audrey Stauffer gründete Werner Stirnimann 2006 die Biodiversia GmbH in Langenthal, wo die Familie bis heute lebt. Und genau so, wie er einst mit seinem Vater in der Landschaft unterwegs war, ist er es heute mit seiner Frau Audrey und der elfjährigen Tochter Léonie.
Zum Ausgleich lernt er an der Volkshochschule Italienisch und tauscht sich gerne mit den Kollegen aus. «Sprachen sind neben Biken und ­Schreiben mein liebstes  Hobby», so Wener Stirnimann, der mehrere Fremdsprachen spricht.     
Die Biodiversia GmbH (siehe Kasten) beschäftigt heute vier Mitarbeitende. Mitinhaberin Audrey Stauffer ist ausgebildete Grafikerin und gestaltet die Internetseiten und Werbeflyer, mit denen die Firma auch für Dritte Projekte und Anliegen weiterbringt. Der erste grosse Auftrag bekam die neu gegründete Biodiversia GmbH von der Stadt Langenthal. Es sei darum gegangen, exotische Problempflanzen auf naturnahen Flächen zurückzudrängen, erklärt Geschäftsführer Werner Stirnimann. Solche überhandnehmende Pflanzen nennt man invasive Neophyten (siehe Kasten). «Zusammen mit Zivilschutzleistenden, Arbeits- und Asylsuchenden haben wir wochenlang gejätet», schildert Stirnimann.
Während die Bekämpfung unten im Tal begonnen habe, seien weiter oben im Tal, der Langete nach, neue Bestände gefunden worden, «das erforderte manch eine unbezahlte «Feuerwehraktion.»  Das  Drüsige Springkraut ist hierzulande eines der bekanntesten Beispiele invasiver Pflanzen.
Dank dem entschlossenen Vorgehen reicht die «neophytenarme Zone» heute von der Wasserscheide des Emmentals bis hinab an die Aare und über das Luthertal wieder hinauf zum Napf. Werner Stinimann und seine Mitarbeitenden sind jährlich mehr als 100 Kilometer auf Kontrollgängen unterwegs. «Es ist ein grosses Projekt, das uns auch nach zwölf Jahren auf Trab hält», sagt er.      

Werte und Traditionen
Fragt man Werner Stirnimann, weshalb ihm das Grenzland an der Rot ans Herz gewachsen ist, formuliert er es so: «Es ist ein vielfältiges Gebiet mit lebendigen Traditionen und Werten, die es zu bewahren gilt.»  Er kennt die Mentalität der Menschen auf beiden Seiten der Rot gut und kann sich mit ihnen auch tiefgründig austauschen. Der «Grenzdenker» setzt sich mit der Biodiversia GmbH auch beruflich mit der Region auseinander.
«Berufliches und Ehrenamtliches zu vermischen, das hingegen ist eine Gratwanderung», gesteht er. Denn schlussendlich müsse er ja die Löhne seiner Mitarbeitenden bezahlen können. Sein freiwilliges Engagement sieht er jedoch auch als Investition für die Geschäftstätigkeit. «Ich lerne viel, was schliesslich unseren Kunden zugutekommt.» Zum Beispiel verhalf Werner Stirniman letztes Jahr dem ­historischen Schmalspur-Triebwagen «Melchnauerli» nach Melchnau zurück. Nun steht es in der Remise beim früheren Bahnhof Melchnau. «Das Melchnauerli ist ein wertvoller Zeitzeuge der regionalen Bahngeschichte», so Werner Stirnimann.

Erntefest verbindet Menschen
Schon als Student träumte Werner Stirnimann davon, «Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen miteinander in Kontakt zu bringen.» Und das ist ihm mit dem Rottaler Erntefest gelungen. Seit 2005 findet es jeweils im Herbst am Schnittpunkt der Kantone Luzern, Bern und Aargau statt.
«Insbesondere die Einheimischen geniessen das gemütliche Beisammensein und lernen einander über die Kantons- und Gemeindegrenzen besser kennen – bei einer Fülle Rottaler Spezialitäten», freut sich Stirnimann, Projektleiter der IG «Rottaler Ernte». Als Präsident des 2011 ins Leben gerufenen «Slow Food Convivium Oberaargau» bringt er seine Berner Wahlheimat auch national ins Gespräch.
«Slow Food» ist eine unabhängige, internationale Bewegung, die regionale Spezialitäten fördert und vermarktet, wie zum Beispiel die Brunnenkresse der Familie Motzet in Wynau.

Mit dem Preisgeld nach Italien
Jetzt wird Werner Stirnimann von der Langenthaler Stiftung Trummlehus mit dem Prix Tambour ausgezeichnet (siehe Kasten). «Es ist für mich ein schönes Zeichen der Wertschätzung – und auf das Preisgeld von 5000 Franken freue ich mich natürlich.»
Gleichentags sei bei ihm jedoch auch eine Steuerrechnung eingetroffen, die in etwa diesen Betrag ausweise, sagt er, lacht und fügt an: «Im Ernst, wir werden uns dank dem Preisgeld zusätzliche Ferien leisten.» Fragt man ihn, ob er dann irgendwo im Grenzland an der Rot unterwegs sein wird, kommt umgehend ein Nein. Es zieht in vielmehr nach Italien. «Denn der Blick auf das Fremde schärfe letztendlich den Blick auf die eigene Region.»

Von Elsbeth Anliker


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