• Erwin Sommer: «Die Schule sollte bilden können und nicht erziehen müssen.» · Bild: Leroy Ryser

24.02.2017
Oberaargau

«Den Lehrplan 21 sehe ich als grosse Chance»

Wie gut ist unser Bildungssystem? Darüber scheiden sich die Geister, von den Erziehungsexperten, den Politikern, über die Lehrpersonen bis hinunter zu den Eltern. Gemeinsam streben alle die bestmögliche Bildung für unsere Kinder an, über den Weg dahin ist man sich indes nicht immer einig. Der Melchnauer Erwin Sommer ist Vorsteher des Amtes für Kindergarten, Volksschule und Beratung im Kanton Bern. Der 57-Jährige nimmt im Monats-Interview Stellung zu aktuellen Fragen im Zusammenhang mit dem heutigen und künftigen Bildungssystem. Dabei bezeichnet er den umstrittenen Lehrplan 21 als grosse Chance im Hinblick auf die Bildung künftiger Schülergenerationen.

Walter Ryser im Gespräch mit Erwin Sommer, Vorsteher Amt für Kindergarten, Volksschule und Beratung im Kanton Bern

Erwin Sommer, Sie sind Vorsteher des Amtes für Kindergarten, Volksschule und Beratung im Kanton Bern. Eine spannende Aufgabe. Beschreiben Sie uns doch kurz, was an Ihrer Tätigkeit spannend und interessant ist?

Es ist vor allem die Zusammenarbeit mit Menschen aus der Verwaltung, der Politik oder den Eltern. Das Erarbeiten von möglichst guten Rahmenbedingungen für die Schule sowie die Suche nach Lösungen machen den Job ungemein interessant. Spannend finde ich aber auch das Entwickeln von Konzepten und Ideen. Gerade in diesem Bereich gibt es aktuell sehr viele hochinteressante Projekte, die am Entstehen sind. Daneben darf ich auch den Regierungsrat als Berater ins Parlament begleiten, was ebenfalls eine interessante Aufgabe darstellt. Und dann wäre da auch noch die Führung des Amtes mit seinen 240 Mitarbeitenden. All dies macht meinen Job vielfältig, interessant und spannend. Kein Tag verläuft gleich wie der vorangehende, immer wieder werde ich mit neuen Themen konfrontiert.

Bildung ist in aller Munde, und trotzdem hören und lesen wir immer wieder, dass in der Schweiz viele Schulabgänger nicht richtig lesen und schreiben können. Bilden wir zu wenig gut aus, oder liegt es eher daran, dass sich ein Teil unserer Kinder heute gar nicht mehr ausbilden lässt?

Heute kann man nicht mehr alles vor­aussetzen, was früher alltäglich war. Bei einigen Kindern fehlen gewisse Voraussetzungen wie eine gute Ernährung oder genügend Schlaf – eine Grundvoraussetzung, damit man überhaupt in der Lage ist, den Bildungsstoff aufzunehmen. Leider war Illetrismus schon 2002 bei meinem Eintritt in den Grossen Rat ein Thema. Die Schulklassen sind heterogener geworden und wegen den Sparmassnahmen auch wieder grösser. Das ist eine grosse Herausforderung für die Lehrpersonen. Deshalb sind wir aktuell daran, verschiedene Unterstützungsmöglichkeiten für Schulen im Bereich Lesen und Schreiben aufzubereiten. ‹Bewegte Geschichten› ist eines dieser spannenden Projekte zur Leseförderung. Hier geht es um Geschichten, Bewegungsspiele, Konzentrationsübungen und Auftrittsübungen. Denn Lesen kann ein Kind schnell einmal, die Frage ist jedoch, ob es auch versteht, was es gelesen hat.

Kein anderes politisches Themenfeld steht so stark unter Beobachtung wie die Bildung. Alle Politiker, die Wirtschaft, Bildungsfachleute und nicht zuletzt auch die Eltern wollen mitreden. Welche Bildung brauchen wir, um die Herausforderungen der Zukunft meistern zu können?
Weil wir nicht genau wissen, welche Herausforderungen morgen auf unsere Jugend zukommen werden, ist es wichtig, dass die Kinder nicht nur auswendig lernen, sondern ihr Wissen in neuen Situationen anwenden und adaptieren können. Viele Kinder kennen sich heute in den sozialen Medien aus, aber die meisten haben kaum eine Ahnung wie diese wirklich funktionieren. Wir sind angewiesen auf Innovation, Genauigkeit und Zuverlässigkeit. Wichtig sind vermehrt auch soziale Kompetenzen, Teamarbeit. Es braucht eine Bildung, welche die Jungen zu selbstbewussten, verantwortungsvollen, kompetenten Menschen macht.

Bei der Bildung im 21. Jahrhundert geht es nicht bloss um Inhalte, sondern je länger desto mehr auch darum, in welcher Form Wissen vermittelt wird. Der Lehrer als Referent vor der Klasse scheint auf den ersten Blick nicht mehr zeitgemäss.
Methodenvielfalt ist enorm wichtig, weil nicht alle Kinder gleich lernen. Vielfältige Unterrichtsmethoden, in Verbindung mit angepassten Formen der Lernunterstützung ermöglichen den Lehrpersonen, auf die heterogenen Voraussetzungen und Bedürfnisse der Lernenden und die Zusammensetzung der Klasse oder der Lerngruppe einzugehen. Sie variieren dabei passend zu den Unterrichtszielen die Lehr- und Lernformen, die Inszenierungsmuster und den Unterrichtsverlauf. Beispiele von Unterrichtsformen, denen bei guter Qualität der Aufgaben, der Instruktion und der begleitenden Unterstützung ein hohes Potenzial für zielerreichendes Lernen zuzuschreiben ist, sind: frontaler Klassenunterricht, Planarbeit, Formen des kooperativen Lernens, entdeckendes, problem- und projektorientiertes Lernen, das Führen von Lerntagebüchern, der Einbezug von Spielelementen in Lernumgebungen, aber auch die Nutzung von fachdidaktischen Lernmedien und von ausserschulischen Lernorten. Wichtig ist zudem auch, wie sich das Schulzimmer präsentiert, dass es sich über eine für die Schüler anregende Umgebung handelt.

Ein seit Jahren heiss diskutiertes Thema ist beispielsweise der Lehrplan 21, der im Sommer 2018 definitiv eingeführt werden soll. Wie gut oder schlecht ist dieser neue Lehrplan aus Ihrer Sicht?
Schon der Lehrplan 95 war aus meiner Sicht sehr gut. Den Lehrplan 21 finde ich nach verschiedenen Kürzungen, Ergänzungen und Überarbeitungen nun sehr gut. Ich sehe ihn als grosse Chance für unser Bildungssystem. Denn neu ist vom Kindergarten bis zur neunten Klasse ein gemeinsamer Überblick über alle Stufen einer Kompetenz vorhanden. Damit hat sich die Zusammenarbeit unter den 21 Kantonen und seit kurzem auch mit dem Fürstentum Liechtenstein deutlich vereinfacht. Die Lehrkräfte werden einheitlich ausgebildet und auch die Lehrmittelentwicklung kann gemeinsam weitergeführt werden. Erfreulich ist auch, dass wir überwiegend gute Rückmeldungen von Schulen und Lehrpersonen zum Lehrplan 21 erhalten haben.

Die Schule ist in den letzten Jahren vermehrt zum Spielball von Erziehungsfragen geworden. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass in vielen Familien Erziehungsaufgaben nur mangelhaft wahrgenommen werden, worunter nicht zuletzt die Schulen und deren Lehrpersonen leiden. Welchen Anteil an den Erziehungsaufgaben kann, muss und soll die Schule übernehmen?

Eigentlich sollte die Schule bilden können und nicht erziehen müssen. Doch manchmal kann die Schule gar nicht mehr bilden, weil den Schülern die Lernbereitschaft fehlt. Es ist deshalb so, dass Lehrpersonen heute zuerst einmal erziehen müssen – Grundlegendes ist oft nicht vorhanden – bevor sie bilden können. Deshalb wollen wir die Elternarbeit intensivieren. Das jährliche Elterngespräch wird aufgewertet, indem wir ein Kurzprotokoll verlangen. Viele Lehrer nehmen die Eltern als «Kampfeltern» wahr. Wir müssen wieder vermehrt aufeinander zugehen, denn ich bin überzeugt, dass beide Seiten voneinander profitieren können.

Aber nicht bloss mangelnde Erziehung macht den Schulen zu schaffen, auch gesellschaftliche Entwicklungen zeigen ihre  Auswirkungen in den Schulstuben, so gibt es immer mehr Schüler, die nicht mehr in der Lage sind, eine Stunde lang still zu sitzen oder sich über längere Zeit konzentriert einer Aufgabe zu widmen. Wie soll und können Schulen oder Lehrpersonen darauf reagieren?

Eine Rhythmisierung des Unterrichts ist wichtig, ebenfalls ein bewegter Unterricht sowie Konzentrationsübungen. Das kann man eigentlich in allen Fächern machen. Daneben sind auch Begegnungen im Wald, Sport- und Landschulwochen sehr sinnvoll.

Ein anderes Problem stellt die Akzeptanz gegenüber der Notengebung dar. Gemäss diversen Medienberichten haben die Rekurse und Einwände von Eltern gegen die Notengebung ihrer Kinder drastisch zugenommen. Wer hat hier das Augenmass verloren?

Eltern wollen in der Regel nur das Beste für ihre Kinder und haben den Eindruck, das laufe über die Noten. Dabei haben wir ein tolles Bildungssystem mit vielen Passerellen. Viele Eltern haben einfach komplett falsche Vorstellungen davon, was ihre Kinder einmal werden sollten. Das führt dann zwangsläufig zu Konflikten, wenn sich herausstellt, dass sich die Vorstellungen kaum verwirklichen lassen. Vielmehr sollte man sich bewusst sein, dass es sich bei der Notengebung um eine Momentaufnahme handelt und sich gewisse Wunschvorstellungen vielleicht mit einer Verzögerung, über Umwege, realisieren lassen.

Hand aufs Herz, Herr Sommer, wenn man bei der letzten Diplomfeier der angehenden Lehrpersonen an der PH Bern auf die über 100 neuen Lehrkräfte geblickt hat, dann sah man auch einige, deren Auftreten ein ungutes Gefühl hinterliess, weil der Eindruck entstand, dass diese Lehrkräfte kaum über die nötige Autorität verfügen, um eine Klasse so zu führen, wie man sich dies vorstellt.
Wie die Kinder, stehen auch junge Lehrpersonen nicht alle am gleichen Ort und verfügen über unterschiedliche Lebenserfahrung. Auch ich war 1979 als junger Lehrer ein Greenhorn, noch nicht fertig und habe viel lernen dürfen. Ich gehe deshalb davon aus, dass sich diese jungen Menschen entwickeln werden und mit der Verantwortung wachsen. Im Dialog mit den Kindern und Eltern werden sie über sich hinauswachsen. Wichtig ist, dass sich jede Lehrperson bewusst ist, dass sie das höchste Gut der Eltern in Obhut hält.

Die Bildungsprobleme sind vielfältig. Welche Aufgabe kommt da ihrem Amt zu, wie und wo können sie Schulen und Lehrpersonen unterstützen?
Es geht darum, möglichst optimale, stabile Rahmenbedingungen zu schaffen. Dazu haben wir verschiedene Gefässe geschaffen, damit wir Schulen und Lehrpersonen beratend zur Seite stehen können. Heute verfügen wir über einige Unterstützungssysteme. Zudem versuchen wir, die Lehrpersonen zu motivieren, ihre guten Erfahrungen, ihr Wissen, weiterzugeben und in einen pädagogischen Dialog zu treten, um voneinander profitieren zu können.

Schüler, die sich nicht konzentrieren können oder keine Manieren haben, Eltern die rekurieren, ein Lehrplan der viele überfordert, Lehrer sein ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Weshalb ist es dennoch der schönste Beruf, den man ausüben kann?
Kinder sind offen, spontan, direkt, ehrlich, meist wissbegierig und unsere Zukunft. Die Arbeit an und mit den Kindern bedeutet eine wichtige Investition in die Zukunft. Es ist ein Beruf mit Menschen, weshalb jeder Tag anders ist. Manchmal vermisse ich die Arbeit an der Front. Es ist doch schön, wenn man sieht, wie sich junge Menschen entwickeln.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Schulzeit?
Ich war schon im Kindergarten ein Lausbub. Dort musste ich oft vor die Türe, und gerade deshalb habe ich später als Lehrer und Schulleiter solche Kinder gut verstanden und ihre Interventionen nicht persönlich genommen. Als Lehrer braucht es immer auch eine gewisse Portion Humor und Selbstkritik.

Was bedeutet Bildung heute für Sie persönlich?
Lesen, schreiben, rechnen, Sprache lernen, IT, Mikro- und Makrokosmos kennen lernen, Sport, Musik, Gestalten... Bildung ist ein grosses Vorrecht, das nicht alle Menschen auf dieser Welt haben. Bildung ist ein Türöffner zu anderen Menschen und in die ganze Welt. Bildung ist neben Wasser einer unserer wenigen ‹Bodenschätze› in der Schweiz.

Früher mussten fehlbare Schüler das Schulzimmer verlassen. Wen würden Sie, Kraft Ihres Amtes, gerne einmal vor die Türe stellen?

Das Initiativkomitee gegen den Lehrplan 21. Ich würde sie gerade jetzt im Winter etwas länger in der Kälte ausharren lassen, damit sich gewisse Gemüter etwas abkühlen können.

Am Ende aber führt kein Weg am Schulzimmer vorbei. Wir alle müssen uns schulen. In welchen Bereichen möchten Sie, dass künftige Generationen besser geschult werden?
Es ist mir ein Anliegen, dass wir gewisse Werte weiter vermitteln, wie Rücksichtnahme, Vertrauen, Nächstenliebe, aber auch im Bereich Sprachen, Mathematik, Medien und Informatik sehe ich Entwicklungspotenzial.

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