• Gut 2000 Zuschauer wohnten dem Cupknaller zwischen Brandis und dem Schweizermeister SC Bern in der Huttwiler Eishalle bei. · Bild: Marcel Bieri

22.09.2017
Sport

Der Eventcharakter stand im Mittelpunkt

Im grössten Spiel der Clubgeschichte verliert der EHC Brandis im Cupspiel gegen Schweizermeister SC Bern mit 2:9. Die Partie vor 2099 Zuschauern in der Huttwiler Eishalle war primär ein Event.

Eishockey · «Es herrscht wieder Leben in der Huttwiler Eishalle.» Nicht wenige der Matchbesucher äussern sich am Mittwochabend mit einem glückseligen Unterton so. Dabei handelt es sich vor allem um Eishockeyanhänger, welche die goldenen Tage des damaligen Sportcenters miterlebten. Beispielsweise am 12. Februar 1998, als die «Ära Krueger» beim legendären Länderspiel zwischen der Schweiz und Kanada – begleitet von einer Rekordschlägerei und -strafenflut – mit dem 3:2-Erfolg der «Eisgenossen» in Huttwil so richtig begann. Damals war die Eishalle mit 3650 Zuschauern ausverkauft. Letztmals richtig viele Zuschauer an einem Eishockeyspiel in Huttwil hatte es am 19. März 2011. Damals besiegten die heimischen Huttwil Falcons bei ihrem letzten 1.-Liga-Heimspiel der Vereinsgeschichte den HC Red Ice Martigny mit 5:3 und wurden wenige Tage später Amateur-Schweizermeister. 2415 Zuschauer verfolgten damals diese Partie. 

Beim Cupspiel zwischen dem Erstligisten Brandis und dem Schweizermeister SC Bern am Mittwoch fanden 2099 Zuschauer den Weg in die Huttwiler Eishalle. Wegen der Infrastruktur und dem grösseren Fassungsvermögen wurde die Partie von der Sporthalle Brünnli in Hasle (1100 Plätze) in die Eishalle auf dem Campus Perspektiven in Huttwil verlegt. 


Beste Brandis-Phase beim Frühstart

Bereits deutlich vor Matchbeginn bevölkert die Masse das Areal der Eishalle. Man tauscht sich aus, fachsimpelt, egal, ob man eine Ahnung vom bevorstehenden sportlichen Geschehen hat oder nicht. Sehen und Gesehen werden, lautet bei einem Teil der Besucher die Devise. Es hat viele Foodstände. Der Anlass ist primär ein Event. Einer, der fünf Minuten zu früh beginnt. Dies, weil die Partie von «blick.ch» live übertragen wird. So kommts, dass alle pünktlichen Zuschauer die beste Phase des haushohen Aussenseiters verpasst. Pech gehabt. Brandis feuert nach 35 Sekunden nicht nur den ersten Schuss ab, nein, die Equipe von Teamchef und SCB-Urgestein Andreas Beutler besitzt nach drei Minuten die erste Topchance. Wie wäre wohl die Partie verlaufen, wenn Roman Messerli getroffen hätte?  Hätten die blutigen Amateure die Profisportler länger gekitzelt als sieben Minuten?  Gian-Andrea Randegger eröffnet für den Schweizermeister das Skore. Im Gästesektor beginnts zu «toben». «Es kommt schon gut. Unsere Berner werden den längeren Atem haben und deutlich gewinnen», sagt der gebürtige Eriswiler Daniel Jost zu diesem Zeitpunkt. Jost, der praktisch keine SCB-Heimpartie verpasst, freut sich besonders: «Es handelt sich für mich quasi um ein Heimspiel. Und wir Fans sind in Huttwil viel näher am Spielgeschehen dran als auf der steilen Rampe in Bern.» 


Brandis-Burger schmeckte auch den SCB-Fans

Pause. 47 Mitglieder des Turnvereins Ufhusen stehen beim Event als Helfer im Einsatz. «Dumm tue» lohnt sich nicht, denn mit Michael Bernet steht ein Schweizer Spitzenringer als Security-Mann im Einsatz. «Ach, es ist alles so harmonisch hier. Ich werde einen geruhsamen Abend erleben», meint der Trainer der NLB-Ringermannschaft Ufhusens. Wer keine Wurst mag, bestellt einen Burger. Doch tun dies die SCB-Fans auch in der nur für sie zugänglichen Foodecke, wenn der Snack dort mit «Brandis-Burger» angepriesen wird? «Oh ja. Es sind schon viele Burger über die Theke gegangen. Die SCB-Fans solidarisieren sich, gönnen dem organisierenden Verein einen Batzen», meint Verkäuferin Nadja Zimmermann vom TV Ufhusen. 

«Let’s go Brandis, let’s go» 

Während die «Mutzen» in ihrer Stadionecke praktisch das ganze Spiel über Fangesänge anstimmen und für Partylaune sorgen, bleibt es in der Halle sonst eher ruhig. Nur wenige Die-hard-Brandis-Fans sind auszumachen. Ein richtiger ist Ronnie Schmutz aus Lützelflüh. «Let’s go Brandis, let’s go», schreit er mit seinen Kollegen. Fahne, Ratsche und Trommel inklusive. «Ich besuche gerne Brandis-Spiele. Mein Lieblingsspieler ist Adrian Steiner. Ich spiele selber als Verteidiger bei den Brandis-Moskitos Eishockey», gibt der 12-Jährige kurz angebunden zu Protokoll. Er will «fänen» und nicht dem lästigen «Schurni» antworten. Die Partie nimmt ihren erwarteten Lauf. «Ahhh» und «Uhhh» hallt es durch die Eishalle, wenn Brandis zu guten Abschlüssen kommt. Doch gegen einen solch übermächtigen Gegner müssen die wenigen Chancen, die sich bieten, 100-prozentig und eiskalt ausgenutzt werden. Dies unterlässt Brandis – und verliert. Doch der Jubel ist gross, als Sven Nägeli und Patric Buri für Brandis skoren. Auch bei den SCB-Fans. «Das ist gut so. Immerhin spielt ein Kollege von mir bei Brandis», lacht Hannes Gafner, langjähriger SCB-Abobesitzer und 4.-Liga-Spieler beim Hockeyclub Mühlethurnen. Mit dem engagierten Auftritt in Huttwil verdient sich der Schweizermeister Respekt. Und das NLA-Team zeigt Grösse. Ausser Star-Goalie Leonardo Genoni (amtet als Türöffner) stehen sämtliche grossen Namen auf dem Eis. Das zahlende Publikum bekommt etwas fürs Geld geboten. Aber nicht Tristan Scherwey, Mark Arcobello, Thomas Rüfenacht, Mika Pyörälä oder Doppeltorschütze Dario Meyer sind an diesem friedlichen Cupabend in Huttwil die grosse Nummer. Nein, Elite-Junior Colin Gerber stiehlt allen die Show. Der 19-Jährige läuft um sein Leben respektive drängt sich für weitere Einsätze bei den Grossen auf.


Brandis-Spieler bedanken sich bei den SCB-Fans
2:9 steht am Ende auf der neuen Campus-Anzeigetafel. Die Amateure verlieren, fassen aber kein «Stängeli». Alle sind zufrieden. Das Cupspiel ist ein Event. Höhepunkt der kollektiven Glückseeligkeit: Die Brandis-Spieler verabschieden sich bei den zujubelnden SCB-Fans. Vergleich: Die SCL Tigers verabschieden sich nach einem Meisterschaftsspiel in Bern mit erhobenen Stöcken bei den SCB-Fans. Undenkbar. Im Cup eine wunderbare Sache. Passiert am Mittwoch, beim grössten Brandis-Spiel der Clubgeschichte.  

Von Stefan Leuenberger

Matchtelegramm: 20. September. – Campus Perspektiven, Huttwil. – 2099 Zuschauer. – SR: Heb­eisen/Weber; Kovacs/Schüpbach. – Tore: 7. Randegger (Noreau, B. Gerber) 0:1. 11. D. Meyer (Noreau) 0:2. 17. Kämpf 0:3. 24. Nägeli 1:3. 28. Raymond (Untersander, Haas/Ausschluss Liechti) 1:4. 31. Heim (Andersson) 1:5. 34. Pyörälä (Randegger, Raymond) 1:6. 36. C. Gerber (Heim) 1:7. 48. D. Meyer (Raymond) 1:8. 50. Buri (Schaad) 2:8. 53. Arcobello (Moser, Rüfenacht) 2:9. – Strafen: Brandis 2x 2 Minuten; SC Bern 1x 2 Minuten. – EHC Brandis: L. Gasser (41.Witschi); Scheidegger, R. Schütz; Schaad, Liechti; Oberli, Gasser; Mosimann, Tschanz; Nägeli, Lüthi, Messerli; Buri, Holzer, Schlapbach; Steiner, Blaser, M. Meyer; P. Meyer, Hain, Gurtner. – SC Bern: Caminada; B. Gerber, Noreau; Burren, Untersander; Wolf, Andersson; C. Gerber, Dubois; Moser, Arcobello, Rüfenacht; Scherwey, Haas, Bodenmann; Raymond, Pyörälä, D. Meyer; Randegger, Heim, Kämpf. – Bemerkungen: EHC Brandis ohne M. Schütz, Seematter (rekonvaleszent); SC Bern ohne Genoni, Ebbett, Berger (geschont); Krueger, Blum, Kamerzin, Hischier (verletzt).

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