• Gasthof Krummholzbad: Autor Walter Däpp (links), der Berner Herzchirurg Thierry Carrel und seine Frau Sabine Dahinden Carrel reden im unterhaltsamen Talk über das Buch «Thierry Carrel – Von Herzen». · Bild: Elsbeth Anliker

05.12.2016
Emmental

Der König der Herzen lässt Patienten erzählen

Er ist der Star unter den Schweizer Herzchirurgen: Thierry Carrel. Walter Däpp porträtiert in seinem Buch «Von Herzen» 20 seiner Patienten und damit auch ihn selbst. Im Gasthof Krummholzbad in Heimisbach sprachen der Autor, Carrel und dessen Ehefrau Sabine Dahinden im Talk über das Buch.

Heimisbach · Fritz Wittwer – der «Tierlifritz» –  ist der  ehemalige Tierarzt aus Kleindietwil. Der heute 81-Jährige hat zwei Herzoperationen hinter sich. Die erste im Alter von 72 Jahren, nachdem er am eigenen Herzen Geräusche gehört hatte. «Aus Neugier habe ich einfach mal mit dem Stethoskop mein Herz abgehört.» Die zweite, als er von einer Kuh abgedrängt worden war und seine reparierte Herzklappe komplett abgerissen wurde. «Die Kuh drückte mir so gewaltig auf den Brustkorb, dass ich glaubte, ich werde zusammengequetscht.» Fritz Wittwer erhielt eine biologische Mitralklappenprothese, die heute noch perfekt funktioniert. Genau um solche Krankengeschichten geht es im 2015 erschienenen Buch «Thierry Carrel – Von Herzen», das Carrel zusammen mit Autor Walter Däpp verfasst hat. 20 seiner Patienten erzählen von ihrer Krankheit, der Behandlung, dem Hoffen und Bangen. Carrel seinerseits beleuchtet im Buch die ­medizinischen Aspekte der Eingriffe. «Ohne dass ich dabei war, besuchte Walter Däpp meine Patienten und hat sie so eingeschätzt, wie ich es selber auch getan hätte», erzählt Thierry Carrel über sein Buch.
Der Professor an der Universität Bern und Direktor der Klinik für Herz- und Gefässchirurgie am Berner Inselspital ist an diesem Abend hochprominenter Gast im «Krummholzbad» in Heimisbach. Die Wirtefamilie Sommer organisierte den unterhaltsamen Talk im Rahmen ihres Kulturprogramms. Carrel und seine Ehefrau – SRF-Moderatorin Sabine Dahinden Carrel – erzählen den Anwesenden zuerst mal amüsant, wie sie den Weg ins Emmental nach Heimisbach fast nicht gefunden hätten.

Herzchirurg mit Herz
«Wenn es um Glück und Liebe geht, kommt kein Dichter, kein Maler und kein Musiker um das Herz herum, auch Carrel nicht, wenn er betont, mit welcher Begeisterung und Leidenschaft er Herzchirurg ist», so Talkmaster Walter Däpp. Er ist Journalist und Autor in Bern und hat drei Jahrzehnte vor allem für den «Bund» gearbeitet. Am Radio (SRF1) ist er mit seinen «Morgengeschichten» zu hören. Mit dem Herzen allein, «diesen drei- bis vierhundert Gramm Gewebe, könne man ein Leben als Forscher füllen und wisse dann immer noch nicht alles darüber», so Carrel. Walter Däpp porträtiert in seinem berührenden Buch nicht «nur» die Patienten einfühlsam, sondern zeichnet auch das Bild eines Chirurgen, das all jene eines Besseren belehrt, die der Spitzenmedizin ein menschliches Anlitz absprechen.

Praktisch immer erreichbar
Seit Beginn seiner Tätigkeit als Herzchirurg hat Thierry Carrel über 10  000 Eingriffe durchgeführt. Trotzdem aber: «Routine – das gibt es in der Herzchirurgie nicht», betont er. Und: «Ein Herz zu entfernen und ein neues einzunähen, ist für uns Ärzte nach wie vor spektakulär.» Sein Grundsatz war immer: Organspende ja – aber freiwillig.
Was zeichnet aber den guten Herzchirurgen aus? «Er muss begeisterungsfähig sein – engagiert, kompromisslos und verfügbar», so Carrel. Und er nimmt sich Zeit für seine Patienten: «Wenn ich in Bern bin, gehe ich oft abends zu ihnen, auch samstags und sonntags; meine Mitarbeiter wissen, man kann mich Tag und Nacht anrufen. Ich bin praktisch immer erreichbar.»  

Velofahren und Musik
Walter Däpp fragt, wie Carrel es schaffe, pro Woche bis zu 100 Stunden zu arbeiten und nebenbei noch Zeit für Sport, Musik und die Familie zu finden. «Ohne ein eingespieltes Team, in dem alle blind einander vertrauen, wäre das gar nicht möglich», erklärt der Klinikdirektor. «Die Klinik müsse ja auch mal ohne ihn laufen.» Der 56-jährige Herzchirurg ist Vater einer Tochter aus erster Ehe. In seiner Freizeit ist er immer wieder mit seinem Rennvelo unterwegs – und spielt leidenschaftlich gern Bassposaune im symphonischen Blasorchester Concordia in Freiburg.

«Er packt unglaublich vieles an»
«Wir haben einen gemeinsamen Rhythmus gefunden», sagt Sabine Dahinden. So etwa am Zmorgentisch «für eine schnelle gemeinsame Tasse Kaffee.» Sie muss dann den Zug nach  Zürich erwischen. Für sie ist im TV-Studio Leutschenbach Arbeitsbeginn um zehn Uhr. Dahinden erzählt weiter: «Thierry ist sehr konsequent. Wenn er etwas anpackt – und er packt unglaublich vieles an – zieht er es mit Herzblut durch.» Seit 2000 engagiert er sich  ehrenamtlich für den Aus- und Aufbau eines Herzzentrums in der russischen Uralstadt Perm. Über zwei Dutzend Mal war er schon dort und operierte Kinder und Jugendliche am Herzen. Um die Finanzierung verschiedener humanitärer Projekte sicherzustellen, hat Carrel zusammen mit Kollegen der Berner Herzmedizin «Corelina – die Stiftung für das Kinderherz» gegründet (siehe Kasten).  

Sein ehemaliger Patient
Aus dem Buch «Von Herzen» liest Sabine Dahinden als Abschluss einige Zeilen des Vorwortes, geschrieben von Alt-Bundesrat Hans-Rudolf Merz. Er wurde 2008 von Thierry Carrel operiert. Der Herzchirurg setzte ihm fünf Bypässe ein und holte ihn so ins Leben zurück. Hans-Rudolf Merz: «Thierry Carrel überzeugt durch sein Können, seinen Mut, seine Hingabe  – und seinem Respekt vor den Menschen.»

«Corelina» – Stiftung für das Kinderherz  
Die Stiftung Corelina ermöglicht herzkranken Kindern aus der Schweiz und dem Ausland die medizinische Behandlung und Betreuung. Stiftungsratspräsident ist Thierry Carrel, Direktor der Universitätsklinik für Herz- und Gefässchirurgie am Berner Inselspital. Angehörigen von betroffenen Kindern kann die Stiftung Unterstützungsleistungen gewähren. Sie unterstützt im Bereich Kinderherzmedizin Forschungs- und Hilfsprojekte weltweit, hat gemeinnützigen Charakter und verfolgt keinerlei Erwerbszweck. Weitere Informationen: Thierry Carrel, Stiftungsratspräsident, Tel: 079 226 84 10 / thierry.carrel@corelina.ch / www.corelina.ch

Von Elsbeth Anliker

 

 

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