• Auch in diesem neuen Huttwiler Wohngebiet herrscht ein grosser Leerwohnungsbestand. · Bild: Leroy Ryser

25.05.2018
Huttwil

Der Oberaargau schafft es in die «Rundschau»

SRF 1 mit der Sendung «Rundschau» widmete am vergangenen Mittwochabend eins der Themen dem Leerwohnungsbestand in der Schweiz. Der Oberaargau und insbesondere die Gemeinde Huttwil rücken dabei ins Zentrum. Der zuständige Huttwiler Gemeinderat Hans Mathys gibt Auskunft, weshalb trotz zahlreichen (neuen) Leerwohnungen noch 190 weitere geplant oder bereits im Bau sind.

Der Oberaargau ist «Spitzenreiter» im nationalen Leerwohnungsbestand. Darauf ist inzwischen auch das Fernsehen SRF aufmerksam geworden und hat zum aktuellen Thema die Region ins Visier gefasst. Dass neue Mietwohnungen ein- bis eineinhalb Jahre leer stehen würden, bis sie erstmals vermietet werden können, sei normal, sagte in der Sendung «Rundschau» der Immobilienmakler Walter Minder. Damit müsse ein Investor rechnen. Minder preist dem «Rundschau»-Team (verhältnismässig) günstige, attraktive, teils sogar luxuriöse Wohnobjekte in Madiswil und Obersteckholz an.

Bevölkerungszahl stagniert
In Huttwil aber steht Gemeinderat Hans Mathys den kritischen Fragen von SRF 1 Rede und Antwort. Seit Jahren ist die Bevölkerungszahl in etwa gleichgeblieben, ist nur marginal gewachsen – in keinem Verhältnis zu den Wohnungen, die neu entstanden sind. Liegenschaften mit neuen Wohnungen schiessen wie Pilze aus dem Boden. Viele neue Mietwohnungen stehen seit Monaten, ja seit Jahren leer, in einem grösseren Wohnobjekt 100 %, in weiteren Wohnblöcken ebenfalls rund 80 %. «Das schadet unserem Image», ist sich Hans Mathys bewusst.
Und es schadet auch der Gemeindekasse. Denn die öffentlichen Infrastrukturen müssen mithalten. Es braucht neue Strassen, neue Kanalisationen, es muss mehr Schulraum eingeplant und gebaut werden, obwohl das Bevölkerungswachstum und damit auch die notwendigen höheren Steuereinnahmen ausbleiben. Nichts destotrotz – 190 weitere Wohnungen sind geplant oder befinden sich schon im Bau. Ändern könne man dies kaum, stellt Hans Mathys gegenüber SRF 1 fest. Die Gemeinde selbst besitze fast kein Bauland. «Die Investoren jedoch haben ihre Freiheit, sie haben das Bauland gekauft, sie haben auch das Geld, um auf diesem Land zu bauen.» Hätte man den Bauboom eindämmen wollen, hätte man früher damit beginnen sollen. Jetzt seien viele Projekte am Laufen; sie zu stoppen würde sehr schwierig sein. Mit andern Worten: Als sich abzeichnete, dass kein Bedarf an Neuwohnungen besteht, waren schon tonnenweise Steine ins Rollen geraten.
«Also habt ihr Wohnungen in der Gemeinde, bei welchen Sie selbst das Gefühl haben, dass es diese nicht brauchen würde?», will die SRF-Redaktorin wissen. «Leider ist das so», bestätigt Hans Mathys.
Weiteren Leerwohnungsbestand zu verhindern, würde deshalb auch mit verantwortungsbewusstem Bauen zusammenhängen. In der Region gibt es durchaus Investoren und Bauleute, die schrittweise bauen und immer erst dann die nächste Etappe angehen, wenn Verkauf oder Vermietung der Objekte gesichert sind, u.a. am Eichmattweg in Rohrbach, der im Fernsehen ebenfalls kurz eingeblendet wurde.
Obwohl der Oberaargau bezüglich Leerwohnungen ein negatives «Paradebeispiel» auf Schweizer Boden darstellt – er steht mit seinem ausartenden Baufieber bei weitem nicht alleine da. Die Kantone, gerade auch der Kanton Bern, wollen möglichst viele Baureserven behalten, weil sie ein grosses Bevölkerungswachstum erwarten. Laut dem «Rundschau»-Beitrag verschwindet in der Schweiz trotz (lückenhaftem) Raumplanungsgesetz täglich eine Kulturlandfläche in der Grösse von acht Fussballfeldern.
Die Jungen Grünen haben deshalb die eidgenössische Volksinitiative «Zersiedelung stoppen – für eine nachhaltige Siedlungsentwicklung (Zersiedelungsinitiative)» eingereicht, mit welcher sie den Kulturlandverlust eindämmen wollen. Die Initiative soll die Rahmenbedingungen für nachhaltige Quartiere deutlich verbessern, soll die Zersiedelung durch Kompensation von Neueinzonungen wirksam stoppen, keine weiteren Ausnahmen für das Bauen ausserhalb der Bauzonen zulassen und moderate Aufstockungen ermöglichen. Die Initiative kommt nächste Woche vor den Nationalrat.
Sie wird es schwer haben. Sowohl der Bundesrat und die Umweltkommis-sion des Nationalrats als auch der Ständerat empfehlen sie zur Ablehnung. «Ein Thema mit Zündstoff», kommentierte der Rundschau-Moderator Sandro Brotz.

Von Liselotte Jost-Zürcher


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