• Clemens Bracher aus Wasen wird an den Olympischen Spielen im Zweier- wie auch im Viererbob an den Start gehen. · Bilder: Keystone

  • Ein starkes Duo: Anschieber Michael Kuonen und Pilot Clemens Bracher holten diese Saison den ersten Weltcupsieg, EM-Silber und SM-Doppelgold.

02.02.2018
Sport

«Die bestmögliche Leistung abrufen»

Interview: Stefan Leuenberger im Gespräch mit Clemens Bracher, Bobpilot aus Wasen – Der 31-jährige Bobpilot Clemens Bracher aus Wasen ist der Aufsteiger im Schweizer Wintersport. Mit gewaltigen Leistungen holte er sich die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Pyeongchang. Nach dem Gewinn des Club 88-Sportpreises reist er topmotiviert nach Südkorea.

 

Bob · Ein Sportpreis-Sieg wenige Tage vor den Wettkämpfen an den Olympischen Spielen. Ein besseres Doping dürfte es nicht geben?
Das ist genau so. Die Ehrung ist eine Genugtuung für Zeit und Energie, die ich zuletzt investiert habe. Dass meine Leistungen anerkannt werden, ist ein sehr schönes Gefühl. Ich bedanke mich beim grosszügigen Club 88 für diese Ehrerbietung.

2014/2015 haben Sie als Bobpilot begonnen und die Vision «Auf dem Weg nach Pyeongchang» kundgetan. Sie haben es mit beiden Schlitten geschafft. Wahnsinn, nicht?
Bei der Gründung eines eigenen Bobteams wollte ich ein klares Ziel. Die meisten Leute haben mich aufgrund der ambitionierten Zielsetzung ausgelächelt – etliche sogar noch anfangs dieser Saison. Dies hat mich umso mehr angestachelt, so quasi nach dem Motto «denen zeige ich es». Ich habe mich nie von meinem Weg abbringen lassen und musste viele Opfer bringen. Schön, ist es nun aufgegangen.  

Sie werden von den Medien als der herausragende Aufsteiger im Schweizer Wintersport gefeiert.
Dies ist naheliegend, weil ich von 0 auf 100 zum Erfolg kam. Die Grosserfolge folgten dicht aufeinander. Darum war das Medieninteresse gross. Ich kann dies aber gut einordnen. Es ist eine Momentaufnahme. Und ich lasse mich dadurch nicht aus meiner Olympia-Konzentration reissen.

Wie verhält es sich daheim in Wasen, wo Sie sportlich zusammen mit den Schwingern im Fokus stehen. Hat es einige Schulterklopfer gegeben?
Ich muss zugestehen, dass ich selbst praktisch nichts mitbekommen habe. Dies hängt aber vor allem damit zusammen, dass ich zuletzt viel unterwegs und kaum zu Hause war. Meine Eltern haben mir aber viele positive Reaktionen übermittelt. Diese freuten mich sehr – und motivieren.

Welche Hürde war für Sie auf dem langen Weg an die Olympischen Spiele die höchste?
Es waren drei sehr hohe Hürden. Die Gesundheit (auch mental), die Finanzen (die happige Sponsoringarbeit) und die Organisation, welche aus Training (ein Muss, um sportlich mithalten zu können), Ruhezeit (ein Muss, um immer wieder angreifen zu können) und Arbeit (ein Muss, um die Sportkarriere überhaupt zu ermöglichen) bestand. Gerade in der letzten Olympia-Vorbereitungsphase war die Organisation eine ungemein hohe Hürde, welche an den Kräften zehrte.
 
Mit Michael Kuonen, ihrem stärksten Pferd im Bobteam Bracher, haben Sie im Dezember Ihr allererstes Zweierbob-Weltcuprennen gewonnen. Eine Woche später folgte EM-Silber in Innsbruck. Die Umsetzung Ihres Könnens sowie der Lohn für jahrelange harte Trainingsarbeit?
«Chüeni» ist effektiv mein bester Mann. Wir fahren die vierte Saison zusammen. Es geigt zwischen uns. Er trägt grossen Anteil am Erfolg. Die Grosserfolge kamen schon ein bisschen aus heiterem Himmel. Wir haben anderseits immer gewusst, dass es weit nach vorne reichen kann, wenn absolut alles zusammenpasst. Und es passte. Es geht aber schnell. Nach dem Weltcupsieg in Winterberg lief es uns beispielsweise am Heimweltcup in St. Moritz mit Rang 16 überhaupt nicht gut. Dafür schafften wir am Weltcup in Königssee mit Rang 9 ungefähr das, was für uns möglich ist.

200 000 Franken beträgt Ihr Saisonbudget. Haben die Grosserfolge mit dem kleinen Schlitten etwas Geld in die Kasse gespült?
Nein, denn es gibt keine Preisgelder. Für den Gewinn der EM-Silbermedaille erhielt ich von Swiss Olympic eine Prämie von 3000 Franken. Im Bobsport muss das Geld über das Sponsoring beschafft werden. Lukrativ wäre ein Olympiasieg. Dafür gäbe es von Swiss Olympic eine Prämie von 20 000 Franken.

Die finanziellen Mittel für die Olympiasaison sind aber nicht ungenügend?
Sie sind ganz bestimmt besser als in den Saisons zuvor. Ich konnte aber mein angestrebtes Budget für die aktuelle Saison nicht erreichen. Dadurch muss ich besonders beim Material Abstriche machen. Dies ist nicht optimal, denn gerade einige zusätzliche Kufen, um variantenreicher aufgestellt zu sein, wären sehr willkommen. 

Mit dem Zweier läuft es ausgezeichnet. Sie können in Pyeongchang mit Ihrem Stammanschieber Kuonen antreten. Was darf vom Aufsteiger der Saison erwartet werden?
Wir bereiten uns akribisch vor und wollen dann in Pyeongchang unsere bestmögliche Leistung abrufen. Was dann rangmässig resultiert, werden wir sehen. Läuft es uns wieder so gut wie beim Weltcupsieg in Winterberg, ist einiges möglich. Ganz wichtig ist, dass wir die Lockerheit bewahren.

Clemens Bracher und eine Olympiamedaille – wie tönt dies in Ihren Ohren?
Es tönt sehr gut. Aber wir sollten realistisch bleiben.

Falls der Medaillenanwärter aus Wasen den Exploit schafft: Wäre ein Medaillengewinn an Olympia gleichbedeutend mit dem Karrierenende?
Es sind andere Faktoren, welche dies bestimmen. So laufen sämtliche Sponsoringverträge aus. Weiter muss ich schauen, ob meine Gesundheit ein Weiterfahren zulässt. Und die künftige Zusammenstellung des Bobteams Bracher – es wird Rochaden geben – spielt auch eine Rolle.

Verspüren Sie Druck, nach den gigantischen Erfolgen liefern zu müssen?
Nein, absolut nicht. Ich lasse mich nicht verrückt machen, lese einige Medien im Vorfeld der Spiele nicht mehr. Ich weiss, zu was wir fähig sind.

Wird Sie der Splitter in Ihrem Knie, Resultat eines Trainingssturzes im November, während den Olympiaeinsätzen nicht handicapieren?
Wenn ich das Knie anwinkle oder länger sitze, verspüre ich ein Stechen. Während einem Wettkampfeinsatz bemerke ich aufgrund des Adrenalins nichts. Aber optimal ist der Zustand sicher nicht. Aufgrund der Wundheilungs-Dauer habe ich aber auf einen operativen Eingriff vor den Olympischen Spielen verzichtet. Nach Py-eongchang muss ich aber unbedingt schauen, da die Gefahr besteht, dass der Splitter beispielsweise das Kreuzband verletzt.

Liegt Ihnen die Olympiabahn?
Ich bin noch nie diesen Eiskanal hinuntergefahren. Das Bahnprofil spricht aber sehr dafür, dass mir diese Bahn liegen wird. Ich freue mich darauf, mich während den Testfahrten mit der Bahn anzufreunden.

Zum grossen Schlitten. Als Anschieber von Beat Hefti wurden Sie bei der Selektion für die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi übergangen. Nun haben Sie als Pilot von Swiss Olympic die Starterlaubnis erhalten, obwohl Sie die Qualifikation nicht erfüllt haben. Und Beat Hefti, der Olympiasieger von 2014, bleibt daheim.
Genau genommen habe ich die Olympia-B-Quali auch mit dem grossen Schlitten erfüllt. Ausserdem konnte ich mich bei den Direktduellen immer vor Beat Hefti klassieren. Ich denke, dass dieser Entscheid sportlich in Ordnung geht.

Nachdem der Verband entschied, dass Michael Kuonen in Pyeongchang im Vierer von Rico Peter sitzt, dürften Sie das Ziel etwas angepasst haben. Wie sieht es aus?
Es spricht im Viererbob wirklich nicht viel für uns. Und gerade diesen Umstand wollen wir nutzen. Wir haben noch genügend Zeit, um uns zu finden. Und warum sollen wir in Pyeongchang nicht über uns hinauswachsen? Trotzdem bleibt die Tatsache, dass wir mit dem Zweier die viel grösseren Chancen auf ein Spitzenresultat besitzen.

Sie verbringen zwei Wochen an der Olympiastätte, bevor die Wettkämpfe im Bob beginnen. Haben Sie Angst, dass in Südkorea irgendwelche Einflüsse – beispielsweise das Essen – Ihre Leistung negativ beeinflussen könnten.   
Nein, überhaupt nicht. Wir haben eine Organisation, die alles zur vollen Zufriedenheit der Athleten plant. Ich mache mir auch wegen der politischen Situation keine Sorgen. Und das Essen bereiten wir sowieso selber zu.

Welche Aufgaben wird Ihr Trainer, die Boblegende Christoph Langen, in Südkorea inne haben?
Er wird nicht mit nach Pyeongchang reisen. Ich bin aber trotzdem fast täglich mit ihm in Verbindung, sei es wegen den Trainingsplänen oder für Tipps. Mit seiner Erfahrung hilft er mir auch im mentalen Bereich enorm. Christoph hat grossen Anteil an meinem sportlichen Aufstieg.

Wie gross ist Ihr Team in Pyeongchang?
Die Schweizer Bobcrew – bestehend aus den Bobteams Peter und Bracher – besteht aus neun Athleten. Dem Staff gehören fünf Personen, darunter mein Mechaniker Hans Strahm, an.

Gibt es auch familiäre Unterstützung vor Ort?
Meine Eltern wollten anreisen. Dies ist aber eine sehr teure Angelegenheit. Ich habe Ihnen davon abgeraten, gerade auch im Hinblick darauf, weil wir Athleten ziemlich abgeschottet werden. Ich freue mich, wenn möglichst viele Leute daheim am Fernsehen fanen.

Sind Sie in der Vorbereitungszeit total auf Ihre Bobeinsätze konzentriert oder werden Sie sich andere Wettkämpfe ansehen?
Ich hatte noch gar nicht Zeit, zu schauen, wann welche Disziplinen laufen. Dies spielt aber auch keine Rolle. Ich möchte mich ganz auf meine beiden Wettkämpfe konzentrieren. Weiter ist es so, dass wir uns gar nicht im Olympiazentrum auf die beiden Wettkampfeinsätze vorbereiten. Wir absolvieren die letzten Trainingstage in Seoul, um uns abseits vom Rummel in Ruhe vorbereiten zu können.

Werden Sie an der Eröffnungsfeier hinter der Schweizer Flagge ins Stadion einmarschieren?
Nein, dafür werde ich an der Schlussfeier dabei sein. Und darauf freue ich mich sehr.

Info: Olympische Bobrennen im Zweier am Sonntag/Montag, 18./19. Februar (je zwei Läufe); im Vierer am Samstag/Sonntag, 24./25. Februar (je zwei Läufe).
 

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