• Erinnerungen: Regula Anliker-Aebi lässt ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen in Seoul vor 30 Jahren aufleben. · Bild: Leroy Ryser

28.09.2018
Sport

Ein Jubiläum, welches Erinnerungen weckt

Heute vor exakt 30 Jahren hat die Langenthalerin Regula Anliker-Aebi an den Olympischen Sommerspielen in Seoul als erste Schweizerin einen Halbfinal über 200 Meter bestreiten dürfen. Nur einen Tag zuvor egalisierte sie im Zwischenlauf die eigens gesetzte Schweizerische Bestmarke von 22,88 Sekunden und schaffte mit der Halbfinal-Quali ihren Karrierehöhepunkt. Erinnerungen, welche die heute 52-Jährige noch immer begeistern.

Leichtathletik · Regula Anliker-Aebi sitzt auf der Veranda und blättert in einem Ordner. Es sind Zeitungsartikel, Fotografien, Ranglisten und eine Startnummer darin enthalten, hin und wieder lächelt sie, je nach dem, worauf sie im Ordner stösst. «Es ist schön, das wieder einmal anzuschauen», sagt sie und verrät, dass der Wert der Erinnerung mit den Jahren gestiegen ist. Noch während dem Jahr 1988 habe sie gar nicht wirklich realisiert, was ihr gelungen ist. «Ich war mittendrin. Alles passierte sehr schnell und jetzt, wenn ich zurückblicke, weiss ich, dass ich damals viel erreicht habe», sagt die heute 52-Jährige. Tatsächlich hat sie damals eine kleine Sensation geschafft. Als erste Schweizerin hat sie sich im Jahr 1988 während den Olympischen Sommerspielen in Seoul für einen Halbfinal qualifiziert. Sie hat den Vor- und den Zwischenlauf überstanden, bei Letzterem egalisierte sie ihren im selben Jahr aufgestellten Schweizer Rekord von 22,88 Sekunden über 200 Meter (anno 2018 hält Lea Sprunger den Rekord mit 22,38 Sekunden).

Erinnerung an Ambiance und Gegner

Nicht nur wegen dem sportlichen Erfolg sind die Olympischen Spiele in Regula Anliker-Aebis Gedächtnis präsent geblieben. Genauso wegen dem Drumherum. Das Stadion, mit einer damaligen Kapazität von 100 000 Plätzen, war gut gefüllt, erinnert sie sich, die Ambiance entsprechend atemberaubend und imposant. «Nur schon die Eröffnungszeremonie war speziell. Das berührt einem sehr tief», erinnert sich die Sprinterin. Das damalige Event-Lied – «Hand in Hand» von Koreana – versetze sie noch heute in jene Zeit zurück, wenn es im Radio läuft. Erinnern kann sie sich derweil auch an ihre erfolgreiche Gegnerin Florence Griffith Joyner. Sie lief damals nicht nur zu Olympiagold, sondern realisierte auch noch einen Weltrekord über 100 Meter, ausserdem trat sie sehr extravagant auf. «Sie hatte lange Beine, lange gefärbte Nägel, war attraktiv und schnell. Sie war so etwas wie die Figur dieser Olympischen Spiele. Vor meinem inneren Auge kann ich ihren Auftritt noch heute sehen», sagt Regula Anliker-Aebi. Daneben bleiben auch Erinnerungen an die Aufpasser auf der Strasse, die hin und wieder sogar bei der Art und Weise intervenierten, wie Passanten einen Fussgängerstreifen überquerten. «Von der Stadt haben wir wenig gesehen. Eigentlich waren aber auch die Athleten wie eine Familie, weshalb wir es dort sehr geniessen konnten.» Eine Rückkehr an den Ort ihres grössten Erfolgs hat sie derweil noch nicht abgehalten, geplant sei er derzeit auch nicht. 

Verletzungen belasteten Karrierefortschritt

Obwohl Regula Anliker-Aebi zum Zeitpunkt dieses Karrierehighlights erst 22 Jahre alt war, sollte es ihr grösster Erfolg bleiben. Gleich mehrmals machten ihr Verletzungen das Sportlerleben schwer, unter anderem litten ihre Leistungen unter einem sogenannten Gleitwirbel im Lendenbereich. Im Jahr 1992, als die Olympischen Sommerspiele in Barcelona stattfanden, erlitt sie mehrere Verletzungen, eine im Fuss verhinderte dann auch das Erreichen der Qualifikationslimite. «Das finde ich noch heute enorm schade. Ich war in dieser Zeit sehr gut vorbereitet, hatte in den Trainings unglaublich gute Zeiten gelaufen und war zuversichtlich», erinnert sich die 170 Zentimeter grosse Athletin. Dass ihr ein weiterer Start an Olympischen Spielen verwehrt blieb, frustriere sie schon ein bisschen. «Solche Sachen gibt es aber mehrere. Ich lief beispielsweise zwei weitere Schweizerrekorde, die aber wegen zu starkem Rückenwind nicht zählten. Auch das ist schade, letztlich will ich aber nicht mit Groll zurückblicken.»
Vielmehr bleibt für Regula Anliker-Aebi ihr grosser Erfolg im Vordergrund. Auf diesen nach nun exakt 30 Jahren zurückzublicken, sei speziell und wecke durchaus positive Erinnerungen. «Ich habe damals viele Zuschriften erhalten», sagt sie und spricht speziell von einem Brief, den sie von ihrem vor 18 Jahren verstorbenen Grossvater erhielt. Daneben wurde sie auch von der Einwohnergemeinde Seeberg geehrt, von Adolf Ogi erhielt sie ebenfalls eine Gratulation. «Manchmal habe ich mich fast wie ein Star gefühlt», sagt sie sogar etwas verlegen. Durchaus sei sie deshalb auch stolz auf das Erreichte, bereuen will sie im Rückblick schon gar nichts. «Es gibt immer Nuancen, die man hätte ändern können. Vielleicht wäre hin und wieder weniger Training mehr gewesen. So denke ich aber nicht zurück», sagt die Langenthalerin und blickt auf den Ordner und lächelt: «Den werde ich in den nächsten Tagen noch ein bisschen anschauen.»

Von Leroy Ryser

EM-Silber an der Hallen-EM

Die Olympische Teilnahme ist nicht der einzige Erfolg, den Regula Anliker-Aebi in ihrer Karriere feiern konnte. Im Jahr 1989 gewann sie an der Hallen-EM in Den Haag über 200 Meter Silber, in Helsinki wurde sie im Jahr 1994 mit der 4x 400 Meter Staffel Sechste. Daneben gewann sie 15 Schweizermeistertitel und bestritt 20 Länderkämpfe. Über 200 Meter war sie 25 Jahre lang Schweizer Rekordhalterin mit einer Zeit von 22,88 Sekunden. Dieser Rekord wurde im Jahr 2014 von Mujinga Kambundji gebrochen. Regula Anliker-Aebi war damals an der EM in Zürich mit dabei und erlebte die Wachablösung als TV-Gast bei Jann Billeter. «Ich habe mich darüber gefreut. Die Zeit dazu war reif und alles hat gepasst. 25 Jahre sind eine lange Dauer», sagt Regula Anliker-Aebi heute. Anno 2018 hält Lea Sprunger den Rekord in 22,38 Sekunden. 

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