• WVO-Präsidentin Béatrice Lüthi führte durch den Frühlingsanlass. · Bilder: Liselotte Jost-Zürcher

  • Frank Duvernell stellte seine Firma vor.

16.03.2018
Oberaargau

Ein neuer möglicher Nutzen für den Oberaargau

Der traditionelle Frühlingsanlass des Wirtschaftsverbands Oberaargau (WVO) fand in der CleanroomAcademy in Wangen a.A. statt, einer jungen Firma mit deutschem Ursprung, die bewusst den Standort mitten in der Schweiz gegründet hat. Nach dem Blick hinter die Kulissen der CleanroomAcademy stand das Thema FabLab im Mittelpunkt. Professor Fritz Bircher zeigte anschaulich auf, weshalb der Oberaargau ein FabLab gründen sollte.

Wangen a.A. · FabLab ist eine Einladung, in moderner Infrastruktur das zu tun, zu schaffen, zu kreieren und zu tüfteln, was zuhause nicht möglich wäre. Eine Einladung auch, junge Talente zu ent-decken, sie durch wertvolle Gruppendynamik zu fördern und die Chancen zu steigern, dass eben diese klugen Köpfe der Region erhalten bleiben. FabLab ist eine Einrichtung, die in vielen Städten wir Bern, Zürich, Freiburg und weiteren schon existiert.
Eher zufälligerweise wurde das «Fabrikationslabor» auch im Oberaargau zum Thema. Nämlich vor einem Jahr, als sich Mitglieder des Wirtschaftsverbands Oberaargau zur traditionellen «Eiertütschete» trafen und darüber diskutierten, wie die Kursräume und die noch vorhandenen Maschinen in der Berufsfachschule Langenthal genutzt werden könnten, die nach dem Auszug von Swissmechanics verwaist waren. Die Sektion Oberaargau von Swissmechanics war aufgelöst und das Kurswesen zentralisiert worden.
Bei der «Eiertütschete» fiel das Wort FabLab und begeisterte viele Anwesende. Dies war schlussendlich der Grund, weshalb die WVO-Präsidentin Béatrice Lüthi den Gründer und Leiter des transdisziplinären Instituts für Digitaldruck iPrint in Marly, Professor Fritz Bircher, ins «Schiff» holte und diesen am Frühlingsanlass das «Fabrikationslabor» vorstellen liess.

«Selbermacher» und «Selbstlerner»
Fritz Bircher ist gebürtiger Oberländer und lebt in Madiswil. Mit seiner Begeisterungsfähigkeit gelang es ihm, den Anwesenden die Chancen aufzuzeigen, die ein FabLab in der Region bedeuten könnte.
Das Angebot wurde in  den USA entwickelt; das erste FabLab wurde 2002 in Massachusets eröffnet. Es versteht sich als eine Werkstatt zum Selbermachen und stellt den Mitgliedern einen niederschwelligen Zugang zu modernen digitalen Fabrikationstechnologien zur Verfügung.
Die eigentliche Stärke liegt in der vielfältigen Zusammensetzung von Projektgruppen. Jeder ist Lernender, kann aber nach kürzester Zeit auch Lehrender sein. Es herrscht ein wertvoller Austausch von Wissen, Können, von Quellen und Kontakten – ein hervorragendes Klima für Innovation und individuelle Kompetenzentwicklung. Das FabLab richtet sich in erster Linie an jüngere, aber ebenso an ältere Selbermacher und «Selbstlerner» oder an solche, die es werden wollen. Es ermöglicht den Zugang zur Welt der Technik, des Designs und der Fabrikation und ist in der Regel an mehreren Tagen pro Woche offen. Regelmässig werden auch gratis Schnuppernachmittage angeboten.
Das «Fabrikationslabor» bietet zudem die Möglichkeit, Know-how in Kursen und Workshops für Private, Schulen, Firmen und andere Institutionen zu vermitteln.  

«Wirtschaft muss dahinter stehen»
Ein FabLab setzt eine moderne Infrastruktur mit Laser Cutter, 3D-Printer, CNC-Fräser, Computer und Software, Handwerkzeugen und einen Elektronik-Labor voraus. «Die Anschaffungskosten liegen zwischen 60 000 und 100 000 Franken», hält Fritz Bircher fest. Für das Gelingen seien minimale Investitionen von etwa 60 000 Franken notwendig, «sonst müsst ihr gar nicht damit anfangen.»
Die Trägerschaft ist meist ein Verein, der aber vorteilsweise an eine Bildungsinstitution angeschlossen ist. Der Betrieb wird aus den Mitgliederbeiträgen, den Kosten für Maschinenstunden sowie internen und externen Workshops finanziert.
Eine Betriebsgruppe stellt den Betrieb sicher – ein Umstand, der bei der Gründung bedacht werden muss, will das Projekt zukunftsfähig sein.
«Der Nutzen für den Oberaargau ist gewiss», schloss Fritz Bircher seinen prägnanten Vortrag. «Doch die Wirtschaft muss dahinterstehen.»
Die Raumfrage, mit welcher die Idee begonnen hat, ist heute kein Thema mehr. «Der Standort könnte in Langenthal sein, muss aber nicht. Wir haben mehrere innovative Ortschaften im Oberaargau, die geeignete Räumlichkeiten anbieten könnten und sehr gute Voraussetzungen für ein FabLab mitbringen würden», sagt WVO-Präsidentin Béatrice Lüthi im Gespräch mit dem «Unter-Emmentaler».

Typische Querschnittsbranche
Der Frühlingsanlass bei der jungen Firma CleanroomAcademy in Wangen a.A. bot Gelegenheit, das 2013 gebaute und 2014 eröffnete Unternehmen kennenzulernen. Der Gründer und Geschäftsführer Frank Duvernell stellte das Cleanroom Experience Competence Center als Schweizer Plattform für Reinraumtechnologie vor.
Die CleanroomAcademy GmbH mit deutschem Ursprung hat es sich seit der Gründung 2008 zur Aufgabe gemacht, Unternehmen bei der Optimierung der Arbeitsabläufe und Qualifizierung aller im Reinraum Verantwortlichen und somit auch bei der Verbesserung der Produktqualität zu unterstützen. Sie bietet dazu ein umfassendes Spektrum an Seminaren, Schulungen, Trainings und Coachings an. Dabei stellt die Reinraumtechnologie eine typische Querschnittsbranche dar, denn sie findet in sämtlichen Bereichen von Mikroelektronik, Uhrenherstellung, Pharma, Lebesmittelproduktion, Medizinaltechnik, Fahrzeuge, Raumfahrt, Optik und vielem mehr Anwendung.

«… weil die Schweizer vieles besser machen»
«Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte in der Entwicklung der Reinraumtechnik haben gezeigt, dass das Verständnis für den Reinraum die wichtigste Voraussetzung für optimale und anforderungsgerechte Abläufe ist. Nur wer für die stattfindenden Prozesse sensibilisiert ist, kann sicher sein, dass die produktrelevanten Vorgaben eingehalten werden, denn ein reiner Raum entsteht im Kopf», so Frank Duvernell. Mit seiner Frau zog er vor Jahren in den Oberaargau, übernahm hier die Firmengründung am Standort in Wangen a.A. «weil die Schweizer vieles besser machen als die Deutschen.» Das Ehepaar, das sein Domizil in Leipzig zwar behalten hat und sich gelegentlich dort aufhält, fühle sich im Oberaargau wohl, beziehe privat und geschäftlich alle Produkte aus der Region und fühle sich getragen. «Wir sind stolz, dass wir hier sind.»
Béatrice Lüthi wies die Anwesenden darauf hin, doch unbedingt dem Ausbildungsverbund Oberaargau (AVO) beizutreten. Die Wichtigkeit der Ausbildung sei nicht zu unterschätzen und bedeute nach wie vor die Zukunft der Unternehmen. Der AVO koordiniert unter anderem das Lehrstellenwesen, den traditionellen Berufsinformationstag (BiT) und die Berufsschulschnuppertage.
Der Frühlingsanlass des WVO bot dem Regierungsratskandidaten Grossrat Philippe Müller aus Bern kurz die Möglichkeit, sich vorzustellen. Das stramme, reichbefrachtete Programm wurde mit dem von CleanroomAcademy gespendeten Apéro und angeregten Gesprächen abgeschlossen.

Von Liselotte Jost-Zürcher


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