• Gabi Jost: Im (Schul-)Garten fühlt sie sich wohl. Mit viel Engagement leitet sie zwölf Kinder zum Hegen und Pflegen des eigenen Gärtchens an und lässt sie viel über die Zusammenhänge in der Natur erfahren. · Bild: Liselotte Jost-Zürcher

27.06.2018
Huttwil

Eine Oase für die «Gartenkinder» im Städtli-Schulhaus

Im Huttwiler Schulhaus Städtli hat die Lehrerin Gabi Jost im Rahmen eines Freiwilligenfachs die Idee von Bioterra aufgenommen, Schulkindern in deren eigenen kleinen Garten die Zusammenhänge und den Kreislauf der Natur zu vermitteln. 12 Kinder der 2. bis 5. Klasse dürfen in diesen Tagen ihr erstes Gemüse ernten. An der Schulschlussfeier am Donnerstagnachmittag, 5. Juli, ist der Garten zur Besichtigung offen.

«Die Digitalisierung hat längst auch in der Schule Einzug gehalten. Das ist richtig und notwendig», stellt Gabi Jost fest. Aber das «Pestalozzi-Bildungsprinzip» Kopf – Hand – Herz sei damit aus der Balance geraten. «Der ‹Kopf› nimmt stark Überhand. Aber die Kinder brauchen alles.»
Dazu komme, dass sie selbst fasziniert sei von der Natur, dass ihr diese persönlich am Herzen liege. «Wir können die Natur nur schützen, wenn wir sie auch kennen.»
Diese beiden Hauptgründe haben Gabi Jost dazu bewogen, einen Teil des Schulgartens, der jahrelang privat bebaut wurde, im Rahmen eines freiwilligen Schulfachs wieder für pädagogische Zwecke zu verwenden. Sie setzt dabei das Projekt «Gartenkind» von Bioterra um, allerdings nicht in öffentlich belegbaren Kursen wie sie von Bioterra angeboten werden, sondern ohne Kostenfolgen für die Kursteilnehmenden und im Rahmen eines freiwilligen Schulfachs.

Praktische Unterstützung
Lanciert wurde das Projekt Gartenkind ursprünglich durch den Verein Infoklick.ch. Seit 2016 ist es in die Strukturen von Bioterra Schweiz integriert. In Freizeitkursen pflegen Kinder der 1. bis 5. Klasse von März bis Ende September wöchentlich ihr eigenes Gartenbeet und erhalten so Zugang zu vielen Naturthemen. Gartenkind unterstützt zudem Schulen auf verschiedenen Ebenen der Umsetzung, unter anderem mit der Zurverfügungstellung von Werkzeug, Saatgut und anderem. Durch das Pflanzen und Pflegen des eigenen kleinen Beetes erfahren die Kinder während einer Saison den Kreislauf und die Zusammenhänge der Natur. Sie erhalten zudem einen direkten Bezug zur Nahrungsmittelproduktion und eine Sensibilisierung für den kostbaren Boden, für ein funktionierendes, giftfreies Ökosystem und die Produktion von gesunder, einheimischer Nahrung.

Für alle Sinne
«Es geht um das Erleben, Fühlen, Riechen, Sehen», erklärt Gabi Jost im Gespräch mit dem «Unter-Emmentaler». Die Kinder erleben, wie Gemüse und Blumen wachsen, gedeihen, aber auch welchen Gefahren sie etwa durch Läuse und Schnecken, durch Frost, Nässe und Hitze ausgesetzt sind.
«Die Kinder erhalten eine völlig neue Beziehung zur Natur. Sie lernen Verantwortung tragen, etwas zu pflegen. Sie erfahren, dass in der Natur nichts schnellgeht, sondern dass das Wachstum seine Zeit braucht. Sie wissen, wieviel Arbeit es gibt, bis Gemüse konsumiert werden kann. Sie entdecken Schmetterlinge und Käfer. Sie dürfen rohes Gemüse degustieren und merken plötzlich, dass rohe Erbsen gar nicht ‹wäähh› sind, sondern süss und frisch schmecken. Viele Kinder kennen das gar nicht.»

Ein Erlebnis für die Kinder
Welch ein Erlebnis, wenn erstmals zuhause ein eigens produzierter «Rübköhli» auf dem Teller liegt …
12 Kinder der 2. bis 5. Klassen im Städtli-Schulhaus haben sich für dieses erste, in der Schule wieder zum Leben erweckte «Gartenjahr» angemeldet. Jedes Kind betreut ein halbes Beet, das wiederum in vier Teile für Stark-, Schwach- und Mittelzehrer sowie für Blumen eingeteilt ist. Dazu kommen mehrere Gemeinschaftsbeete zum Vorzeigen, für den Anbau von Kartoffeln und «Pop-Corn-Mais», für die «Multikultur» von Sonnenblumen und Kürbis sowie mit einem «Tippi» für die Stangenbohnen. Natürlich gehört auch das Kompostieren dazu.

Gift hat Einfluss auf Mensch und Tier
Im Projekt wird der biologische Anbau gefördert. So hilft beispielsweise fein verteilte Rohwolle gegen Schneckenfrass der zarten, eben hervorguckenden Rüebli, «und die Wolle hält den Boden feucht», so Gabi Jost, die seit ihrer Jugendzeit mit dem «Gärtnern» vertraut und davon fasziniert ist.
Kleine, bunt bemalte Tontöpfchen beherbergen Ohrwürmer («Ohregrübler»), welche Blattläuse fressen. Aus Petflaschen hergestellte Manschetten halten Schnecken fern. «Die Kinder lernen, dass das Gift in das Gemüse, in den Boden, in die Natur überhaupt gerät, welches beispielsweise für die Vernichtung von Blattläusen verwendet wird. Zudem vergiftet es mit den Blattläusen auch die Käfer, welche die Läuse fressen und die Vögel, welche die Käfer als Nahrung benötigen.»
In allen Lektionen wird Gabi Jost von ihrer Kollegin Franziska Schenk unterstützt. Zu den Gartenbau-Nachmittagen in der Städtli-Schule gehören Geschichten, Spiele, Quiz ... und hie und da auch eine eher unkonventionelle Planung. «Wir ermutigen die Kinder und ihre Eltern, auch in den Sommerferien hie und da einen Blick in ihr Gärtli zu werfen. Aber grundsätzlich schauen wir beim Pflanzen darauf, dass Gemüse vor allem vor und nach den Ferien geerntet werden kann.»

Tag des offenen Gartens
Im Rahmen der Schulschlussfeier am Donnerstag, 5. Juli, ab 14 Uhr, gibt es im Schulhaus Städtli auch einen «Tag des offenen Gartens». Stolz werden die Kinder ihren Eltern, Geschwistern und weiteren Bezugspersonen ihr Gärtli zeigen dürfen.
Allgemein aber dürfte es von Interesse sein, das bunte Werden und Leben im Schulgarten zu bewundern.

Von Liselotte Jost-Zürcher

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