• Sie führten eine emotionsgeladene Diskussion rund um das Thema Freihandel (von links): Markus Ritter, Heinz Kämpfer, Moderator Reto Brennwald, Valentin Vogt und Simon Michel. · Bild: Barbara Schwarzwald

25.09.2018
Region

Emotionsgeladener Herbstanlass

Am Herbstanlass der Regionalkonferenz Emmental bei der Blaser Swisslube in Hasle-Rüegsau diskutierten Valentin Vogt, Markus Ritter, Simon Michel und Heinz Kämpfer über Freihandelsabkommen. Moderiert wurde der emtotionsgeladene und interessante Abend vom Fernsehjournalisten Reto Brennwald.

Hasle-Rüegsau · Walter Gerber (Präsident Netzwerk Wirtschaft Emmental) konnte hochkarätige Referenten und interessante Podiumsteilnehmer bei der Gastgeberin Blaser Swisslube AG in Hasle-Rüegsau begrüssen. Wie offen soll die Schweiz gegenüber globalen Weltmärkten sein? Wie viel Freihandel ist nötig, um den Wohlstand in der Schweiz aufrechtzuerhalten? Oder wie weit kann zugunsten der Landwirtschaft darauf verzichtet werden? Gäbe es Möglichkeiten, um die Interessen von Wirtschaft und Landwirtschaft unter einen Hut zu bringen? Solche Fragen wurden am Herbstanlass 2018 vor dem Hintergrund eines möglichen Freihandelsabkommens mit den Mercosur-Staaten diskutiert. Als Referenten angereist waren Valentin Vogt 

(Präsident des Schweizerischen Arbeit-geberverbandes), Markus Ritter (Präsident des Schweizerischen Bauernverbandes) sowie Moderator Reto Brennwald. Als Diskussionsteilnehmer gesellten sich nach den zwei Input-Referaten Simon Michel (CEO Ypsomed) und Heinz Kämpfer (Landwirt und Präsident von Landwirtschaft Emmental) dazu.

 

Grosse Zahlen

Valentin Vogt (Verwaltungsratspräsident der Burckhardt Compression Gruppe) hat das Unternehmen aus dem Sulzer-Konzern herausgekauft. Burckhardt stellt Grosskompressoren für das Öl- und Gasgeschäft her, erzielt einen Umsatz von 600 Millionen Franken, beschäftigt 2000 Mitarbeitende, davon 700 in Winterthur, und weist eine Exportquote von 99,6 Prozent auf. Vogt ist seit sieben Jahren Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes. Er klärte auf, dass die Schweiz eine Exportwirtschaft habe, die international gut unterwegs sei, und eine Binnenwirtschaft («dazu gehört auch die Landwirtschaft»), die weniger produktiv sei. Die Exportwirtschaft habe die dadurch entstandenen Kosten bisher getragen. «Ich bin einfach nicht sicher, ob das auch in Zukunft noch so ist», liess er verlauten. Während 2005 noch 125 Freihandelsabkommen weltweit bestanden, sind es heute mehr als 280. Aber Freihandel bedeute nicht Handel ohne Regeln. «Bei gewissen Freihandelsabkommen fallen die Zölle komplett weg, bei gewissen gehen sie stufenweise zurück oder bleiben ganz aus», erklärte Vogt. Die Schweiz habe 32 Freihandelsabkommen mit 42 Staaten. Da die WTO-Verhandlungen blockiert seien, würde unter anderen auch die EU weitere Abkommen abschliessen, was die Schweiz zum Mitmachen zwinge. Die Landwirtschaft spiele dabei eine wichtige Rolle, weil sie ein mögliches Mercosur-Abkommen blockiere.

Die Landwirtschaftsexperten

Markus Ritter (CVP), Bio-Bauer, Wirtschaftsingenieur, Nationalrat und Präsident SBV, wartete ebenfalls mit Zahlen auf: Die Schweizer Landwirtschaft respektive 52 000 Bauernfamilien bewirtschaften eine Million Hektaren Kulturland, weitere 500 000 ha als Sömmerungsflächen. Insgesamt sind das 37 Prozent der Landesfläche. 63 Milliarden Franken Umsatz werden erzielt (zum Vergleich: Einkaufstourismus 3 Milliarden Franken). Lediglich 60 Prozent der in der Schweiz konsumierten Lebensmittel können selber produziert, 40 Prozent müssen importiert werden, weil nur wenig Kulturland pro Kopf der Bevölkerung zur Verfügung steht (8 a). Landwirt Heinz Kämpfer (Affoltern i. E.) führt einen Familienbetrieb auf 800 m ü. M. mit 18 ha LN plus 7 ha Wald, hält 22 Milchkühe und produziert silofreie Milch. «Rund 2000 Landwirtschaftsbetriebe, die zu ‹Landwirtschaft Emmental› gehören, versuchen hier, ein Auskommen zu erwirtschaften», liess er wissen.

Avenir Suisse

«Die Landwirtschaft ist immer ein Teil der Freihandelsabkommen», hielt Ritter fest. Der SVB habe die Abkommen stets politisch mitgetragen, wenn seine Interessen miteingeflossen seien. Aber ein Minimum an Respekt, an Anerkennung für alles, was die Landwirtschaft leiste, verlange er. «Das brauchen wir – gerade auch von der Wirtschaft.» Ritter zielte damit auf die Denkfabrik Avenir Suisse (finanziert durch die Wirtschaft), die kürzlich eine Zukunftsvision veröffentlicht hat. Diese kam zum Ergebnis, dass die Schweizer Landwirtschaft keinen Mehrwert schaffe, keine Leistungen für den Wohlstand erbringe usw. «Sie wollen die Schweizer Landwirtschaft nicht mehr. Ihr Konzept lautet ‹importieren›, so Ritter dazu. Diese Äusserung sei eine «gottlose Provokation» und habe «Kollateralschäden» verursacht.

Ausser sich vor Empörung

Dass sich Vogt mit der Äusserung «ich glaube, man sollte den Strukturwandel in der Landwirtschaft beschleunigen», definitiv in die Nesseln setzte, hatte er nicht berechnet. Ritter entgegnete ihm ausser sich: «Genau das darf nicht passieren! Wir werden kämpfen, wie ihr das noch nie erlebt habt! Kämpfen dafür, dass die Landwirte auch eine Chance haben in diesem Land.» Es sei noch nie so viel exportiert worden wie heute, die Schweizer Wirtschaft sei noch nie so erfolgreich gewesen. Exorbitante Löhne vor allem in den Führungsetagen der Unternehmen würden bezahlt. «Und dann wollt ihr noch ein paar Landwirte zur Strecke bringen – weil wir zu hohe Produktepreise haben sollen?!»
Simon Michel (CEO Ypsomed) konnte da noch lange entgegnen, wie schön die Schweiz sei, wie gepflegt, die Bevölkerung wolle und bezahle das usw. Die Landwirtschaftszölle von 35 Prozent müssten runter, verlangte er. Der Bürger entscheide selber, ob er inländisches oder ausländisches Fleisch bevorzuge. – Bundesrat Schneider-Ammann wird es nicht leicht haben …

Von Barbara Schwarzwald

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