• Autorin Therese Lüthi (links) und Laienschauspielerin Annerös Lehmann, präsentierten das Buch «Die Unruhe der Strickerinnen». · Bild: Marion Heiniger

05.12.2018
Oberaargau

Erkämpfte Hoffnungen der Strickerinnen

Therese Lüthi stellte ihr Buch «Die Unruhe der Strickerinnen» an einer Buchlesung in Eriswil vor und ermöglichte damit den Zuhörerinnen und Zuhörern einen Einblick in eine Zeit, die von Armut und Hoffnungslosigkeit geprägt war. Sie schrieb eine berührende, auf Tatsachen beruhende Geschichte über den Kampf der Eriswiler Strickerinnen um einen besseren Lohn.

Eriswil · Auf den Tischen liegen Wolle und Nadeln zum Stricken bereit. Ganz hinten im Raum, auf einem kleinen Tisch, stehen ansprechende Aperitif-Häppchen und Getränke. Mit einem Händedruck heisst Therese Lüthi, die Autorin des Buches «Die Unruhe der Strickerinnen», die Besucher der Buchlesung willkommen. Ein Buch, das die stille Auflehnung im Jahr 1943  der Eriswiler Heimarbeits-Strickerinnen gegen ihren Fabrikherrn und damit den Kampf für einen gerechten Lohn lebendig beschreibt. Verpackt hat Therese Lüthi die auf historischen Tatsachen beruhenden Fakten in einer Liebesgeschichte.

Das Geld war knapp
Die Hauptperson, um die es in der Geschichte geht, ist Anna. Eine junge Dame, die kurz vor ihrem zwanzigsten Geburtstag steht. Zusammen mit ihrer besten Freundin Christine träumt sie von einem leichteren, sorgloseren und endlich lebendigen Leben. Aber das Geld ist knapp und die Männer bewachen fern von der Heimat die Grenze. Um wenigstens etwas auf den Tisch zu bekommen, stricken die Eriswiler Frauen Tag für Tag und in jeder freien Minute. Auch Anna. Manchmal legt sie ihre Strickarbeit beiseite, um Moritz heimlich zu treffen, ein Junge, den sie bereits seit der Schulzeit kennt. Er erzählt ihr, dass er eine Anstellung bei der Strickerei als Schreiber erhalten habe und hofft, damit Anna zu beeindrucken. Ausgerechnet für die Strickerei, für die Anna tagtäglich ihre Zeit mit stricken opfert.

10 bis 12 Rappen Lohn
In regelmässigen Abständen brachten die Frauen ihre fertigen Strickwaren ins Dangelihaus zur Fabrikantenfamilie Wirz, welche im Buch «Knitler» genannt wird. Dort wurden die Bettjäckchen, Bébéfinkli, Strampler und Socken kontrolliert, der Lohn ausbezahlt und neue Wolle ausgeteilt. Lediglich 10 bis 12 Rappen pro Arbeitsstunde erhielten die Frauen. Sie strickten mit der Armut um die Wette, wie Therese Lüthi treffend in ihrem Buch die schier ausweglose Situation beschreibt. Denn ein Kilogramm Brot kostete zu Beginn des Krieges 35 Rappen und stieg in der Folge bis auf 57 Rappen an. Die Fabrikantenfamilie Wirz, welche um die 400 Strickerinnen beschäftigte, hielt die Löhne bewusst tief, denn der Umsatz ging im Krieg zurück und in England wurden bereits die ersten Strickmaschinen eingesetzt.

Die Gewerkschaft
Schnell sprach sich herum, dass im Bären eine Gewerkschaftsversammlung stattfinden würde, bei der es um die Arbeitsbedingungen und Löhne der Heimarbeiterinnen ginge. Die Frauen wussten nicht, was sie davon halten sollten. Trotzdem erschienen an dem besagten Tag 200 Frauen im Bären-Saal und legten damit den Grundstein für einen besseren Lohn. Peter Surava, ein Journalist der Zeitung «Die Nation», und Paul Senn, ein sensibler Fotograf, nahmen ebenfalls an der Versammlung teil. Danach schrieb Peter Surava in der «Nation» einen grossen Artikel mit dem Titel «Kein Lohn – ein Hohn». Die Frauen hatten mit ihrem stillen Kampf um einen gerechteren Lohn Erfolg. Am 26. Oktober 1943 wurde der vorgelegte Verordnungsentwurf über den Mindestlohn in der Handstrickerei-Heimarbeit vom Bundesrat genehmigt und auch durchgesetzt. Ab dem 1. Dezember erhielten Sie 50 Rappen pro Arbeitsstunde. Wie die Geschichte um Anna ausgeht, das sei hier nicht verraten. Nur so viel, dass Anna Moritz nicht heiraten wird. Sie sagte ihm: «Ein besseres Leben will ich – und ein eigenes.»

Zuhörerinnen strickten
Während Annerös Lehmann, eine Laienschauspielerin, einzelne Passagen aus dem Buch vorlas, widmeten sich die Besucherinnen ihren mitgebrachten Strickarbeiten oder schlugen mit der vorhandenen Wolle von den Tischen neue Maschen an. Zwischen den Lesungen erklärte Theres Lüthi die zu der Zeit schwierige Situation und erzählte frei weiter. Untermahlt wurde der Abend mit wunderschönen Querflötenklängen.

Gut zu wissen
Das Buch «Die Unruhe der Strickerinnen» kann mit den original Auszügen aus der «Nation» von Peter Surava an der nächsten Lesung vom kommenden Dienstag, 11. Dezember, um 19.30 Uhr in der Bibliothek Langenthal mit einer persönlichen Widmung von Therese Lüthi oder auch im Handel erworben werden.

Von Marion Heiniger

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