• Die Überbauung Dreilinden in Langenthal, in einem «Blick»-Artikel als «Geistersiedlung» bezeichnet, hat schweizweit Bekanntheit erlangt. · Bild: Walter Ryser

12.10.2017
Langenthal

«Geistersiedlung» wird zum Wohnparadies

«In der Schweiz stehen so viele Wohnungen leer wie seit den 1990er-Jahren nicht mehr», war kürzlich im «Blick» zu lesen.

Als exemplarisches Beispiel hob der Autor des Artikels die Überbauung Dreilinden in Langenthal hervor, die er als «Geister­siedlung» betitelte, weil diese ein Jahr nach der Fertigstellung nur zu einem Viertel belegt ist. Mittlerweile hat sich die

Situation – nicht zuletzt aufgrund des «Blick»-Artikels – geändert, und aus der «Geistersiedlung» ist plötzlich ein begehrtes

Wohnparadies geworden.

Der «Blick»-Artikel vom vergangenen  9. September hat in Langenthal und der Region Oberaargau für Aufsehen gesorgt. Im Rahmen einer Recherche über die Leerwohnungsziffern in der Schweiz wurde die 2016 realisierte Überbauung Dreilinden in Langenthal als exemplarisches Beispiel dargestellt. Der Autor des Artikels bezeichnete die Überbauung als «Geistersiedlung» von Langenthal und erwähnte, dass ein Jahr nach der Fertigstellung erst neun von insgesamt 38 Mietwohnungen belegt sind.

Der «Unter-Emmentaler» hat sich einen Monat nach diesem Artikel in der «Geistersiedlung» umgesehen und fragte bei der Besitzerin der Dreilinden-Überbauung, der Constivita Immobilien Anlagestiftung in Dübendorf, nach, welchen Eindruck dieser «Blick-Artikel bei ihr hinterlassen hat. Hier gab man sich gelassen. «Wir sind erst ein gutes Jahr daran, diese Siedlung zu vermarkten. Wir wussten von Anfang an, dass es länger dauern wird, bis wir die 38 Wohnungen besetzt haben», zeigte sich Roland Küttel, stellver­tretender Geschäftsführer, unbeeindruckt vom Zeitungsartikel.

Gute Werbung für «Geistersiedlung»

Die Situation betreffend Mietwohnungen sei von Region zu Region sehr unterschiedlich, erwähnte Küttel weiter und wies auf die Stadt Zürich hin, wo es kaum leerstehende Mietwohnungen gebe. «In Langenthal dagegen muss niemand für eine Mietwohnung anstehen.» Wenn man sehe, wie aktuell im Oberaargau gebaut werde, seien leerstehende Wohnungen nicht weiter verwunderlich. Aber zumindest die «Geister siedlung» erlebte nach dem «Blick»-Artikel einen unerwarteten Ansturm, wollten sich doch viele Personen selber vor Ort ein Bild von der Überbauung machen.

Und siehe da, seither konnten diverse neue Mietverträge abgeschlossen und weitere Wohnungsreservationen getätigt werden, wie der 57-jährige Roland Küttel berichtete. So gesehen sei der «Blick»-Artikel für die Constivita nicht negativ gewesen, «im Gegenteil, das war eine gute Werbung für die Überbauung», hält Küttel fest, der überzeugt ist, dass die Wohnungen in der Dreilinden-Siedlung bald komplett besetzt sein werden, nicht zuletzt, weil es sich um einen schönen Grundriss sowie eine erstklassige Lage in der Nähe von Schulen und ÖV-Anschluss handle. Oder anders formuliert: Wenn aus einer «Geistersiedlung» innerhalb weniger Wochen ein begehrtes Wohnparadies wird.

Peinlicher Erfassungsfehler

Erwähnt in besagtem «Blick»-Artikel wurde neben der «Geistersiedlung» in Langenthal auch die Gemeinde Dürrenroth, die mit einer Leerwohnungsziffer von 14,31 Prozent schweizweit einen traurigen Höchstwert aufweise. Konfrontiert mit diesem aufsehener­regenden Negativrekord zeigte sich ­Gemeindepräsident Andreas Minder peinlich berührt. «Als ich das gelesen habe, wusste ich sofort, dass diese Zahl nicht stimmen kann, denn sonst müs­ste jede sechste Wohnung in unserer Gemeinde leer stehen», antwortete er gegenüber dem «Unter-Emmentaler». Man sei sofort über die Bücher gegangen und habe relativ schnell gemerkt, dass bei der Erfassung ein Fehler passiert sei. Minder, der seit Anfang Jahr der Gemeinde vorsteht, nimmt das Malheur mit Humor und sagt: «Da sieht man wieder einmal, dass man keiner Statistik trauen soll, die man nicht selber gefälscht hat.» Gleichzeitig entschuldigt er sich für diesen Fehler, der seiner Meinung nach nicht hätte passieren dürfen. Immerhin habe der «Blick»-Artikel etwas Gutes, sei man doch auf einen gravierenden Fehler aufmerksam gemacht worden.

Kein Blick für den Huttwiler «Bachblick» 

Gerne hätte der «Unter-Emmentaler»  auch die aktuelle Situation bei der Überbauung «Bachblick» in Huttwil geschildert. Allerdings entwickelte sich dieses Vorhaben zu einer ungeahnten Herkules-Aufgabe. Zwar wurde die Überbauung realisiert, aber scheinbar fühlt sich niemand dafür verantwortlich. Zu diesem Schluss gelangte der «UE» bei seiner Recherche. Erst nach einem Dutzend zum Teil verwirrenden Telefonanrufen landete man bei der aktuell für die Vermietung der Wohnungen zuständigen Firma, der Intercity Group in Olten, wo sich die für den «Bachblick» zuständige Bewirtschafterin Alexandra Jud über die Nachfrage wenig erfreut zeigte und zu verstehen gab, dass sie gegenüber den Medien keinerlei Auskünfte erteile. Man solle sich doch an Chantal Siegrist, Leiterin Bewirtschaftung, wenden. Diese wiederum liess eine schriftliche Anfrage dieser Zeitung unbeantwortet (mehrere Tage, bis Redaktionsschluss). Keine Antwort ist aber auch eine Antwort, und so erstaunt es nicht, wenn die Überbauung «Bachblick» seit bald drei Jahren keine Blicke (und erst recht keine Mieter) auf sich zieht …

Von Walter Ryser

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