• Anschieber Michael Kuonen und Pilot Clemens Bracher freuen sich über ihren Triumph am Zweier-Weltcuprennen in Winterberg. Flankiert werden die Champions von Friedrich/Margis aus Deutschland (3. Rang, links) und Spring/Wright aus Kanada (2. Rang, rechts). · Bild: Keystone

11.12.2017
Sport

«Habe erst 50 Prozent von der Olympia-Quali»

Interview: Stefan Leuenberger im Gespräch mit Clemens Bracher, Bobpilot aus Wasen – Was für ein Erfolg: Bei seinem allerersten Weltcuprennen als Zweierbob-Pilot holte sich der 30-jährige Clemens Bracher aus Wasen den Sieg. Nach seinem Husarenstreich in Winterberg in Nordrhein-Westfalen blieb Bracher gewohnt cool und erklärte, weshalb dieser Grosserfolg möglich wurde. Trotz diesem Weltcupsieg glaubt Clemens Bracher noch nicht daran, seinen grossen Traum bereits realisiert zu haben: Die Teilnahme an den Olympischen Winterspielen vom Februar 2018 in Pyoengchang.

Bob · «Sensationell!» Wer Clemens Bracher nicht so gut kennt, betitelte den Weltcupsieg vom Samstag so. Wie sehen Sie es selber? Genugtuung dürfte besser passen, nicht?
Ja, definitiv. Und es ist nur ein einziges Rennen. Aber endlich einmal eines, bei welchem mir von A bis Z alles aufgegangen ist.

Ehrgeiz, Fleiss und Durchhaltewillen sind Eigenschaften, die auf Sie zutreffen. Sie wussten immer, was Sie draufhaben. Wieso klappte es erst in Winterberg mit der Umsetzung? Weil es Ihre Lieblings-Bobbahn ist?
Winterberg gehört tatsächlich zu meinen Top-3-Bobbahnen. Der Ursprung für den Sieg liegt aber weiter zurück. Bereits letzte Saison hatte ich in allen Rennen das Gefühl, dass meine Qualitäten als Zweier-Bobpilot nicht ganz mit meinen erzielten Resultaten übereinstimmen. Das Aha-Erlebnis folgte in der Trainingswoche in Lillehammer. Ich hatte die Möglichkeit, mit dem Bob von Rico Peter zu fahren, während er sich in meinen Schlitten setzte. Das Resultat war verblüffend. Mit seinem Schlitten war ich viel schneller als er mit meinem. Dies war das Schlüsselerlebnis. Seit ich das gleiche Material wie die Konkurrenz verwende, kann ich mit dieser auch mithalten – oder wie diese Saison im Europacup und nun erstmals auch im Weltcup sogar bezwingen. Diese Erkenntnis, dass es klappen kann, wenn auch das Material konkurrenzfähig ist, hat mich enorm gestärkt.  

Sie hatten im zweiten Lauf bei heftigem Schneefall miserable Bedingungen – gleichwohl haben Sie gewonnen.
Alle äusseren Begebenheiten lassen mich kalt. Ich schaue immer darauf, meine bestmögliche Leistung abzurufen. Dies ist mir vom Start bis hinunter ins Ziel sehr gut gelungen.

Die Umsetzung der Leistungsfähigkeit passierte nicht im Europacup, in dem Sie gewohnt starten. Es klappte gleich im Weltcup – notabene beim allerersten Weltcupstart im Zweier überhaupt. Kommen Sie mit dem Rampenlicht klar?
Ich musste in der Tat etliche Fernseh- und Printmedientermine erfüllen. Die Medienarbeit ist aber völlig okay. Auch Glückwünsche erhielt ich etliche. So hatte ich 270 WhatsApp-Nachrichten zu beantworten. Dies ist schön und bereitet mir überhaupt keine Mühe. Bei all diesen Sachen ausserhalb des Bobkanals achte ich aber strikte darauf, dass ich mich dadurch nicht von meinem eigentlichen Job als Bobpilot – und alles, was dazu gehört – ablenken lasse.

«Emmental, da ist die Natur herrlich und die Menschen ganz ruhig – so wie Clemens Bracher» – der ARD-Kommentator sah voraus, dass eine heftige Regung Ihrerseits nach Ihrer Traumfahrt im zweiten Lauf wohl ausbleiben wird. So richtig vor Freude durchdrehen sahen die TV-Zuschauer dann tatsächlich nur Ihren Mechaniker «Hausi» Strahm. Blieben Sie so cool, weil Sie eben wussten, zu was Sie fähig sind?

Die Genugtuung war in der Tat gross. Und auch die Freude über diesen sportlichen Erfolg. Ich bin aber einfach nicht der Typ mit grossen Gefühlsausbrüchen. Gut, wenn ich olympisches Gold gewonnen hätte, wäre ich vielleicht auch ausgeflippt. Was mich berührte, war die Tatsache, dass ich den Husarenstreich von Beat Hefti wiederholen konnte. Dieser konnte sein allererstes Weltcup-Zweierrennen als Pilot ebenfalls gewinnen.   

Nach dem ersten Lauf lagen Sie an dritter Stelle. Was ging in Ihnen vor, während Sie in der TV-Zone die beiden Fahrten der vor Ihnen klassierten Bobs verfolgen mussten?

Ich war eigentlich ziemlich ruhig, weil ich meine Leistung gebracht hatte. Auf den Rest hatte ich keinen Einfluss mehr. Als dann der Russe hinter uns ins Ziel kam, dachte ich für mich, dass ein Podestplatz super ist – dachte aber erstmals auch an den Sieg. Als der führende Kanadier plötzlich hinter uns lag, schluckte ich schon zwei-, dreimal leer. Gleich zu gewinnen, kam dann schon etwas überraschend.

Sie haben den grossen Triumph mit dem 26-jährigen Walliser Leichtathleten Michael Kuonen realisiert. Der Visper läuft die 100 m in 10,77 Sekunden und ist eine absolute Startrakete. Was sagen Sie zur Leistung Ihres Anschiebers?
Wir sind nun bereits die vierte Saison zusammen, sind routiniert. Michael leistet einen ausgezeichneten Job. Wir ergänzen uns super. Er ist ein ausgezeichneter Läufer, dafür nicht so kräftig. Ich bin kräftig, dafür etwas weniger schnell als er. Diese Mischung passt.

Mit dem Weltcupsieg in Winterberg haben Sie Ihre grosses Karrierenziel «Teilnahme an den Olympischen Spielen 2018» auf einen Schlag geschafft. Haben Sie dies bereits realisiert.
Ich sehe dies anders. Gemäss Reglement sind wir noch nicht durch. Wir haben mit unseren beiden Europacup-Erfolgen die B-Quali geschafft. Von der A-Quali – zwei Top-8-Klassierungen werden verlangt – haben wir mit dem Sieg in Winterberg erst 50 Prozent erfüllt. Es benötigt in den weiteren Rennen noch eine Top-8-Klassierung.

Ich bleibe dabei: Mit dem Weltcupsieg haben Sie das Olympia-Ticket im Zweier gelöst. Gefahr droht aber trotzdem: In den letzten Jahren gab es im Schweizer Bobverband «Swiss Sliding» einige mehr als fragwürdige Entscheidungen. Befürchten Sie, dass Sie trotz starken Leistungen im Zweier plötzlich doch nicht für die Olympischen Spielen aufgeboten werden?
Wenn ich, wie bereits gesagt, in den kommenden Rennen noch einen Top-8-Rang schaffe, ist die Olympia-Quali-Forderung zu 100 Prozent erfüllt. Dann wäre ein Nichtaufgebot nicht denkbar.

Im Vierer läuft es weniger optimal. Am Sonntag resultierte in Winterberg der 17. Rang. Doch hinter dem gesetzten Rico Peter kann an Olympia ein zweiter Schweizer Bob an den Start. Wie stufen Sie Ihre Chancen derzeit ein?

In der Tat habe ich mir im Viererrennen viel mehr erhofft. Die Starts waren schlecht. Und die Fahrten, besonders im unteren Bahnbereich, katastrophal. Da muss ich über die Bücher. Alles, was am Samstag im Zweier perfekt lief, misslang am Sonntag im Vierer. Gleichwohl gilt: Abhaken und vorwärts schauen. Ich gebe alles, um im Vierer die Olympia-Quali zu schaffen.

Hatten Sie am Sonntag nach dem Viererrennen Gelegenheit, Ihren gros-sen Triumph etwas zu feiern?
Nein, dies wird wohl erst später erfolgen. Unmittelbar nach dem Viererrennen nahmen wir die Reise nach Innsbruck in Angriff, wo die nächsten Rennen stattfinden. Lieber als Korkenknallen wäre mir eine Kutte Schlaf.

Stimmt es, dass Sie die Saison 2017/18 finanziell immer noch nicht auf dem Schlitten haben?
Jein. Die Grundfinanzierung ist gesichert. Aber natürlich hätte ich lieber noch ein bisschen mehr Geld zur Verfügung gehabt. Eine breitere Auswahl an Kufen wäre beispielsweise wünschenswert. Aber es reicht so. Und im Vergleich zu den drei Saisons zuvor sind die finanziellen Mittel sogar gut.

Wäre es nicht eine Alternative, dass Ihnen Vierer-Teammitglied Marcel Dobler – ein vermögender Unternehmer und Nationalrat – finanziell unter die Arme greift?

Dies war nie ein Thema – und wird auch nie eines sein. Marcel ist als Sportler und nicht als Sponsor in meinem Team.

Wie sehen die nächsten Einsätze aus?
Nach den Zweier- und Viererrennen in Innsbruck bestreite ich in der Altjahrswoche die Schweizermeisterschaft in St. Moritz.

Wo verbringen Sie Weihnachten?
Dies ist noch unklar. Ich plane vor Weihnachten noch Trainingsfahrten in St. Moritz. Falls ich daheim in Wasen sein sollte, werde ich das Fest natürlich gemütlich im familiären Kreis feiern.

Infos: www.bob-clemensbracher.ch

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