• Katze Tätzli kann nicht definieren, was geschehen ist. Sie bleibt aber, zusammen mit ihren «Gspänli», in der Lochmühle zuhause, wird hier gefüttert und freut sich, wenn «ihre» Leute auftauchen. · Bild: Liselotte Jost-Zürcher

16.06.2017
Huttwil

Hilflos zugeschaut, wie das Feuer alles zerstörte

In der Nacht auf Dienstag, 6. Juni, brannte das Bauernhaus von Fritz Herrmann in der Huttwiler Lochmühle bis auf die Grundmauern nieder. Seine Tochter, er und ein Mieter konnten sich nur gerade mit dem retten, was sie auf dem Leib trugen. Für die Betroffenen ist die Unterstützung von Kameradinnen und Kameraden, von den Huttwiler Behörden und Organisationen in diesen Tagen eine grosse Hilfe. Noch immer aber sitzt der Schock tief.

Durch das schmale Strässchen neben den Brandruinen kommt eine miauende Katze, streicht Fritz Herrmann um die Beine. «Garfield, die Katze meiner Tochter», meint er lächelnd. Es seien noch zwei weitere da. Kaum hat er es gesagt, kommen auch Oskar und Tätzli auf russgeschwärzten Pfötchen daher. Was geschehen ist, können die Katzen nicht definieren. Nur dass sie in der Lochmühle zuhause sind und bleiben.
Das Gespräch zwischen dem «Unter-Emmentaler» und Fritz Herrmann findet im Garten neben dem Brandplatz statt. Die Vögel zwitschern; die Natur scheint von der Tragödie, die vor zehn Tagen geschah, kaum behelligt. Nur verdorrte Blätter an Bäumen und Büschen weisen darauf hin.
Fritz Herrmann war bis vor wenigen Jahren selbst in verschiedenen Funktionen Mitglied der Feuerwehr Region Huttwil, Mitglied auch der Herznotfallgruppe, und er half noch die Fusion umsetzen. In seiner «Feuerwehrzeit» hat er viel Schlimmes gesehen, «aber niemand kann ahnen, wie es ist, wenn es einen selbst trifft», sagt er erschüttert. «Das würde ich den bösesten Menschen nicht wünschen.» Er beginnt ruhig und sachlich zu erzählen.
Alle schliefen in der schicksalsschweren Nacht, als er von einem lauten Knall geweckt wurde. «Äch, die cheibe Marder ...», ging es ihm durch den Kopf. Es hatte getönt, wie wenn im Zimmer seiner Tochter Jessica ein Schrank umgefallen wäre. Er blickte kurz hinein; das Mädchen schlief friedlich.
Kaum war er wieder im Bett, gab es nochmals einen «Chlapf»; etwas schien auf den Boden der Einfahrt gefallen zu sein. «Einbrecher», fuhr es ihm durch den Kopf und dachte dabei an die Musikanlage, die dort eingemietet war. Er ging durch die Treppe hinauf zur Einfahrt. Die Türe war geschlossen, alles blieb still. «Da beruhigte ich mich». Aber nicht lange. Ein weiterer Knall liess ihn zusammenfahren. Als Fritz Herrmann die Türe zum Technikraum mit der Luftwärmepumpe öffnete, «da kam mir eine Feuerwalze entgegen.»
«Jessica, use, use, aalege, sofort», begann er zu schreien. In ein Shirt und in ein paar Shorts schlüpfen und die Feuerwehr alarmieren ging fast in einem. Dann nichts wie hinaus. Schnell stand auch Jessica angezogen vor dem Haus; in den alten Turnschuhen, nicht etwa in den neuen, die sie eben gekauft hatte. Zu diesen wollte sie ja Sorge tragen.
Der Mieter war vom Lärm ebenfalls aufgewacht. «Chumm, mir steue d Outo abe», sagte er zu Fritz Herrmann. Gesagt, getan. Autos runter stellen, den Quad und Jessicas Fahrrad ebenso, dann konnten sie nur noch in der Hofstatt auf die Feuerwehr warten. «De mues me zueluege, wi ds Füür sone Chraft het u aus kaputt macht.»

Hilfe – und viele Emotionen
Als die Helfer eintrafen, war deren Mitgefühl gross. Der Kommandant, der Vizekommandant, der Einsatzleiter, die Mannschaft ... eben noch hatte Fritz Herrmann zu ihnen gehört. Sie sind immer noch seine Kameraden, seine Freunde. Entsprechend gross waren die Emotionen, trotz der angestrengten Löscharbeiten. «Unsere grossartig funktionierende Feuerwehr Region Huttwil erfüllt mich mit Stolz», stellt er fest.

Grosse Leere
Das nach und nach sanierte, gut eingerichtete Haus in der Lochmühle, die liebevolle Ausstattung und überhaupt alles was drin war, wurde ein Raub der Flammen. Das Wichtigste allerdings: Die drei Menschen, die hier gewohnt hatten, blieben unbeschadet. «Dafür bin ich sehr, sehr dankbar.»
Nach dem Trauma kam die grosse Leere, der noch gar nicht fassbare Gedanke, nun kein Heim mehr zu haben.
Von der Infrastruktur konnte nur die Garage gerettet werden. «Ich habe sie mit viel Enthusiasmus aufgebaut und eingerichtet», meint Fritz Herrmann. Keine gewöhnliche Garage; viele gingen hier ein und aus, bedienten sich, wenn sie ein Werkzeug brauchten. Wie überall im offenen Haus.
Die Kaffeemaschine lief oft, vor allem an den Wochenenden. Der Kühlschrank war immer voll, aufgefüllt von den jungen Burschen, den «Töfflibuebe», die hier ihre «fachlichen» Zusammenkünfte hatten und sich gegenseitig zurechtwiesen, wenn etwas im Kühlschrank fehlte. Jung und Alt trafen sich in der Lochmühle, waren hier ein bisschen zuhause. Vor allem an Samstagen. Da drehten Motoren, da wurde an der Musikanlage gearbeitet, da lief die Kaffeemaschine, da wurde gegrillt und gemütlich zusammengesessen.
Es gab einen Ehrenkodex: Jedermann begrüsste sich mit Handschlag. Gegenseitiger Respekt, Rücksichtnahme und Freundlichkeit waren das höchste Gebot; eins aber auch, das funktionierte. «Mechanik und Emotionen», nennt Fritz Herrmann das. «Und jetzt fehlt das vielen.»

Unterstützung auch in den Tagen danach
Noch immer ist die Leere um ihn nicht gewichen, doch er wird die tatkräftige Hilfe in der Schicksalsnacht und in den Tagen danach nie vergessen. «Die Behörden» wurden zu mitfühlenden, hilfsbereiten Menschen. Der Regierungsstatthalter, der Gemeindepräsident, der Gemeindeschreiber, sie alle sorgten dafür, dass die drei Brandgeschädigten vom Schadenplatz weg begleitet wurden, dass sie noch in der selben Nacht im Hotel Kleiner Prinz ein Bett erhielten, am nächsten Tag neue Kleider. Sie unterstützten sie bei den notwendigsten formellen Angelegenheiten.
Von Fritz Herrmanns Gotte und Cousine aus Genf kam der Bescheid, dass er und Jessica – mit den Cousins und der Cousine abgesprochen – deren einstiges Elternhaus in Huttwil beziehen durften, bis sich eine Bleibe gefunden hatte. Das Angebot musste dann aber nur gerade für zwei Nächte benützt werden, dann war ein leer gewordenes Büro in einem Wohnhaus blitzartig hergerichtet.

300-jähriges Haus
Vier Tage nach dem Brand konnten Fritz Herrmann und Jessica einziehen. Am gleichen Tag wurden auch ihre neuen Betten hinein gestellt. Bevor aber noch sonst irgendetwas angeschafft wurde, kaufte er eine neue Kaffeemaschine und Tassen. «Ich wollte unseren Helfern doch etwas anbieten können.» Und auch den Kameraden, Kameradinnen, von welchen sowohl er als auch Jessica ein grosses, gutes Netzwerk besitzen, welches sie in diesen schlimmen Tagen auffängt.
In der Wohnung, die sich nach und nach mit Möbeln füllt, werden sie nun bleiben, bis das neue Haus in der Lochmühle steht. Längstens bis Weihnachten 2018, «so hat es uns der Architekt versprochen». Der 44-Jährige – er feierte gestern Geburtstag – sagt bewusst «uns». «Alles läuft über mich. Aber eigentlich wird es Jessicas neues Haus sein. In allen Baumassnahmen und -fortschritten wollen wir sie deshalb einbeziehen.»
Die 14-jährige Schülerin ist die vierte Generation Herrmann, welche in der «Lochmühle» lebt. Mit einem grossen Fest hätte 2018 das 300-jährige Bestehen des Hauses – damals eben als Mühle – gefeiert werden sollen. Die schon geplanten Festivitäten unterbleiben; dafür könnte es, wenn alles nach noch sehr jungem Plan läuft, zu einer Aufrichtefeier kommen.

Abschied nehmen
In diesen Tagen dürfen Fritz Herrmann und Jessica ihr einstiges, verkohltes Heim nochmals betreten und Abschied nehmen; selbstverständlich unter Begleitung der Feuerwehr, damit sich niemand gefährdet. Unmittelbar darauf soll mit den Räumungsarbeiten begonnen werden.
«Nichtsdesttrotz – wir schauen in die Zukunft», sagt er. Ein bisschen hat er schon geschaut. Ein befreundeter Unternehmer zeigte ihm ein neues, ebenfalls nach einem Brand errichtetes Bauernhaus in der Nähe. «Da fuhr es mir kalt über den Rücken. Etwas so Schönes wird Jessica erhalten.» Neu wirkte das Haus, schön – aber die Erinnerungen fehlen, das Leben darin, die Stimmen ... «Noch aber kann ich mir das Ganze nicht vorstellen.»
Aber: «Die Samstage, unsere schönen Samstage, die werden wieder kommen – noch bevor wir im neuen Haus einziehen können.»
Das Haus in der Lochmühle, einst eine Mühle, wurde 1933 von Fritz Herrmanns Grossvater gekauft und als Landwirtschaftsbetrieb bewirtschaftet, ebenso von der zweiten Genera-tion. Das Land «auf der Hub» zog sich weit hinauf.
Obwohl sich der Vater dagegen wehrte, musste das schöne, fruchtbare Land für ein Wohnquartier zur Verfügung gestellt werden. Aus der Landwirtschaft reichte das Einkommen deshalb längstens nicht mehr, um eine siebenköpfige Familie durchzubringen; so ging der Vater einem Verdienst nach. Fritz Herrmann, nun in dritter Generation, hat das übriggebliebene Land verpachtet, arbeitet als Projektleiter und ist daran, eine Reparaturwerkstatt aufzubauen.
Mit der noch viel grösseren Baustelle zuhause hat er nicht gerechnet, «aber wir schauen voraus; Hauptsache ist, dass niemandem von uns etwas geschehen ist. Ich habe dem Architekten  und dem Bauführer gesagt, dass sie meiner Tochter ein schönes neues Zuhause bauen sollen.

Von Liselotte Jost-Zürcher

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