• Die Möglichkeit, ihren Scherenschnitt am Himmel fliegen zu sehen, sei doch sehr speziell, strahlt Esther Gerber in Genf. · Bild: zvg

19.07.2018
Oberaargau

Höhenflug für Esther Gerbers Scherenschnitt

Die Warteliste bei den Pilatus Werken für das Design des neuen PC-12 Demoflugzeugs war lang, sehr lang. Der Name der Scherenschnitt-Künstlerin Esther Gerber aus Rohrbach stand nicht auf der Liste; sie wusste nicht einmal etwas davon. Dennoch trägt der neue PC-12 NG Demonstrator, der seit Juni unterwegs ist, ein auffälliges Sujet mit Scherenschnitt, aus der Hand eben von Esther Gerber – ein buchstäblicher Höhenflug für die leidenschaftliche Hobby-Künstlerin, die mittlerweile ein florierendes Kleingeschäft betreibt.

Rohrbach · «Scherenschnitte stehen für exaktes Arbeiten und für das Bodenständige. Stichworte, die auch auf den PC-12 zutreffen. Warum also nicht verbinden?» So wirbt die jüngste Pilatus Post für den Auftritt des neuen Pilatus ­Porters PC-12. Alle drei Jahre wird das Sujet des Demoflugzeugs geändert. Der Auftrag ist in Künstlerkreisen begehrt; die «Warteliste» umfasst zahlreiche Namen. Das Design des Vorgängers stammte vom über 100-jährigen Hans Erni, der inzwischen verstorben ist.
Von alldem wusste Esther Gerber aus Rohrbach nichts. Aber als sie im Spätherbst 2017 die Anfrage für die Gestaltung des neuen Flugzeugs erhielt, war ihr sofort klar, dass der Auftrag ihr in jeder Hinsicht liegen und riesige Freude bereiten wird. Die Stichworte «Schweizer Traditionen» und «Berglandschaft» entsprechen so ganz dem Charakter ihrer lebhaften, liebevoll und sehr aufwändig gearbeiteten Scherenschnitte.

Eigenhändig signiert
Fein, unscheinbar und nur ganz grob aufgezeichnet (alleine dafür benötigte sie rund eine Woche) unterbreitete sie, wohl erstmals unter der englischen Berufsbezeichnung «Paper Cuting ­Artist» genannt, Pilatus die verheis­sungsvollen Motive. Als diese abgesegnet waren, vergrösserte die Künstlerin das Ganze auf eine Länge von rund 1,2 Meter. Das Schneiden der ­filigranen Präzisionsarbeit mit kleinsten, feinen Details benötigte rund ­einen Monat. Der fertige Scherenschnitt mit typischem Schweizer Chalet, Schweizer Alpen, Älplerleben, Edelweiss und Fahnenschwingen wurde digitalisiert und soweit vergrössert, dass er auf das Flugzeug passte.  
Der Pilatus PC-12 Demo wurde an der EBACE in Genf das erste Mal der ­Öffentlichkeit präsentiert – und war dabei das Ziel zahlloser Blitzlichter. «Es war ein unglaublich schönes Erlebnis für mich und meine Familie, als ich auf dem fertigen Flugzeug eigenhändig meine Unterschrift anbringen durfte», strahlt Esther Gerber im Gespräch mit dem «Unter-Emmentaler».
Der von ihr gestaltete PC-12 wird als Vorführmodell für potentielle Kunden genutzt. Ob die allfällige Kundschaft den Zehnplätzer mit oder ohne Scherenschnitt-Sujet kauft, ist ihr selbst überlassen.

Highlight in der erfolgreichen Karriere
Der Pilatus-Auftrag sei das Highlight in ihrer Karriere, erzählt die Künstlerin. Ein Höhenflug eben, denn die Möglichkeit, ihren Scherenschnitt am Himmel fliegen zu sehen, sei doch sehr speziell. Abgesehen davon konnte sie schon viele weitere schöne Projekte realisieren, auch für grössere Firmen, unter anderem die Gestaltung des Interieurs einschliesslich der ­Gäste- und Badezimmer im Hotel ­Daniela in Zermatt.
Schon bald wird die Rohrbacherin 30 Jahre «Scherenschnitte Esther Gerber» feiern. «Es war von Anfang an ein Hobby. Ich hätte nie gedacht, dass ich mit meinen Scherenschnitten einst ein eigenes Geschäft aufbauen würde», sagt sie gegenüber dem «UE».
Es begann mit einem Scherenschnittkurs beim Landfrauenverein. «Ich ging nach dem Nachmittag nachhause und erzählte meinem Mann: ‹Das isches. Das wotti mache. Das isch mini Wäut.›» Spontan bezahlte er seiner Frau einen einwöchigen Kurs auf dem Ballenberg. Für die Hausfrau und vierfache Mutter von jüngeren Kindern bedeutete dies «Weihnachten hoch drei». Beschwingt kam sie zurück. Am ersten Huttwiler Wiehnachtsmärit mietete sie einen Stand und stellte in einer ganz kleinen Ecke ihre Scherenschnitte aus, die ­neben den selbst hergestellten Holzspielsachen fast verschwanden. Dennoch zogen sie die Aufmerksamkeit auf sich. «Du solltest Karten machen», sagte ihr jemand. Das war der Anfang eines ständig wachsenden Geschäfts. Den Karten folgten Marktauftritte, den Marktauftritten Aufträge, den Aufträgen weitere Ideen.

Firmengründung
An Kreativität fehlte es der gelernten Floristin nicht, und gezeichnet hatte sie schon immer gut und gerne. Nun endlich konnte sie ihre Fähigkeiten, ­zu denen auch eine gute Portion handwerkliches Geschick gehören, und ihre grosse Leidenschaft auch leben. Unterstützt und getragen stets von ihrer Familie, die ihr bis heute tatkräftig zur Seite steht. Eine grosse Änderung brachten 2011 die Firmengründung und der Internetauftritt mit dem dazugehörigen Shop. Gab es anfangs eine Bestellung pro Woche, kommt die «Päcklifrau» Doris Zaugg inzwischen regelmässig. Die einstige Postbeamtin verpackt die Ware kompetent, bringt sie zur Post und nimmt Esther Gerber damit beträchtliche Arbeit ab. Wie alle anderen «guten Geister».
«Ich habe ein tolles Team. Wir passen gut zusammen, arbeiten einander in die Hände, und ich kann alles Administrative übergeben und mich ganz dem widmen, was mir Freude bereitet», ist sie dankbar. Da sind ihre Schwiegertochter Elvira Gerber, welche die gesamten Büroarbeiten erledigt, Lars Zulauf, der die Homepage betreut, Brigitta Hofmann, die «Frau der ersten Stunde», die sie an die Märkte begleitet, die Geschenkpackungen erstellt und den Kalender druckt, Franziska Fries, die alle «Glasarbeiten» übernimmt und sich als «Mädchen für alles» etabliert hat, ebenso die Näherinnen, welche die textilen Geschenkartikel anfertigen.
Ein grosses Sortiment wird in Esther Gerbers Atelier selbst hergestellt, darunter eben die Näharbeiten, aber auch die Glas- und Holzwaren. Letzteres brauchte viel «Tüfteleien», bis es gelang, die Folien mit den digitalisierten Scherenschnitten perfekt auf die glatten Glas- und Holzflächen aufzuziehen. «S mues eifach verha», ist Esther Gerbers Devise. Das heisst, es muss schön, perfekt und dauerhaft sein.
Über alle die Jahre hinweg galt es unzählige Materialien auszuprobieren und das Beste weiterzuentwickeln. Die Kombination des handwerklichen Geschicks und des künstlerischen Flairs bedeutet ihr besonders viel Freude.

Eine extra «Gerber-Schere»
So erstaunt es auch nicht, dass Esther Gerber heute nur mit der «Gerber-Schere» arbeitet. Eine feine Papierschere, die in Zusammenarbeit mit der Messerschmiede Klötzli in Burgdorf auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten, gerichtet und geschliffen ist, wobei sie den letzten Teil selbst übernimmt.
Die «Gerber-Scheren» mit ihrem ei­­­­genen Design sind patentiert und käuflich, einschliesslich dem Service
von Esther Gerber, die Scheren nach rund 40 Arbeitsstunden gratis nach­zuschleifen.
Neben den eigens im Atelier hergestellten Holz-, Glas- und Textilprodukten mit Kaffeegläsern, Tischsets, ­Dekoartikeln, Jass-Sets, Fondue-Caquelons, Zündholzschachteln, Karten, Kalendern, Stoffutensilien … wurde im kleinen Unternehmen auch ein Shop aufgebaut mit Bettwäsche, Meterware wie Bänder usw., Blechbüchsen, Loops, Stirnbändern, Schmuck und unzähligem mehr.
Grundlage für alle Artikel sind die selbst entworfenen Original-Scherenschnitte von Esther Gerber.
Grössere Firmen arbeiten mit ihren Designs, unter anderem Coop und der Uhrenhersteller Bucherer. Sämtliche Artikel können online bestellt oder während den Geschäftsöffnungszeiten nach Anfrage bei ihr zuhause bezogen werden.
Trotz der enormen Vielfalt der Produkte – alle tragen den Stil von Esther ­Gerber, den sie niemals suchen musste, sondern einfach hatte. Angelehnt an die Natur, an die Bäume, Berge, Chalets, an folkloristisch gekleidete Menschen.
«Ich hatte schon immer meine ganz persönliche Art zu zeichnen. Das Alpenpanorama arbeite ich nach Vorlage; das muss stimmen. Aber die anderen Motive entstehen einfach beim Zeichnen. Es werden mehr und immer mehr. Meine Heimatliebe ist eine meiner Hauptinspirationen», definiert sie ihre unerschöpfliche Schaffenskraft.

Von Liselotte Jost-Zürcher

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