• Die Organisatorin Ursula Kocher-Bracher (links) fachsimpelt mt Karin Wyss – ihr kleiner Zarenhund Chili musste zu Hause bleiben, der Kälte wegen. · Bild: Elsbeth Anliker

23.02.2017
Emmental

Hunde erziehen ohne «Leckerliprinzip»

Nicht alle Hundehalter und ihre Vierbeiner kommen mit gängigen Erziehungsmethoden ans Ziel. Auf dem Hof Löhli in Sumiswald lernten Hundehalter den körpersprachlichen Umgang mit ihren Weggefährten. Ursula Kocher-Bracher aus Sumiswald organisierte das etwas andere Hundeseminar.

Sumiswald · Etwas ausserhalb des Dorfes Sumiswald, inmitten weitläufiger Pferdeweiden, liegt der Hof Löhli. Die grosse Reithalle gleich neben dem Wohnhaus scheint an diesem frühen Nachmittag leer. Schaut man aber genauer hin, hat es im hinteren Teil der Halle Hundeboxen. Bei der vordersten steht Marion Duschletta aus Wasen. Sie ist eine der zehn Teilnehmenden des zweitägigen Hundeseminars in Sumiswald. Bevor sie nun die Box öffnet, atmet sie tief durch und erklärt: «Ich muss innerlich absolut ruhig sein, wenn ich mit Bella arbeite, das habe ich hier bereits gelernt – und es funktioniert.» Die 20 Monate alte Labrador-Hündin kommt nun ruhig aus der Box und schaut sich neugierig um. «Obwohl wir bereits ein gutes Team sind, können wir immer wieder Neues dazulernen», freut sich Marion Duschletta. An diesem Seminar will sie die Hundesprache noch besser verstehen lernen.

Hundpension mit Familienanschluss
Auf dem Hof Löhli von Esther Aebi in Sumiswald hat die Organisatorin Ursula Kocher-Bracher die idealen Infrastrukturen gefunden, um ein Hunde-seminar im Winter überhaupt durchführen zu können. Seit sieben Jahren führt sie zusammen mit ihrer Familie die kleine, professionelle Hundepension doglovers.ch in Sumiswald. Bei ihnen haben bis zu vier Gästehunde Familienanschluss – und eine liebevolle Betreuung. Ihre zwei eigenen Mischlingshunde Benji und Pepsi hat die Familie von Tierschutz-Organisationen vermittelt bekommen. Tierschutzhunde haben oft schlechte Erfahrungen gemacht, sind ängstlich, panisch und teils auch aggressiv. Auch die Familie Kocher kam mit ihren Hunden – mit den üblichen Erziehungsmethoden – nicht zum erhofften Ergebnis und suchte nach weiterführenden Lösungsansätzen. Ursula Kocher-Bracher entdeckte schliesslich die Bücher und DVDs der deutschen Hundetrainerin Maike Maja Nowak – und war auf Anhieb fasziniert. Als die Autorin dann in Lützelflüh ein Seminar zum Thema «Die heilsame Welt der Hunde» hielt, nahm sie daran teil. Letztes Jahr besuchte sie mit ihren Hunden ein Basis-Trainerseminar bei der Autorin in Berlin. «Es ermutigte mich, auf eine völlig neue Art mit Hunden umzugehen und ihre Kommunikation zu verstehen», freut sich Ursula Kocher-Bracher. Kurz entschlossen organisierte sie mit den Hundetrainern Sabine und Frank Hankiewicz und ihrem Team aus Berlin an zwei Wochenenden Seminare zum Thema «Kommunikation & Führung».

Wortlose Kommunikation
«Wir führen in Berlin die etwas andere Hundeschule ‹Instinkt & Intuition› – ohne klassische Konditionierung mit Leckerlis und Dressur», erzählt die Hundetrainerin Sabine Hankiewicz am Seminar. Es gehe dabei, um einen körpersprachlichen Umgang mit Hunden – drucklos, gewaltlos und wertschätzend. An diesem Nachmittag üben die Hunde, an einer Führleine zu laufen. Nach ersten Instruktionen marschieren die Frauen und ein Mann mit ihren Vierbeinern los. Sie haben keine «Belohnungsleckerli» bei sich. Auch «Sitz» und «Platz» wird an diesem Hundeseminar nicht zu hören sein. «Das Herrchen lernt hier, ohne Worte mit seinem Weggefährten zu kommunizieren», erklärt Sabine Hankiewicz.
 
«Bella» versteht es
Auch Marion Duschletta ist mit ihrer Labrador-Hündin unterwegs. «Bevor du losläufst, musst du tief durchatmen und selber ruhig werden», ermuntert Susanne Häberle von Susannes Hundetreff in Schwalmstadt, der Partner-Hundeschule von Sabine und Frank Hankiewicz. Und: «Nie losgehen, wenn der Hund vor dir ist, sondern ihn ruhig und bestimmt hinter dich bringen», erklärt sie weiter. «So übernehmen wir die Führung, und der Hund fühlt sich sicher und beschützt.» Marion Duschletta kommuniziert mit Körpersprache und Augenkontakt – und der junge Hund versteht es.

«Lenny» kommt vom Tierschutz
Daniela Roth aus St. Urban führt ihren knapp dreijährigen Pudel Lenny an der Leine. Den Hund habe sie vom Tierschutz aus Ungarn, «er braucht sehr viel Zeit, Geduld – und Liebe», erklärt sie. «Lenny ist ein Energiebündel und nervös; es ist schwierig, ihn an der Leine zu führen.» Hier am Seminar lernen beide zusammen, stressfrei spazieren zu gehen. Daniela Roth besuchte einige klassische Hundeschulen. «Aber erst an diesem Seminar scheint es zu fruchten», freut sie sich und streichelt «Lenny» liebevoll.

Auch ohne Hund profitieren
«Die Trainer hier machen es toll», begeistert sich Karin Wyss und ergänzt: «Die herkömmlichen Hundeschulen decken nicht alle meine Bedürfnisse.» Das Seminar besucht sie ohne ihren Hund. «Chili» sei ein russischer Zarenhund und wiege bloss zwei Kilogramm. Bei dem kalten Wetter wäre der kleine Hund sicherlich fast erfroren. «Aber auch ohne Hund kann ich viel profitieren», sagt sie zufrieden. Auch Ursula Kocher-Bracher ist zufrieden mit den sehr gut besuchten Seminaren. Für sie steht bereits an diesem Samstag fest, dass sie weitere solche Seminare organisieren wird.

Locker an der Leine laufen
Es fängt an zu schneien, und es ist der Jahreszeit entsprechend kalt. Das scheint aber weder Marion Duschletta noch ihren jungen Hund zu stören. Sie lächelt – und «Bella» läuft schon an einer ziemlich lockeren Leine neben ihr. «Es funktioniert», sagt sie und lächelt. Marion Duschletta ist ihrem Ziel – «ich will einen ausgeglichenen, glücklichen Hund» – ein Stück näher gerückt.

Gut zu wissen
Kontakt für weitere Informationen: Ursula Kocher-Bracher, Feldstrasse 8, 3454 Sumiswald, www.doglovers.ch / Frank und Sabine Hankiewicz, Berlin, www.instinktundintuition.de

Von Elsbeth Anliker

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