• Daniel Steiner-Brütsch: «Ich erwarte, dass der Gemeinderat gestaltet und nicht verwaltet. Im Rahmen von Langenthals Möglichkeiten – und wir haben entsprechende Eigenmittel – soll eine Weiterentwicklung stattfinden.»Bild: Marcel Bieri

01.10.2017
Langenthal

«Ich bin zufrieden, wenn es vorwärts geht und etwas passiert»

Als Institutsleiter an der Pädagogischen Hochschule PHBern beeinflusst er die Ausbildung angehender Lehrpersonen vom Kindergarten bis zur sechsten Klasse, als Politiker gestaltet er das Geschehen in Langenthal mit, und als Präsident der Leichtathletikvereinigung Langenthal (LVL) verändert er den regionalen Sport: Daniel Steiner-Brütsch (44) ist ein stark engagierter Mensch, der den Fortschritt fördert. Manchmal muss er dafür hartnäckig sein – gerade in der Politik steht er für seine Wähler aber gerne ein. Debattieren und Lösungen finden, sieht er als seine Stärken, und obwohl er, wie er selbst sagt, in letzter Zeit gelassener wurde, verurteilt er den Stillstand noch immer. Ein «UE»-Monatsinterview über Veränderungen, Herausforderungen und den Willen zu gestalten, anstatt zu verwalten.

Leroy Ryser im Gespräch mit Daniel Steiner-Brütsch, Institutsleiter Vorschulstufe und Primarstufe an der PH Bern und Langenthaler Stadtrat

 

Daniel Steiner, Sie sind einer, der sich in der Gesellschaft stark engagiert. Sie sind seit zwölf Jahren im Stadtrat, waren zwölf Jahre Präsident der EVP Langenthal und sechs Jahre davon als Grossrat. In diesem Jahr haben Sie zudem das Präsidium der Leichtathletikvereinigung Langenthal übernommen – wieso dieser  private Aufwand?

Die Gesellschaft lebt stark von ehrenamtlichen Tätigkeiten. Beispielsweise in Vereinen oder in der Politik. All diese Tätigkeiten können gar nicht angemessen finanziell entgolten werden. Ich finde ehrenamtliche Tätigkeiten eine gute Sache, weil das die Gemeinschaft als Ganzes zusammenhält und zur Weiterentwicklung der Gesellschaft beiträgt.

 

Wieso tun Sie das gerne?

Es macht Spass und ist schön, wenn Anliegen umgesetzt werden. Man merkt, dass man etwas bewegen kann, und das erfreut. Natürlich ist es umgekehrt auch mal frustrierend, wenn beispielsweise in der Politik ein guter Vorschlag abgelehnt wird. Ich habe aber auch gelernt, dass viele kleine Schritte etwas verändern können.

 

Sie könnten sich auch für ein Mandat entscheiden. Welches würden Sie herauspicken – oder anders gefragt, was tun Sie am liebsten von alledem?

Ich glaube diese Tätigkeiten sind nicht zu vergleichen. Natürlich hilft mein politisches Engagement der LVL, weil ich gut vernetzt bin. Eine gewisse Lobby im Hintergrund hilft auch einem Sportverein. Aber ich betätige mich nicht nur aus Eigennutz – klar sind zwei meiner Kinder in der LVL. Aber nach dem Ende meines Grossratsmandates im Jahr 2014 habe ich mich entschieden, etwas Neues zu übernehmen. Ich hätte damals auch andere Angebote annehmen können, mit der LVL hat das aber gut gepasst, sodass ich das Vorstandsmandat nach einer Anfrage übernommen habe.

 

Damals war Daniel Steiner-Brütsch in Langenthal vorwiegend als Politiker bekannt – und plötzlich übernimmt er ein Sportamt. Und das obwohl Sie nur wenig mit der LVL zu tun haben, richtig?

Ich komme nicht aus der Leichtathletikszene, das ist richtig. Durch meinen Sohn und meine Tochter war ich aber hin und wieder im Stadion Hard und habe mich dafür interessiert, was in diesem Verein passiert. Ich habe mich dann mit Hansruedi Wyss (Anm. d. Red.: Ehemaliger Präsident der LVL) unterhalten, und wir sprachen darüber, dass ein Generationenwechsel stattfinden soll. Und ich sah, dass dies ein Verein ist, für den ich mich gerne engagieren würde.

 

Ein solcher Quereinstieg bringt spezielle und vor allem neue Herausforderungen mit sich. Welchen Anforderungen müssen Sie sich stellen?

Tatsächlich war mein Einstieg viel schwieriger, als ich es mir vorstellte. Einen Parteianlass zu organisieren, ist viel einfacher als einen Leichtathletikwettkampf. Ich bin deshalb noch immer dabei, mich einzuarbeiten, weil die Leichtathletik tatsächlich extrem komplex ist. Ich glaube aber auch, dass der LVL-Präsident nicht unbedingt jedes Reglement und jeden Handkniff auswendig kennen muss. Und manchmal ist es auch gut, wenn man frischen Wind und neue Ideen bringt und niemandem verpflichtet ist. Das operative Geschäft war und ist für mich aber durchaus eine spezielle Herausforderung.

 

Die LV Langenthal befindet sich in einer schwierigen Zeit. Einerseits findet im Verein eine Wachtablösung statt, da Grössen wie Marcel Hammel oder Hansruedi Wyss kürzertreten werden, und andererseits ist mit dem SC Langenthal ein überstrahlender Verein auf Platz, der Mitglieder und Sponsoren abwirbt. Wie sehen Sie die Zukunft des Traditionsvereins?

Tatsächlich findet bei uns ein Generationenwechsel statt, der eine grosse Herausforderung ist. Wir sind dabei, die Aufgaben, die bisher auf nur wenigen Schultern lasteten, besser zu verteilen. Ansonsten steht der Verein aber sehr stabil da. Den SC Langenthal oder auch den FC Langenthal sehe ich kaum als Konkurrenten. Wir haben konstante Sponsoringeinnahmen und generieren auch mit unseren Wettkämpfen Einnahmen, sodass wir nicht am Hungertuch nagen müssen. Auch der Schulsport zeigt, dass die Leichtathletik weiterhin sehr beliebt ist. Dort verzeichneten wir im letzten Jahr die meisten Anmeldungen aller Sportarten. Ich bin daher überzeugt, dass wir fit für die Zukunft sind.

 

Weniger gut sieht es zurzeit für die EVP Langenthal aus, dessen Präsidium Sie in diesem Jahr abgegeben haben. Bei den letzten Wahlen haben Sie im Gemeinderat einen Sitz verloren, dort hat die EVP daher kein Mandat mehr. Ein bitterer Abgang für Sie...

Natürlich hätte ich lieber mit einem Erfolg meine Zeit als Präsident beendet. Wir hatten bei diesen Wahlen auch Proporz-Pech, da wir den Wähleranteil eigentlich sogar vergrössert haben. Aber das hatte nichts mit meinem Rücktritt zu tun, ich sagte schon früher, dass 12 Jahre genügen und ein frischer Wind guttun würde.

 

Behalten haben Sie aber Ihr Mandat im Stadtrat, welches Sie seit 12 Jahren ausüben. Wieso engagieren Sie sich für Langenthal?

Ich bin grundsätzlich ein politisch interessierter Mensch. Ausserdem habe ich viele Ideen, die ich einbringen möchte. Ich gestalte gerne mit und versuche, Dinge zu verändern. Und natürlich liegen mir auch gewisse Themen wie Familie, Stadtentwicklung oder Bildung am Herzen.

 

Gerade nach zwölf Jahren könnten Sie sich aber auch ein bisschen zurücklehnen. Sie aber sind sehr aktiv, reichen Vorstösse und Motionen ein und bleiben oftmals hartnäckig.

Grundsätzlich bin ich vom Volk gewählt, um etwas zu gestalten. Und ja, ich würde mich schon als hartnäckig und geradlinig bezeichnen. Deshalb bin ich überzeugt, dass jeder, der mich wählt, weiss, wofür ich stehe. Ich bin zufrieden, wenn es vorwärts geht und etwas passiert. Ausserdem debattiere ich gerne und setze mich für Dinge ein, die mir wichtig sind. Ich bin in meiner Zeit als Stadtrat aber auch gelassener geworden und kann bei gewissen Sachen auch ruhig bleiben. Gerade wenn es um Themen wie die Schulsozialarbeit oder den Spielplatz im Hinterberg geht, muss man manchmal ein bisschen hartnäckig sein. In der Politik braucht es manchmal mehr als nur einen Versuch, um etwas zu bewegen.

 

Was erwarten Sie deshalb vom neuen Gemeinderat? Wohin soll es mit Langenthal gehen?

Ich erwarte, dass der Gemeinderat gestaltet und nicht verwaltet. Im Rahmen von Langenthals Möglichkeiten – und wir haben entsprechende Eigenmittel – soll eine Weiterentwicklung stattfinden.

 

Mit dem Thema Politik verschmilzt bei Ihnen auch der Beruf. Sie arbeiten als Institutsleiter der Vorschulstufe und Primarstufe an der PH Bern und verantworten dort die Ausbildung angehender Lehrkräfte vom Kindergarten bis zur 6. Klasse. Obwohl Lehrkräfte oft aufgrund von zu wenig Lohn und starkem psychischem Druck klagen, scheint die PH Bern ungebrochen beliebt zu sein. Woran liegt das?

Wir bieten eine qualitativ gute Ausbildung an. Das zeigt sich daran, dass die Studierenden an unserem Institut zu einem Drittel nicht aus dem Kanton Bern, sondern aus den Kantonen Wallis, Solothurn und Fribourg stammen. Das hat auch damit zu tun, dass Abgänger mit unserem Lehrerdiplom für acht Schuljahre qualifiziert werden und nicht wie andernorts nur für Teile davon. Ausserdem ist der Lehrberuf generell beliebter geworden. Vielleicht hat das damit zu tun, dass man als Lehrperson etwas Sinnstiftendes tut. Jedenfalls haben wir seit rund drei Jahren steigende Studierendenzahlen, aktuell zählen wird rund 250 Studierende pro Studienjahr, insgesamt daher rund 750.

 

Gerade die psychische Belastung dürfte kaum kleiner werden, zumal mit der Digitalisierung eine weitere Herausforderung wartet. Wir lernen zwar weiterhin offline – beispielsweise schreiben oder rechnen – die Wirtschaft verlangt aber immer mehr digitale Kenntnisse. Wie geht die PH mit diesen Anforderungen um?

Wir sind an der PHBern aktuell daran, neue Studienpläne zu erarbeiten, welche die Entwicklungen im Bereich Digitalisierung aufnehmen sollen, weil es absehbar ist, dass sich der Berufsalltag grundlegend verändern wird. Die Frage stellt sich auch, was ein Computer besser tun könnte, als eine Lehrperson. Trotz der Digitalisierung ist die Lehrperson aber nicht zu ersetzen, denn Lernen hat auch immer mit Beziehung zu tun. Dadurch wird die Lehrperson eine wichtige Person in der Entwicklung eines Kindes bleiben. Es ist aber eine Herausforderung, die neuen, digitalen Möglichkeiten des Lernens in einem vielfältigen Unterricht einzusetzen und intelligent zu nutzen. Und eine zeitgemässe Aus- und Weiterbildung der Lehrperson ist dazu eine wichtige Voraussetzung.

 

Wenn wir schon bei Veränderungen sind: Derzeit wird im Zusammenhang mit der Jugend oftmals über Erziehungsdefizite geklagt. Gerade im Primarschulalter wären Kinder empfänglich, um erzogen zu werden, sprich neue Regeln zu lernen. Oder sind Lehrer dafür gar nicht verantwortlich?

Grundsätzlich liegt die Verantwortung für die Erziehung bei den Eltern. Lehrpersonen klagen regelmässig, dass sie vermehrt Erziehungsarbeiten leisten müssen, die eigentlich ins Elternhaus gehören würden. Das zeigt: Unser Erziehungsauftrag ist grösser geworden, und das kann dazu führen, dass der Bildungsauftrag in den Hintergrund rückt. Aber auch sonst haben die Ansprüche an eine Lehrperson zugenommen. Es gibt wenige Berufe, welche so vielseitige Fähigkeiten und Fertigkeiten erfordern wie der Lehr-beruf.

 

Inwiefern werden angehende Lehrkräfte an der PHBern auf diese Anforderungen vorbereitet?

Wir können unsere Studierenden nicht auf alles vorbereiten. Es ist wie bei anderen Berufen auch: Es gibt Dinge, die erst beim Ausüben der Tätigkeit erlernt oder vertieft werden können. Wir simulieren beispielsweise Gespräche mit unzufriedenen Eltern, wirklich realitätsgetreu können wir das manchmal aber dennoch nicht üben. Da braucht es viel Erfahrung und auch die Hilfe von Schulleitungen, welche die Lehrpersonen zu Beginn ihrer Arbeit unterstützen. Wir geben ihnen an der PHBern das Rüstzeug und eine professionelle Grundhaltung mit, von welcher sie in verschiedenen Situationen profitieren. Und wir fordern die Studierenden zu lebenslangem Lernen und regelmässiger Weiterbildung auf.

 

Das Problem aber ist, dass es hier um Kinder geht. Ein Mechaniker darf sich Fehler erlauben, Ihre Studierenden sind später aber für die Zukunft der Gesellschaft verantwortlich – etwas überspitzt gesagt.

Als Vater verstehe ich das. Es ist eine äusserst wichtige Aufgabe, welche unsere Lehrpersonen ausüben. Gerade das Abgeben eines Kindes braucht von Seiten der Eltern grosses Vertrauen in die Schule und die Lehrpersonen. Ich persönlich habe dieses Vertrauen, weil ich überzeugt bin und sehe, dass in den Schulen sehr gute Arbeit geleistet wird.

 

Kommen wir zum Abschluss und somit noch zu Ihrem Privatleben. Neben Job, Politik und sportlichem Ehrenamt scheint für Sie selbst nur wenig Freizeit zu bleiben, zumal Sie auch noch Vater von vier Kindern sind. Wie bringen Sie das alles unter einen Hut?

(Frau Maria lacht im Hintergrund) Ich würde sagen, dass ich gerne arbeite (Daniel Steiner-Brütsch lacht ebenfalls). Ich bin gut organisiert und arbeite halt hin und wieder auch in der Nacht. Natürlich würde das alles nicht ohne die Unterstützung meiner Frau gehen. Aber tatsächlich habe ich nur wenig Freiräume und andere Hobbys, abgesehen von der LVL oder der Politik.

 

Die Frage stellt sich trotzdem: Wenn Sie einmal nichts zu tun haben, was tun Sie gerne?

Ich gehe gerne joggen. Und mit meiner Familie geniesse ich es, in den Bergen zu wandern oder bräteln zu gehen. Ich erfreue mich aber auch an einem Fernsehabend – solche Momente zum Durchatmen und Abschalten geniesse ich zweifellos.

 

Aber vielleicht ist es ja auch so, dass Daniel Steiner-Brütsch die starke Beschäftigung geniesst?

Ich mag es tatsächlich, wenn etwas passiert und etwas läuft. Aber wenn man gerne arbeitet, dann ist viel Arbeit ja auch nichts Schlechtes. Aber ja, es stimmt schon. Wenn in den Ferien zwei oder drei Tage lang nichts passiert, dann wird mir manchmal schon etwas langweilig.

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