• Pedro Lenz in der Langenthaler «Porzi» auf seiner Reise in die Vergangenheit. · Bild: Liselotte Jost-Zürcher

05.03.2018
Langenthal

«Ich ersuche euch, zum Gelände Sorge zu tragen»

Hat das Porzi-Areal in Langenthal Parallelen zum Lagerplatz-Areal in Winterthur? Könnte die Lösung für das Porzi-Areal in eine ähnliche Richtung gehen? Die Frage wurde «am Ort des Geschehens» von Reto Müller, Stadtpräsident Langenthal, Tom Rickli, Partner VR Ducksch & Anliker, Langenthal, Ernst Wohlwend, Förderer «Lagerplatz Winterthur», Barbara Buser, Projektentwicklerin, und Martin Sturm, Architekt und ehemaliges Mitglied Bau- und Planungskommission Stadt Langenthal, auf dem Podium diskutiert. Den Auftakt machte der Schriftsteller und Buchautor Pedro Lenz.

«Es ist meine Vergangenheit, meine Kindheit, dort wo ich an der Hand meines Vaters durch die Fabrikräume ging, wo ich gelernt habe ‹grüessech› zu sagen …» Die ehemalige Porzellanfabrik Langenthal, damals noch Arbeitgeberin von rund 1000 Leuten, ist Teil von Pedro Lenz’ Kinder- und Jugendzeit, Teil seiner Heimat. Hier war er vertraut, hatte sogar in Ferienjobs in der Fabrik gearbeitet. Das sei der Hauptgrund, weshalb er zum Podium rund um die Zukunft des Porzi-Areals gekommen sei, sagte der Schriftsteller, Buchautor und Wahl-Oltner am Freitagabend zum grossen Publikum. Und ebenso weil sich der ehemalige Langenthaler der Stadt immer noch zugehörig fühle. Das Porzi-Areal sei mehr als Quadratmeter-Fläche, sei mehr Wert als Geld: «Ich ersuche euch, zum Gelände Sorge zu tragen und für das Porzi-Areal den Rhythmus zu finden, der zu ihm passt, der zu den Menschen passt die hier ein und aus gingen, die heute ein und aus gehen, und die gerne hierher kommen möchten.»
Pedro Lenz’ Worte, seine Ausdruckskraft fuhren ein und bildeten einen hervorragenden Auftakt zum Podium. Der Anlass unter der Moderation von Chantal Desbiolles, Redaktionsleiterin BZ Langenthaler Tagblatt, war vom Verein PorziAreal organisiert worden. Der Verein sucht aktiv nach Möglichkeiten, um die Besonderheit dieses Areals als Wert in die Zukunft und damit in die Umnutzung zu bringen. Die Fabrik dient nicht mehr ihrem ursprünglichen Zweck; hier wird nur noch eine Handelsagentur betrieben; die Fabrikation von Langenthal Porzellan wurde in die Tschechei ausgelagert. Die einstigen Produktionsräume bieten heute weiteren Firmen und KMU’s Platz. Es haben sich Handwerksbetriebe und Dienstleister angesiedelt. Lagerräume und Ateliers werden genutzt, kulturelle Vereine und freischaffende Künstler gehen ein und aus. Das Areal aber zerfällt zu einer Industriebrache.

Testplanung im Gang
Dem wollen der Verein, die neuen Inhaber und auch die Stadt Langenthal entgegenwirken. Im Auftrag der Stadt läuft zurzeit eine professionell durchgeführte Testplanung. Nebst Fachleuten sind auch zwei Vertreter des Vereins PorziAreal im Gremium. Die momentanen Akteure sind aber vor allem die Büros UNCH Zürich und Ducksch & Anliker, Langenthal, sowie unter anderem Professoren der ETH Zürich, welche die Ergebnisse der Testplanung beurteilen werden, wenn diese abgeschlossen ist.
Langenthal ist eine von vielen Städten, die sich mit leerstehenden Fabriken befassen müssen. Ebenso Winterthur, als das 1989 verlassene Sulzer-Werk dem Erdboden gleichgemacht und darauf eine neue Überbauung, eine «fantasievolle Klötzchenwelt» realisiert werden sollte. Aber genau wie die Langenthaler Porzellanfabrik hat auch der einstige Sulzer-Standort eine prägende Geschichte. Durch Winterthur ging ein Aufschrei, die Überbauung wurde vereitelt. Auch ein späteres Projekt, das aus einem Architekturwettbewerb herausgegangen war und eigentlich einen Kompromiss gebildet hätte, kam nicht zustande.
Erst knapp ein Dutzend Jahre später, unter der Federführung des damaligen Winterthurer Stadtpräsidenten Ernst Wohlwend und mit Hilfe der Basler Projektentwicklerin Barbara Buser gelang es in einer beispiellosen Aktion, das bestehende Leben und Werken in der Lagerhalle zu erhalten, neues Leben hineinzubringen und einen Mix zu erlangen, der heute in der ganzen Schweiz als Muster gilt.
Die Zwischennutzer wollten in der Fabrikhalle bleiben und setzten sich entsprechend für das Weiterbestehen derselben ein. Bei der Projektentwicklung erhielten sie massgebliches Mitspracherecht, und dank der Einkünfte durch die Mieten kam eine genügend grosse Rendite zusammen, damit die Besitzerin notwendige Bauten realisieren konnte. Alle Zwischennutzer durften bleiben.

Ein Vernunftprozess
«Es war ein Vernunftprozess», blickte Ernst Wohlwend am Freitagabend in der «Porzi» zurück. Und: «Es war unsere Chance, die Zwischennutzer ernst zu nehmen», sagte Barbara Buser. Das sei bis heute so geblieben. Ziehe ein Mieter aus irgendeinem Grund aus, würden die andern für die Wiedervermietung zusammenstehen: «Das ist wichtig, denn sie sollen ja zusammenpassen.» Es habe sich auch gezeigt, dass in einem guten Klima die Zwischennutzer selbst in die Räumlichkeiten investieren würden: «Das wertet das Ganze zusätzlich auf.»

Debatte vor vollem Haus
Ein Muster also, das als Vorzeigeprojekt für das Langenthaler Porzi-Areal dienen könnte. Das meinen die Befürworter, vorab der Verein PorziAreal. Aber auch die Besitzer und die Stadt scheinen für ein ähnliches Projekt nicht abgeneigt.
So zumindest zeichnete es sich an der  Podiumsdiskussion ab, an welcher nebst Ernst Wohlwend und Barbara Buser der Langenthaler Stadtpräsident Reto Müller, Tom Rickli, Mitinhaber und VR Ducksch & Anliker, Langenthal, und Martin Sturm, pensionierter Architekt und Mitglied Bau- und Planungskommission Stadt Langenthal von 2010 bis 2017 mitmischten. Sie debattierten vor «vollem Haus»; der Aufmarsch war unerwartet gross, die einstige Fabrikhalle im Hauptgebäude vollbesetzt und das Interesse im Volk entsprechend gross.
Im seit 2017 geltenden Siedlungsrichtplan der Stadt Langenthal ist das Porzi-Areal als Subcenter Langenthals festgehalten. Laut Reto Müller soll die Mehrheit der gesamten zukünftigen Nutzfläche dem Gewerbe, den Dienstleistungen (zirka 40 %) und dem Verkauf (zirka 20 %) erhalten bleiben. Ein Teil soll neu dem Wohnen (zirka 40 %) zugeteilt werden.

Vorzeigeprojekt mit Einschränkungen
Da gebe es durchaus Parallelen zum Lagerplatzareal in Winterthur, stellte Reto Müller fest. Eine weitere Parallele sei das Bestreben, dass das bestehende Gewerbe, die sogenannten Zwischennutzer, auch in Zukunft Teil der Gesamtnutzung sein sollen. Dagegen spreche anderseits, dass im Porzi-Areal nach heutigem Gesichtspunkt ein grosser Nutzer – ein sogenannter Ankernutzer – wie dies in Winterthur mit der Fachhochschule mit Architekturabteilung der Fall sei, fehle. «Die Fachhochschule Bern zieht neu von Burgdorf nach Biel; der Standort der Berufsschule in Langenthal ist bereits bezogen.» Reto Müller möchte den Fokus im Porzi-Areal – entgegen Befürchtungen aus dem Publikum – nicht eingrenzen, möchte nicht «alles verplanen», sondern sogar die Möglichkeiten einer Kombination von Alt und Neu erweitern. Die Testplanung sei ein erster Schritt, auf den man aufbauen könne. Tom Rickli zeigte sich erfreut am Interesse; er befürworte einen «gesunden Mix», hielt aber fest, dass baupolizeiliche Vorschriften eingehalten werden müssten.
Viel Herz für das Bestehende zeigte Martin Sturm. Unter anderem trägt vom pensionierten Architekten das Museum Franz Gertsch in Burgdorf die Handschrift. Sturm legte den Machern ans Herz, den Charakter der alten Strukturen im Porzi-Areal zu erhalten, die Geschichte der «Porzi» in das Neue einzubinden. «Der Ort hat die Bedeutung und auch das Recht, einfach einmal etwas zuzulassen.» Es brauche nicht alles perfekt und neu zu erscheinen, dürfe Spuren der Vergangenheit haben. Martin Sturm erhielt vom Publikum bei jedem seiner Voten besonders viel Applaus.

Von Liselotte Jost-Zürcher


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