• Johann Schär lesend vor seinem Haus. · Bilder: Johann Schär/zvg Kunsthaus Langenthal

  • Die Dokumentation des Braunkohleabbaus ist ein wertvoller Bestandteil von Schärs Nachlass. · Bilder: Johann Schär/zvg Kunsthaus Langenthal

14.02.2017
Oberaargau

Johann Schär erzählt von «Chäs u Chole» und viele andere Geschichten mehr

Johann Schär hat die ländliche Welt anfangs des 20. Jahrhunderts fotografisch in vielen faszinierenden Aufnahmen dokumentiert. Das Kunsthaus Langenthal zeigt gegenwärtig eine umfangreiche Auswahl dieser Fotografien. Es sind Porträts von Einzelpersonen, Familien und Vereinen, aber auch Aufnahmen von den Arbeiten auf dem Feld und im Gewerbe sowie Landschafts- und Waldbilder. Die Ausstellung im Kunsthaus Langenthal ist noch bis zum 2. April zu sehen.

Eine Besonderheit im Schaffen von Johannes Schär oder «Dängi Hannes» stellen die Fotos vom Kohleabbau während des Ersten Weltkrieges dar. Die Bekleidung der Porträtierten, ihre Arbeitsgeräte und die Umgebung vermitteln interessante Einblicke in die Lebensart vor hundert Jahren. Die Fotografien sind in den einzelnen Ausstellungs-Räumen in Themen zusammengefasst. Zu sehen ist auch die Kamera, mit der Schär gearbeitet hat.  

Gefragter Fotograf
Johann Schär wurde am 11. September 1855 im Weiler Freibachmoos in Gondiswil geboren. Er wuchs zusammen mit zwei Schwestern auf. Sein Elternhaus stand dicht am Rande des Schmidwaldes, der für einige Zeit auch seine Arbeitsstätte war. Denn im Jahr 1881 machte er eine entsprechende Ausbildung und erhielt das «Fähigkeitszeugnis als Bannwart 1. Classe» ausgehändigt vom Staat Bern. Kurz vor der Jahrhundertwende quittierte er den Staatsdienst und begann mit dem Fotografieren. Die Kenntnisse dafür erarbeitet er sich wohl selbst: Er bestellte alle notwendigen Gerätschaften, Materialen und Chemikalien und richtete sich in seinem Haus ein Labor ein. Von einem befreundeten Maler liess er sich zwei Hintergründe malen, die ihm als Kulisse für seine Personenaufnahmen dienten.
Oft fotografierte er die zu Porträtierenden aber auch im nahen Wald. Praktisch über eine ganze Generation hinweg liess sich die Gondiswiler Bevölkerung bei ihm ablichten. Allein, zu zweit oder in Gruppen. Andere Fotos entstanden bei den Leuten daheim, wo sich die Familien vor ihrem Haus aufstellten. Nicht selten wurden auch Kühe, Pferde, Hunde oder Hühner mit aufs Bild genommen. Viele Personenfotos zeigen grössere Gruppen, so etwa Schulklassen, Konfirmanden, Theatergruppen oder Vereine. «Dängi Hannes» hat auch Ansichts- und Grusskarten erstellt. Erstaunlicherweise hat er schon damals Fotomontagen fabriziert. Eine Auswahl davon ist ebenfalls in der Langenthaler Ausstellung zu finden.    

Von Arbeit und Freizeit
Zu Zeiten von Johann Schär war die Mehrheit der Einwohner von Gondiswil in der Landwirtschaft tätig. Viele Aufnahmen dokumentieren die Arbeit auf dem Feld. So etwa das Pflügen, das Heuen und die Getreideernte. Als Zugtiere wurden damals noch Pferde und Kühe eingesetzt. Speziell sind die Aufnahmen vom gemeinschaftlichen Flachsbrechen. Auch das in Gondiswil und den Nachbardörfern ansässige Gewerbe wurde vom Fotografen in Bildern festgehalten: Schlosser, Schreiner, Zimmerleute, Schuster und Kaminfeger. Der Unternehmer Hans Reinhard hat 1908 mitten im Dorf in einer kleinen Fabrik mit dem Bau von mechanischen Geräten und Apparaten begonnen, die er von Schär fotografieren liess. Von grosser Bedeutung für Gondiswil war schon damals die Käserei; dort amtete Johann Schär als Nachfolger seines Vaters während 54 Jahren als Sekretär. Fotos machte er dort nur wenige.
Über seine ganze Fotografenkarriere hinweg hielt Johann Schär auch immer wieder Landschaften und Ortsbilder fest. Lieblingssujets waren dabei Waldpartien und Baumgruppen –  sommers und winters. Ein beträchtlicher Teil der Aufnahmen entstand unterwegs in Gondiswil oder in den Nachbargemeinden – beispielsweise in Melchnau, Huttwil, Rohrbach, Ufhusen und Zell.
Ebenso gern fotografierte er auf Ausflügen und Reisen, die er zusammen mit anderen unternahm oder auf Vereinsreisen mit dem Posaunenchor Brüggenweid, den er 1892 gründen half und bis 1922 dirigierte. Die Fotografie vom Bahnhof Brünig, die auch Aufnahme in einem illustrierten Werk über die Schweiz fand, ist wahrscheinlich seine früheste.

Einzigartig in der Schweiz
Eine Besonderheit und fotohistorisch einzigartig ist die Dokumentation von Johann Schär über den Kohleabbau in Gondiswil. Der Abbau von Braunkohle selbst stellt etwas für die Schweiz Einzigartiges dar. Das Kohlevorkommen wurde beim Bau der Huttwil-Wolhusen-Bahn 1894/1895 in Gondiswil und den angrenzenden Luzerner Gemeinden entdeckt. Als im Ersten Weltkrieg dann Rohstoffmangel herrschte, wurde die Kohle wirtschaftlich interessant, war aber schlussendlich nicht rentabel. In den Jahren 1917 bis 1920 wurden an verschiedenen Orten gleich mehrere Unternehmen aktiv. Zum grössten Teil baute man die Braunkohle im Tagbau ab. Diese Arbeiten hat Johann Schär ausführlich dokumentiert. Als nach einem Wasser-einbruch in einer Grube unterhalb des Dorfes ein kleiner See entstand, erstellte er mit Humor sogar eine Fotocollage mit dem Titel «Im Seebad zu Gondiswil».
Fast so spektakulär wie der Kohleabbau war in Gondiswil viele Jahre später der Fund des Fotoarchivs von «Dängi Hannes». Gegen 5000 Glasnegative und ein paar hundert Abzüge und Ansichtskarten wurden vor ein paar Jahren an zwei Standorten gefunden. In den Jahren 2010 und 2015 wurden die beiden Teile mit der Übergabe ans Fotobüro Bern wieder zusammengeführt. Dort hat man den «Schatz» aufgearbeitet. Alle Aufnahmen wurden gesichtet und digitalisiert. Markus Schürpf vom Fotobüro Bern befasste sich für die Erstellung einer Dokumentation auch intensiv mit der Geschichte von Johann Schär und seinem Dorf; er suchte in verschiedenen Archiven nach Informationen und befragte Dorfbewohner.  

Geschichte der Fotografie
Das Fotobüro Bern (Büro für Fotografiegeschichte) wurde 1999 von Markus Schürpf gegründet und wird seit 2010 vom gemeinnützigen Verein «Fotobüro Bern» getragen.
Das Kunsthaus Langenthal zeigt nun erstmals Johann Schärs Schaffen im Überblick. Der Titel «Chäs u Chole» wurde in Anlehnung an die grosse Bedeutung der Käserei und des Kohleabbaus in Gondiswil gewählt. Zu seinem 25-jährigen Jubiläum setzt das Kunsthaus Langenthal damit eine Tradition von Ausstellungen mit historischer Fotografie in Zusammenarbeit mit Markus Schürpf fort, die 1993 begann. Im Laufe des kommenden Monats März erscheint im Limmat Verlag ein Fotoband über den Dorffotografen Johann Schär. Das Kunsthaus Langenthal hat zudem neun Kunstschaffende und Schreibende eingeladen, einen Beitrag zur Ausstellung Schär zu gestalten.

Gut zu wissen
Die Ausstellung im Kunsthaus Langenthal dauert bis zum 2. April. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag, von 14 bis 17 Uhr; Samstag und Sonntag, von 10 bis 17 Uhr. Montag und Dienstag sowie am Wochenende vom 4./5. März geschlossen. Informationen zu Veranstaltungen während der Ausstellung sind zu finden unter: www.kunsthauslangenthal.ch

Von Berty Anliker

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