• Ein Präsident ohne Facebook und ohne Twitter, aber mit umso mehr sozialem Gespür: Ueli Werren, der neue Gemeindepräsident von Madiswil. · Bild: Patrick Bachmann

21.12.2018
Oberaargau

Kleindietwiler ist neuer Gemeindepräsident

Ueli Werren tritt am 1. Januar in die Fussstapfen seiner Vorgängerin Vreni Flückiger. Mit ihm stellen die «Freien Wähler» ab Januar das erste Mal das Präsidium. Seine Ausstrahlung und sein breites Lachen dürften vielen bekannt sein. Doch wo ist er aufgewachsen, was prägte ihn und woher nimmt er seine Motivation für dieses höchste Amt? Ein Porträt.

Madiswil · Als er 1980 an der Primarschule Kleindietwil zu unterrichten begann, hätte Ueli Werren nicht geahnt, dass er 38 Jahre später zum Gemeindepräsidenten von Madiswil gewählt würde. Die Gemeindefusion war damals ohnehin noch kein Thema und als Zuzüger aus dem Oberland musste er sich zuerst einmal einleben. Er trat umgehend dem örtlichen Turnverein bei und wurde kurz darauf auch schon Mitglied der Feuerwehr, zuletzt diente er sogar als Vizekommandant. Ueli Werren setzte sich für den Zusammenschluss der Feuerwehren Kleindietwil und Madiswil ein, später für die Fusion der Schulen und dann auch für die Gemeindefusion. Ab 2010 vertrat er die Freien Wähler in der Finanzkommission, 2014 schaffte er den Sprung in den Gemeinderat. Am 21. Oktober 2018 ist Ueli Werren nun mit überraschenden 57 Prozent zum Gemeindepräsidenten von Madiswil gewählt worden.

Legislaturziele
Etwas verschmitzt lächelt er bei der Frage, ob seine Prognose reine Tiefstapelei gewesen sei. (In der Dorfzeitung hatte er vor den Wahlen von rund 40 Prozent Wahlchancen gesprochen). «Ich hatte mich nicht in der Favoritenrolle gesehen. Aber es ist ein riesiger Vertrauensbeweis», sagt Werren noch immer gerührt. «Anscheinend wurde meine Arbeit im Gemeinderat geschätzt und sicher half auch die Tatsache, dass ich als einziger bisheriger Gemeinderat zur Wiederwahl antrat.» Doch die Wahl bringt auch Verantwortung und es bleibt nicht viel Zeit bis zur Amtsübernahme Anfang Januar. Werren strebt eine zügige Ressortverteilung an und plant mit dem neuen Gemeinderat eine Retraite, um die Schwerpunkte der nächsten Legislatur festzulegen. «Mir ist die Einführung des schnellen Internets ein Anliegen, also auch in den Aussenbezirken von Madiswil. Neue Impulse erhoffe ich mir in Sachen erneuerbare Energien. In der Schule setze ich mich für eine Basisstufenklasse ein.»

Volleyball statt Fussball
Bereits in der Kindheit wurde Werren mit Politik konfrontiert. Zu Hause hatte man schon damals regelmässig das «Echo der Zeit» des Schweizer Radios gehört und man diskutierte am Küchentisch die aktuellen politischen Geschehnisse. Aufgewachsen ist der 59-Jährige in Weissenbach bei Boltigen, auf einem Bauernhof mit fünf Geschwistern und zahlreichen Tieren. «Es war eine schöne Zeit und obwohl wir nicht wohlhabend waren, vermissten wir nichts. Ausser dass ich vielleicht gerne Fussball gespielt hätte, aber das lag damals nicht drin. Vielleicht wäre ich auch gar nicht so gut gewesen...», erinnert sich Werren und sein sympathisches breites Lachen huscht über sein Gesicht. Statt Fussball spielte er später Handball, ist heute noch aktiver Volleyballspieler und fährt Ski. Gerne ist er auch mit dem Bike unterwegs.

Der liberale Pragmatiker
Sein weltoffener Geist wurde vor allem Ende der 1970er-Jahre im Lehrerseminar in Spiez geprägt. «Das Semi hat mir die Sicht auf die Welt geöffnet und ich lernte gute Literatur kennen.» Schon zuvor als Jugendlicher hatte er alle Bücher verschlungen, die ihm in die Hände fielen. «Ich las zum Beispiel die Jerry Cotton-Hefte und hätte wohl sogar das Telefonbuch gelesen», lacht Werren. «Im Lehrerseminar entdeckte ich aber zum Beispiel Bücher von Albert Camus oder Friedrich Dürrenmatt.» Die Liebe zur Literatur und Kunst blieb ihm bis heute erhalten. «Dank Büchern und neuen Bekanntschaften lernte ich andere Ansichten kennen und schätzen». Er bezeichnet sich selber als liberalen Pragmatiker und hasst dogmatische Ansätze. Noch immer informiert er sich gerne mit dem «Echo der Zeit» des Radio SRF, liest regelmässig Zeitung oder nimmt sich Zeit für das ausführliche Magazin «Reportagen». Er mag gut erzählte Geschichten und Filme.

Verliebt in die Landschaft und in Brigitte
Nach der Ausbildung hatte er dann im Dezember 1980 an der Primarschule Kleindietwil seine erste feste Stelle angetreten. «Ich musste damals zuerst auf der Karte nachsehen, wo diese Ortschaft überhaupt liegt», erzählt Werren. Er fühlte sich sofort integriert und willkommen und empfand die Menschen hier offener als im Oberland. Die Berge habe er nie vermisst. «Es ist eine wunderschöne Gegend hier. Wenn man hier auf den Hügeln steht und beobachten kann, wie die Sonne hinter dem Jura verschwindet, ist das umwerfend.»
In Kleindietwil lernte er auch seine Frau Brigitte kennen, nachdem er zuerst mit ihrer Mutter in der Schule zusammengearbeitet hatte und mit dem Schwager befreundet war. Sie heirateten und zogen zusammen drei Kinder gross. Die Tochter Martina lebt noch immer in Kleindietwil und mit 327 Stimmen verpasste sie an den letzten Wahlen den Einzug in die Schulkommission nur knapp. Brigitte Werren arbeitet seit vielen Jahren als Hebamme in Rothrist.
Bis zur Fusion war Ueli Werren gleichzeitig Lehrer und Schulleiter. Nach einem Nachdiplomstudium wechselte er 2008 an die Schule Lotzwil, wo er an der Sekundarstufe die 7. bis 9 Klasse unterrichtet.

Empathie als Schlüssel zum Erfolg
Das war zuerst ein Schock für ihn, weil ihm die Schülerinnen und Schüler vergleichsweise verwahrlost erschienen. «Ich dachte zuerst, dass ich das kein Semester aushalten werde.» Doch bald stellte er fest, dass die Schüler zu motivieren sind. Werren ist überzeugt: «Sie wollen ernstgenommen werden und sie müssen Empathie spüren.» Die Unterrichtsform sei zweitrangig. Es sei entscheidend, dass er nicht von allen Schülerinnen und Schülern das gleiche verlange. Dies funktioniere aber nur, wenn er dabei transparent bleibe. Inzwischen ist er schon über ein Jahrzehnt in der Schule Lotzwil tätig und er ist begeistert. «Kürzlich haben wir zum Beispiel das Theaterstück ‹Der Besuch der alten Dame› aufgeführt und die Schülerinnen und Schüler setzten sich mit dem Text auseinander und waren mit grossem Engagement dabei.»

Zeit als Lebensqualität
Für Ueli Werren beginnt aber ein neues Kapitel. Im Sommer hatte er das Pensum auf 75 Prozent reduziert, Anfang 2019 tritt er das Amt des Gemeindepräsidenten an und in drei Jahren möchte er mit dem Unterrichten ganz aufhören. «Die Reduktion ist kein Problem, ich muss nicht mehr so viel konsumieren.» Lebensqualität werde ohnehin zu häufig nur mit materiellem Wohlstand gleichgesetzt. Viel wichtiger sind ihm Zeit haben, spannende Begegnungen, gute Freunde und Familie. Er habe ganz allgemein die Menschen gern – eine gute Voraussetzung für seine Tätigkeit als Lehrer und als angehender Gemeindepräsident.

Von Patrick Bachmann

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