• Die Bewohner von Rüschlikon müssten sich auf Wolke 7 befinden; die Zürcher Gemeinde sei der «attraktivste Wohnort der Schweiz». Aber ist dort das Leben wirklich so viel lebenswerter als in Huttwil, wie es die «Weltwochen»-Studie behauptet? · Bild: L. Jost-Zürcher

  • Die Bewohner von Rüschlikon müssten sich auf Wolke 7 befinden; die Zürcher Gemeinde sei der «attraktivste Wohnort der Schweiz». Aber ist dort das Leben wirklich so viel lebenswerter als in Huttwil, wie es die «Weltwochen»-Studie behauptet? · Bild: L. Jost-Zürcher

21.08.2017
Huttwil

Lebenswert – was heisst das doch gleich?

Schon wieder. Im Gemeinderating der Zeitschrift «Weltwoche», das letzte Woche veröffentlicht worden ist und in welchem jährlich alle schweizerischen Gemeinden mit über 2000 Einwohnern bewertet werden, ist Huttwil erneut fast am Schluss zu finden, nämlich auf Platz 922 von 924. Im Verbreitungsgebiet des «Unter-Emmentaler» schneiden allerdings auch die meisten andern bewerteten Gemeinden nicht viel besser ab; am besten noch Langenthal auf Platz 726. Die Gewinner sind die Seegemeinden in der zentralen Schweiz. Aber was heisst «Gewinner»?

Wo lebt es sich am besten? Wo wächst die Schweiz am dynamischsten, aber doch ausgewogen? 
Wo sind die Jobperspektiven gut, wo die Arbeitswege kurz, wo kann man sich sicher fühlen? Im Oberaargau offenbar nicht; im Emmental ebenfalls nicht, im Luzerner Hinterland ein bisschen besser, wenn man dem Rating der «Weltwoche» glaubt. Seit 2009 führt die «Weltwoche» dieses Rating jährlich durch, lässt die Studie durch ein auf Immobilien ausgerichtetes Beratungsunternehmen in Zürich erstellen.
Das Beratungsunternehmen erhebt von jeder Schweizer Gemeinde mit über 2000 Bewohnern (dieses Jahr 924) die relevanten Daten, bewertet diese anhand von 50 Faktoren. Der «Übersichtlichkeit halber», so erklärt die «Weltwoche» in ihrem Beitrag, werden diese Faktoren in sieben Kategorien gegliedert – und auch auf diese Weise veröffentlicht. Die aufgeführten Gemeinden wurden nicht direkt informiert; sie erfuhren ihre Bewertung aus den Medien.
Kritikpunkte in der Rangierung sind Arbeitsmarkt, Wohnen und Immobilien, Bevölkerungsstruktur, Steuerbelastung, Mobilität und Verkehr, Versorgung sowie Sicherheit.

Mit Immobilienpreisen «punkten»
Den Sieg erringe man nicht mit einzelnen Höchstleistungen, heisst es in der «Weltwoche»; punkten könnten primär Gemeinden mit einem überdurchschnittlich guten Gesamtangebot. Die Immobilienpreise seien für das Gemeinderating von grosser Bedeutung, denn dieses Kriterium wiege gleich schwer wie alle anderen Eigenschaften zusammen. «Dahinter steht der Gedanke: Wenn eine Gemeinde eine gute Politik betreibt, dann schlägt sich das vor allem in den Bodenpreisen nieder – und natürlich auch umgekehrt.»

Erste Berner Gemeinde auf Platz 125
So wie eben die Seegemeinden Rüschlikon ZH (Rang 1) oder Meggen LU (2). Die erste Berner Gemeinde steht mit Muri bei Bern auf Rang 125, die «zweitbeste» mit Bern auf Rang 168. In der weiteren Region des «Unter-Emmentaler» steht Sursee weitaus am Besten da, nämlich auf Rang 277. Willisau folgt auf Rang 646, Langnau i.E. auf Rang 671, dann Langenthal (726), Rüegsau (771), Lützelflüh (817), Lotzwil (843), Madiswil (883), Sumiswald (898) und Huttwil (922).

Fehlende Transparenz
Wirklich eine Frage der Politik? «Es ist nichts Schönes für einen Gemeindepräsidenten, seine Gemeinde in einem Rating auf beinahe dem hintersten Rang zu finden», sagt auf Anfrage des «Unter-Emmentaler» Walter Rohrbach, Gemeindepräsident von Huttwil. Und dies in Folge – bereits letztes Mal habe Huttwil sehr schlecht abgeschnitten. Damals habe die Gemeinde reagiert, habe sich bei der «Weltwoche» nach den Bewertungskriterien und den Resultaten erkundigt. Antwort habe man keine richtige erhalten. «Auf diese Weise ist es sehr schwierig, irgendetwas zu verbessern», stellt Walter Rohrbach fest. Zumal seitens der Studienbetreiber nie eine Anfrage erfolgt sei. Die Gemeinde habe keine Möglichkeit gehabt, sich in einem Statement zu äussern, ebensowenig einen Fragebogen auszufüllen.
«Wir wissen nicht, ob die Erhebungen auf Internet-Plattformen erfolgen und auch nicht ob überhaupt die neusten Zahlen berücksichtigt sind.»
Anders sei dies etwa bei einem sporadischen HIV-Rating, wo im Vorfeld ein Fragebogen ausgefüllt und ein Gespräch geführt werde. «Dann weiss man auch, wo die Schwerpunkte liegen.» Im HIV-Rating liege Huttwil jeweils im Mittelfeld.

Hohe Steuern im Kanton Bern
Trotzdem könne Walter Rohrbach die Rangierung im Rating der «Weltwoche» zumindest teilweise nachvollziehen – mit dem Fazit allerdings, «dass wir nichts ändern können.» Der Kanton Bern habe sehr hohe Steueransätze. «Das macht ihn weniger attraktiv.» Es sei auch im Städtli schwierig zu verstehen, dass bereits 500 m westlich, auf der andern Seite der Kantonsgrenze, weniger Steuern bezahlt werden müssten. «Wenn die Steuerbelastung hoch ist, bleibt weniger Geld für den Konsum, weniger für teures Wohnen und weniger auch für Luxus.» Das habe Konsequenzen, die sich beim vorliegenden Rating äussern würden. Solange es nicht gelinge, die Steuerbelastung in der Schweiz zumindest  einigermassen auszugleichen, werde es auch Unterschiede in der Beliebtheit der Ortschaften und Regionen geben.

Keine Hochlohn-Region
Das Beispiel Huttwil spiegle die Schwierigkeiten, mit welchen Berner Gemeinden zu kämpfen hätten: «Wir sind keine Hochlohn-Region. Das heisst, die Menschen, die hier arbeiten bezahlen durchschnittlich weniger Steuern als beispielsweise in Zürich. Zudem fehlen uns die grossen juristischen Personen wie Grossbanken und Konzerne, die namhaft Steuern bezahlen. Doch angesichts der beachtlichen finanziellen Vorhaben in den nächsten Jahren ist Huttwil auf die Steuergelder angewiesen; das heisst, die Steuereinheit muss auf einer realistischen Höhe bleiben damit die Gemeinde die hohen Ausgaben finanzieren kann.» Eine Steuersenkung sei mindestens vorläufig undenkbar.
Dazu kämen die ständig steigenden Sozialkosten: «Je mehr Sozialhilfeempfänger eine Gemeinde hat, desto weniger Steuern werden pro Kopf bezahlt – und desto mehr steigen die Kosten für die Gemeinde und den Kanton.» In Huttwil begünstige der derzeitige grosse Leerwohnungsbestand und Huttwils Funktion als «Metropole» im oberen Langetental diese problematische Entwicklung.
Dennoch hält Walter Rohrbach fest, dass ihm die Studie «wie nicht abgeschlossen» erscheine. «Wie würde sie aussehen, wenn die Wohnqualität, die Wohnkosten, die Lebensqualität, die Lärmbelastung, die Reinheit der Luft, das gesellschaftliche Leben verglichen würden?», fragt er sich. Es sei kein Service von den Auftraggebern der Studie, die Gemeinden nicht direkt zu informieren und sie nicht transparent über ihre Bewertung aufzuklären.
Noch hatte Walter Rohrbach nicht die Möglichkeit, das vernichtende Resultat des Ratings im Gemeinderat auf den Tisch zu legen. Der Gemeinderat Huttwil werde an seiner nächsten Sitzung diskutieren, ob nochmals ein Versuch gestartet werden soll, den Bewertungskriterien auf den Grund zu gehen. So oder so bleibe die Frage, ob etwas in den kritisierten Punkten veränderbar sei «oder ob wir einfach damit leben müssen.»

Von Liselotte Jost-Zürcher

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