• André Schärer, Inhaber der Schärer Architekten GmbH in Huttwil, stellt den Lehrpersonen seinen Betrieb vor und erläutert, was er von einem Lernenden erwartet. · Bild: Walter Ryser

22.06.2017
Huttwil

Lehrer werden zu Schnupperstiften

Ein Dutzend Lehrer schlüpfte bei der Firma Schärer Architekten GmbH in Huttwil in die Rolle von Schnupperstiften. Das Zusammentreffen zwischen Unternehmen und Lehrpersonen fand im Rahmen des Projekts «Schule – Zukunft – Wirtschaft» statt, das die Junge Wirtschaftskammer Oberaargau ins Leben gerufen hat. Die Anlässe fanden auf beiden Seiten Anklang, wie die Beteiligten vor Ort bestätigten.

In der Region gibt es etliche Veranstaltungen, welche den Schülerinnen und Schülern Einblicke in die Berufswelt ermöglichen und sie und ihre Eltern bei der Berufswahl unterstützen. Plattformen, bei denen Lehrkräfte und potenzielle Lehrbetriebe gegenseitig Informationen austauschen können und gleichzeitig Einblicke in die Tätigkeitsbereiche des Andern erhalten, sind dagegen Mangelware oder existieren gar nicht. Mit dem Projekt «Schule – Zukunft – Wirtschaft» hat die Junge Wirtschaftskammer JCI Oberaargau (Junior Chamber International Oberaargau) eine solche Plattform ins Leben gerufen.
Während fünf Jahren wurde das Projekt in Langenthal durchgeführt. Dabei wurde Lehrkräften ermöglicht, diverse Firmen zu besuchen, um sich vor Ort über das Tätigkeitsgebiet zu informieren, aber vor allem um zu erfahren, welche Anforderungen die Unternehmen an Lernende stellen, welche Eigenschaften/Qualifikationen wichtig sind und was zu den Kernaufgaben/Inhalten der entsprechenden Lehre gehört. Der Besuch der Veranstaltungen war für die Lehrkräfte im Rahmen der internen Weiterbildung teilweise sogar Pflicht. Auf das Schuljahr 2015/16 wurde das Projekt im Raum Huttwil erweitert. Hier besuchten Oberstufen-Lehrkräfte der Schule Hofmatt, Huttwil, aus den Gemeinden Gondiswil und Eriswil sowie Lehrpersonen der 5./6. Klassen der Primarschule Städtli Huttwil die diversen Anlässe.

Lehrer sind besser informiert
Das Projekt der Jungen Wirtschaftskammer Oberaargau stiess auf grossen Anklang, sowohl bei den Firmen wie auch bei der Lehrerschaft, wie Alexandra Born, Leiterin der Arbeitskommission Wirtschaft bei der Jungen Wirtschaftskammer, anlässlich eines Anlasses bei der Firma Schärer Architekten GmbH in Huttwil erzählte. «In Langenthal wurden wir von den Lehrern buchstäblich überrannt. Wir waren jeweils restlos ausgebucht. Aber auch die Firmen zeigten grosses Interesse an diesem Projekt. Einige wären durchaus bereit gewesen, noch einen zweiten solchen Anlass durchzuführen.»
Aber auch in der Region Huttwil sei das Projekt auf grosse Resonanz gestossen, berichtete die 37-jährige Rechtsanwältin aus Bützberg. Damit habe man auf beiden Seiten grosse Wissenslücken schliessen können, zeigt sie sich erfreut über das Ergebnis und ergänzt: «Viele Unternehmen bieten nämlich Berufe an, deren Anforderungen man gar nicht kennt, und auf der andern Seite gibt es Lehrpersonen, die nicht wissen, welche Berufe in was für Firmen angeboten werden.» Mit dem Projekt «Schule – Zukunft – Wirtschaft» sei wertvolles Wissen transferiert worden. «Dadurch sind die Lehrer künftig besser in der Lage, den Schulabgängern Inputs und Tipps zu geben, wo ein Schüler schnuppern kann. Gleichzeitig können sie die Schüler künftig gezielter auf Lehrstellen hinweisen, weil sie besser einschätzen können, welcher Schüler sich für welche Lehrstelle eignet», erläuterte Alexandra Born die Vorteile des Projekts.

Vom Fussballplatz zurück ins Schulzimmer
Bei der Schärer Architekten GmbH in Huttwil erfuhren die 12 erschienenen Lehrpersonen, dass im Unternehmen zwei Lernende Zeichner mit Fachrichtung Architektur beschäftigt werden. Inhaber André Schärer erläuterte im Neubau am Friedhofweg, den das Unternehmen vor einer Woche bezogen hat, was man von einem künftigen Lehrling erwartet und welche Aufgaben dieser im Betrieb zu erfüllen hat. Mathematische Fähigkeiten, zeichnerisches Flair und ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen seien wichtige Grundvoraussetzungen, betonte er und bemängelte gleichzeitig, dass das Schulfach Technisches Zeichnen im Lehrplan vernachlässigt werde und an vielen Schulen bloss noch als Wahlfach angeboten werde. Schärer beliess es aber nicht bloss bei Worten, sondern forderte die Lehrer auf, an einem Computer Platz zu nehmen und gleich selber als Zeichner aktiv zu werden und ein Haus zu entwerfen.
Auch der vorerst letzte Anlass in der Region Huttwil kam bei allen Beteiligten gut an. «In der Regel haben wir mit den Schulen wenig bis gar keinen Kontakt, deshalb stand ich dem Projekt von Anfang an positiv gegenüber, weil ich es als sinnvoll erachte, wenn die Lehrer einmal sehen, was in einem Betrieb abläuft, was hier gemacht wird und welche Anforderungen an Lernende und Mitarbeiter gestellt werden», fällt auch bei André Schärer die Bilanz zufriedenstellend aus. Aber auch auf der andern Seite gab es lobende Worte. «Ich habe fast alle Anlässe dieses Projekts besucht», erwähnte Sekundarlehrerin Bea von Siebenthal und wies darauf hin, dass sie nicht aus der Region stamme. «Dadurch erhielt ich die Chance, einerseits das lokale Gewerbe kennenzulernen und andererseits erfuhr ich auch, welche Möglichkeiten den Jugendlichen in den verschiedenen Betrieben geboten werden. Für mich war das ganze Projekt äusserst wertvoll», betonte die ehemalige Trainerin des Schweizer Frauenfussball-Nationalteams, die seit einem Jahr in Huttwil unterrichtet und damit nach einer langjährigen professionellen Tätigkeit beim Schweizerischen Fussballverband zu ihren beruflichen Wurzeln, in ihren angestammten Lehrerberuf, zurückgekehrt ist.
Ob das Projekt im kommenden Schuljahr fortgesetzt wird, ist noch offen. Gemäss dem Huttwiler Schulleiter Pierre Zesiger sowie JCI-Mitglied Alexandra Born werde man gemeinsam die ersten beiden Jahre analysieren und dann schauen, ob es Sinn mache, das Projekt noch ein drittes Jahr laufen zu lassen.

Von Walter Ryser


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