• Der scheidende Bundesrat lässt sich mit dem Vorstand und Mitgliedern der Jungliberalen Langenthal ablichten. · Bild: Hans Mathys

12.12.2018
Langenthal

Letztes Heimspiel für Schneider-Ammann

Noch bis Ende Jahr ist Johann Schneider-Ammann als Bundesrat im Amt. Am «Apéro politique» der Jungliberalen Langenthal und Umgebung im Theater 49 beweist der abtretende Wirtschaftsminister Schlagfertigkeit und Humor.

Das Theater 49 im Untergeschoss des Stadttheaters ist bis auf den letzten Platz besetzt. Mit leichter Verspätung trifft er ein, Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Unmittelbar vor dem Eingang kommt er an den beiden Büsten «Hochmut» und «Demut» vorbei. Demut entspricht exakt seinem Naturell. «Nobe mitenang», begrüsst er das 100-köpfige Publikum, das ihn mit warmem Applaus willkommen heisst. Zwar steht ein Tisch mit zwei Stühlen bereit, doch der Langenthaler Bundesrat zieht es vor, stehend auf Aktuelles in Bundesbern einzugehen – auf die verschobene Verteilung der Departemente im Bundesrat und auf das noch nicht unterzeichnete Rahmenabkommen der Schweiz mit der EU.

Letzte Reise führt nach Indonesien
Der hochkarätige «Apéro politique»-Gast verrät, dass er vom Seco, dem Staatssekretariat für Wirtschaft, zum Abschied einen 3-D-Drucker geschenkt erhalten hat und dass er als Bundesrat diesen Dezember eine letzte Dienstreise antreten werde – nach Jakarta, um dort mit seinem Amtskollegen das Freihandelsabkommen der Schweiz mit Indonesien zu unterzeichnen, dank dem die meisten Zölle auf Schweizer Exporte abgeschafft werden. Schneider-Ammann betont, wie wichtig ihm in seiner achtjährigen Amtszeit solche Abkommen mit wirtschaftlich vorteilhaften Rahmenbedingungen gewesen sind. «Fast mit Wehmut verbunden» sei diese Reise nach Indonesien. Dort herrsche zwar unter den 260 Millionen Leuten grosse Armut, doch 40 Millionen seien mittelständisch und auf der Suche nach Qualitätsprodukten aus dem Westen. «Vor elf Jahren haben wir angefangen, kamen jedoch in den ersten neun Jahren nicht vorwärts», so der 66-Jährige zum dornenreichen Weg hin zum aktuellen Freihandelsabkommen.

«Unsportlichkeit sondergleichen»
Johann Schneider-Ammann spricht auch seine Reise vom Frühling 2018 nach Brasilien, Uruguay, Paraguay und Argentinien an, bei der er von Schweizer Unternehmern, Wirtschaftsleuten, Wissenschaftlern, Vertretern der Landwirtschaft und Parlamentariern begleitet wurde. Dass die EU im Börsenstreit den Druck auf die Schweiz erhöhe, bezeichnet er als «Unsportlichkeit sondergleichen». Michel Giesser, Präsident der gastgebenden Jungliberalen Langenthal und Umgebung, hat Namen parat, zu denen ihm der Referent etwas erzählen soll. «Weit dir würklech vu dene öppis wüsse?», fragt er. Den 72-jährigen US-Präsidenten Donald Trump «überspringt» er quasi. Viel lieber äussert er sich zu dessen 37-jähriger Tochter Ivanka, die den Präsidenten berät, eine Schlüsselfigur für gute Beziehungen zu den USA sei und von unserem dualen Berufssystem angetan ist. Dies führte zur soeben unterzeichneten Vereinbarung zur Berufsbildung zwischen den USA und der Schweiz. Dass er Ivanka Trump als Bundesrat künftig nicht mehr sehen werde, sei etwas, das er «fast am meisten bedaure», sagt er mit einem Augenzwinkern. Der Ehrenbürger Langenthals will sie bald in die Schweiz einladen, sagt er. Das Publikum applaudiert.

«Das hat Merkel nicht verdient»
Der Noch-Bundesrat äussert sich – auf Wunsch der gastgebenden Politpartei – auch zur deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel: «Sie war schon besser unterwegs.» Was jetzt abgehe, sei ein Drama. Das habe sie nicht verdient. Schneider-Ammann plaudert bei seinem Heimspiel in Langenthal auch aus dem Nähkästchen.
So erzählt er von einem Gala-Dinner im April 2015, wo er neben Frankreichs damaligem Staatspräsidenten François Hollande sass und dieser öfters auf sein iPhone blickte, um das Zwischenresultat des Fussballspiels der Champions League Paris St-Germain gegen Barcelona zu erfahren. Als die Franzosen 0:3 in Rückstand lagen, habe Hollande gesagt: «Jetzt gehen wir raus einen Schnaps trinken.» Mit dem Satz «So, i höre uf», beendet der Bundesrat seine Ausführungen aus dem Stegreif. Nun ist das Publikum gefordert, ihn «auszuquetschen».
 
Beeindruckende Abschiedsrede
Tatsächlich prasseln von allen Seiten Fragen auf den Magistraten ein. Dieser hat sich nun gesetzt. Dem Publikum werden Ausschnitte aus dessen Abschiedsrede vor der Vereinigten Bundesversammlung gezeigt, die beeindrucken und von Humor zeugen. Ganz am Anfang: «Wenn Sie mich fragen, was mein Lieblingsmöbel ist, käme mir bestimmt kein Rednerpult in den Sinn.» Ganz am Schluss: «Es waren acht emotionale Jahre, auch wenn man mir das nicht immer angesehen hat.»
Diese beiden Sätze werden bei Herrn und Frau Schweizer ebenso in Erinnerung haften bleiben, wie seinerzeit der Lachanfall bei einer Rede von Bundesrat Hans-Rudolf Merz, Schneider-Ammanns Vorgänger – Stichwort Bündnerfleisch.

Am 1. Januar 2019 ausschlafen
Dem Langenthaler Noch-Bundesrat, der die Schweiz als «petit paradis» bezeichnet, wird es auch künftig kaum langweilig, zumal ehemalige Bundesräte für Verwaltungsrats-Mandate gefragt sind. Er verrät, auch mit einer kleinen Schreinerei zu liebäugeln. Hier darf aber davon ausgegangen werden, dass weder die Produktion eines Rednerpultes noch eines Liegestuhls im Vordergrund stehen. Was er für den 1. Januar 2019, dem ersten Tag als Nicht-Mehr-Bundesrat geplant habe, will jemand aus dem Publikum wissen. Schneider-Ammanns schalkhafte Antwort: «Do dueni usschloffe.» Was er im neuen Lebensabschnitt sehr, was er weniger vermissen werde, wird er gefragt. «Ich kann das nicht beantworten», sagt er. Immerhin wisse er, dass er nicht mehr, was in den vergangenen acht Jahren Usus war, morgens um 6 Uhr wegfahren und abends gegen 22 Uhr heimkommen werde. Die Jungliberalen wollen vom Referenten wissen, was er ihnen rate. Die Antwort: «Anpacken, Rückschläge in Kauf nehmen, sofort wieder aufstehen, sich auch freiwillig und unentschädigt engagieren.» Schneider-Ammann erhält lange anhaltenden Applaus und wird anschliessend beim Small Talk im Foyer sofort in Beschlag genommen. Er nimmt sich für alle Zeit. Da kommt kein Stress auf. Vier Kantonspolizisten beobachten das Geschehen im Foyer unauffällig – aus angemessener Distanz. Eingreifen müssen sie natürlich nicht, denn das Heimspiel des Langenthaler Ehrenbürgers verläuft wie erwartet harmonisch, freundschaftlich, teilweise sogar familiär. Der Fahrer des vor dem Stadttheater parkierten Mercedes, des Bundesratsautos, muss sich der vielen angeregten Gespräche im Foyer wegen noch etwas gedulden, bis er den Bundesrat nach Hause chauffieren darf. Für einmal werden dies nur ein paar hundert Meter sein.

Von Hans Mathys

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