• Stefan Tschannen gibt in jedem Spiel vollen Einsatz. Doch durch Stürze und vor allem Checks kann es durchaus vorkommen, dass er eine Hirnerschütterung davon trägt. Bereits dreimal war dies der Fall. Bild: Leroy Ryser

27.07.2018
Sport

«Lieber etwas brechen als eine Hirnerschütterung auskurieren müssen»

Stefan Tschannen hat bereits mehrere Verletzungen miterleben müssen. Ausgerenkte Schultern, gebrochene Finger und Zehen, ein gerissenes Innenband – nichts war aber mühsamer als die drei Hirnerschütterungen, die er erlitt.

EISHOCKEY · Zwei Mal hat Stefan Tschannen die Schultern ausgerenkt. Einmal nach vorne, einmal nach hinten. «Nach vorne wars einfacher. In der Kabine haben wir die Schulter wieder eingerenkt, nach acht Wochen Pause ging es wieder», erinnert sich der Top-Stürmer des Schlittschuhclubs Langenthal. Nach hinten aber habe er Kapseln und Bänder gerissen, alles war auseinandergefallen, sodass eine Operation nötig wurde. Täter übrigens war Simon Sterchi, der damals bei Thurgau und seit diesem Sommer ebenfalls beim SC Langenthal spielt. «Alles kein Problem, solche Sachen sind auch mir schon passiert», sagt Tschannen.

Ausserdem: Ganz so übel war das nicht einmal, verglichen mit den drei Hirnerschütterungen, die der mehrmals beste Schweizer Skorer der Liga erleiden musste. 

«Bei einer anderen Verletzung sieht man einen Horizont. Bei einer Hirnerschütterung geht der Erholungsprozess mehrmals von vorne los, bis es endlich gut ist.» In dieser Zeit sei jegliche Belastung immens mühsam. «Mit den Kindern spielen. Sie hochheben. Oder nur schon eine SMS lesen. – Alles hat mir Kopfschmerzen bereitet. Ich konnte überhaupt nichts tun.» 

 

Nachwirkungen vorhanden

Letztmals ging das sogar so weit, dass sich Tschannen alleine in ein Chalet in der Lenk zurückziehen musste. Ein bisschen Feuer machen, Hörbücher hören, essen und schlafen. «Ich musste einfach weg vom Alltag, vor allem von den Kindern. Mit ihnen macht man immer etwas, das ging aber eigentlich gar nicht.» 

Erst als er für mehrere Tage Ruhe genossen hatte, kam er ohne Symptome zurück, sodass er sein Comeback vorbereiten konnte. Nach drei Hirnerschütterungen sagt er deshalb: «Lieber etwas brechen, als eine weitere Hirnerschütterung.»

Wahrlich sei auch die Schulterverletzung nicht ohne gewesen. Gerade das Schlafen habe ihm Mühe gemacht. «Ich habe 30 Jahre lang auf dem Bauch geschlafen. Das geht seither nicht mehr.» Er habe seine Schlafgewohnheiten anpassen müssen, ausserdem verspüre er noch heute Schmerzen, je nach Bewegung. «Wenn ich beispielsweise einen Baseball werfen will, habe ich Schmerzen», erklärt er. 

Es fühle sich an, als würde alles erneut auseinanderfallen. Je nach Stellung der Schulter leidet er damit durchaus an Nachwirkungen, eine komplette Heilung sei längst nicht mehr zu erwarten.Ähnliches gilt derweil auch für die Hirnerschütterungen, Nachwirkungen spürt er auch hier. «Wenn wir Fussball spielen, mache ich keine Kopfbälle mehr. Und wenn ich mir den Kopf anstosse, habe ich sofort grossen Respekt und teste immer, ob ich daraufhin Kopfschmerzen erhalte.» Vorsichtiger sei er geworden. Auch im Eishockey. Ein weiterer Check gegen den Kopf würde wohl eine erneute, längere Abwesenheit zur Folge haben. «Früher war ich etwas mutiger. Wenn ich heute nach innen ziehe, schaue ich immer zuerst, ob jemand da ist und ob entsprechende Gefahren lauern.» Seine Leistung mindere das aber nicht, viel eher habe er seinen Spielstil ein bisschen adaptiert. Immerhin sei er auch etwas erfahrener und damit wohl auch cleverer geworden.

«Gerne bis 40 weiterspielen»

Eines bleibt aber dennoch: Die Angst und der Respekt vor weiteren Verletzungen. Sie ist ein ständiger Begleiter. Das Risiko aber trägt er ohne zu zögern. «Ich würde gerne noch bis ich 40 Jahre alt bin weiterspielen», sagt der 34-Jährige. Der Sport, die Kameradschaft, der Zusammenhalt – all das würde er sonst vermissen. Mindestens für zwei Jahre hat er beim SC Langenthal noch einen Vertrag. «Danach einen Dreijahresvertrag unterschreiben, dies würde mich begeistern», sagt er. Selbst einem Karriereende in der My­Sports League wäre er nicht abgeneigt, einzig innerhalb der NLB dürfte wohl kaum noch ein Wechsel folgen. «Ich möchte den Zeitpunkt des Abschieds selbst bestimmen können», sagt er. Das gilt für die zu erwartende Leistung, aber auch für die körperlichen Voraussetzungen. «Davor habe ich schon ein bisschen Angst», sagt Stefan Tschannen. Immerhin gebe es auch nach dem Eishockey ein Leben. Und das will er ohne Invalidenrente bestreiten können. «Entscheidend beeinträchtigt bin ich – weder im Alltag, noch auf dem Feld – bis heute nicht», sagt der SCL-Captain und hofft wohl, dass es so bleibt.

Von Leroy Ryser

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