• Martin Mathys: Das Kunststoffmaterial in einem 60-l-Sammelsack findet, wenn es gepresst ist, in diesen Tüten Platz; links als Flocken, rechts als Granulat. · Bild: Liselotte Jost-Zürcher

15.11.2017
Huttwil

Mehr Recycling fördert ökologische Effizienz

Als die Hans Mathys AG, Huttwil, anfangs 2015 ihr Kunststoff-Sammelprojekt startete, war schweizweit noch stark umstritten, ob sich das Recycling lohnt oder nicht. Insbesondere die Kehricht-Verbrennungs-Branche wehrte sich stark dagegen, denn einerseits ging die Kehrichtmenge zurück, anderseits bildet Kunststoff ideales Brenngut. Doch nun zeigt ein Empa-Bericht erhebliches Potenzial, mit dem Recyclieren von Kunststoff einen wichtigen Beitrag zur Reduktion von CO2-Emissionen zu leisten.

 

In 13 Gemeinden gibt das Huttwiler Unternehmen Hans Mathys AG mittlerweile Kunststoffsammelsäcke ab und sammelt gefüllte Säcke wieder ein. Für die Haushalte und Unternehmen kommt dies günstiger zu stehen – Kunststoffsammelsäcke (für Privathaushalte in der Regel 60 Liter) sind im Verhältnis billiger als Kehrichtmarken. Bei der Lancierung der Kunststoffsammlung ging es der Hans Mathys AG insbesondere darum, Material zu recyclieren und dazu beizutragen, Ressourcen zu schonen, Erdöl zu sparen und Stoffkreisläufe zu schliessen. Ihr Projekt beruhte auf den Werten, dass ein Kilo verbrannter Kunststoff bei der Verbrennung 2,83 kg schädliches CO2 erzeugt. Hingegen spart ein Kilo recycelter Kunststoff bis zu drei Liter Erdöl. Die Zahlen an sich waren unbestritten, die Effizienz jedoch spaltete die Meinungen. Gewisse Akteure, vor allem die Verbrennungsanlagen, kritisierten den ökologischen Nutzen einer separaten Sammlung als vergleichsweise gering und teuer.
Die Schweiz hinkt bei der Kunststoffsammlung im Vergleich etwa zu Deutschland und Österreich hintennach. Eine umfangreiche Studie der Empa (Forschungsstelle der ETH in Zürich) ist nun zum klaren Schluss gekommen, dass der ökologische Mehrwert der separaten Kunststoffsammlungen unbestritten ist und sammelwillige Konsumenten finanziell profi-
tieren können.

Jährlich 175 000 Tonnen Kunststoff
Im Schweizer Siedlungsabfall fallen jährlich rund 175 000 Tonnen Kunststoffe an. Dies entspricht 22 % der Gesamtmenge der Schweizer Kehrichtabfälle, welche verhältnismässig wenig stofflich verwertet (recycliert) werden. Könnte eine hochwertige Verwertung solcher Kunststoffabfälle sichergestellt werden, würde dadurch ein wichtiger Beitrag zur Ressourcenschonung geleistet, stellt die Empa in der Zusammenfassung ihres Berichts fest (unter anderem berichtete SRF in der Sendung «10 vor 10»).
Das Sammelgut aus der Schweiz wird bei InnoRecycling AG mit dem Hauptstandort in Eschlikon TG zu Granulat verarbeitet und dann für diverse Kunststoffartikel wiederverwendet. InnoRecycling wurde im Jahr 2000 gegründet. Über sein in den letzten Jahren stark ausgebautes Stoffstrommanagement gewinnt das Unternehmen die Rohstoffe aus Abfällen zurück. Diese werden anschliessend in verschiedenen Formen Rohstoffverarbeitern und Produktionsbetrieben im In- und Ausland zur Verfügung gestellt. Das Kunststoff-Sammelsystem und die Verwertung von InnoRecycling wurde in den letzten Jahren stark ausgebaut.

Auf Material aus dem Ausland angewiesen
Um die Infrastrukturen auslasten zu können, ist InnoRecycling zurzeit noch auf die Verarbeitung von Kunststoffsammelgut aus dem angrenzenden Ausland angewiesen. Wie Markus Tonner, Geschäftsführer von InnoRecycling, gegenüber «10 vor 10» sagte, könnten die Sammelsackgebühren gesenkt oder gar abgeschafft werden, wenn Frau und Herr Schweizer mehr Abfall trennen und den Kunststoff zur Wiederverwertung sammeln würden.
Insgesamt wurden in der zweijährigen Pilotphase im Rahmen des Empa-Versuchs 752 Tonnen Material gesammelt, wobei bis Abschluss der Pilotphase 641 Tonnen verarbeitetet waren. Im ersten Jahr wurden 250 Tonnen, im zweiten Jahr 502 Tonnen gesammelt. Das Sammelmaterial bestand durchschnittlich aus 94,4 % erwünschten Zielartikeln – Schalen, Becher und andere formfeste Kunststoffe (35 %) sowie grosse Folien (24 %) – und 5,6 % unerwünschten Nichtzielartikeln. Die Sammelqualität wird als durchwegs hoch bezeichnet.
Von der Hans Mathys AG, die eng mit Partnerfirmen in den Kantonen Bern und Freiburg zusammenarbeitet, werden zurzeit alle zwei Wochen gegen vier Tonnen Kunststoffmaterial zusammengetragen. In Burgdorf wird dieses gepresst und als Sammelgut in die Ostschweiz zur Weiterverarbeitung gebracht.
Die Tendenz zur Kunststoffsammlung ist auch in der Region steigend. Für die Gemeinden ist die Sammlung/Abgabe der Kunststoffsammelsäcke kostenneutral, abgesehen davon, dass die Kunststoffsammlung Einfluss auf die Abfallmenge hat.
Drei weitere Gemeinden zeigen konkretes Interesse, aufzuspringen und die Kunststoffsammlung ebenfalls einzuführen. Burgdorf hat anfangs September dieses Jahres damit begonnen; nicht in Zusammenarbeit mit der Hans Mathys AG allerdings, sondern mit dem Partnerunternehmen Ziegelgut Recycling Burgdorf.
«Die Zusammenarbeit ist das Schöne am Ganzen», freut sich Martin Mathys von der Hans Mathys AG im Gespräch mit dem «Unter-Emmentaler». «Landauf, landab gibt es zahlreiche Partnerfirmen, die sich um des Projekts Willen engagieren, auch investieren und gemeinsam dazu beitragen, den ökologischen Umgang mit dem Kunststoff und damit das Schonen der Ressourcen überhaupt zu ermöglichen. Wir sind stolz, dass es uns gelungen ist, ein funktionierendes Netzwerk aufzubauen, den Markt zu bearbeiten und gemeinsam zu gewinnen. Denn dies ist nur zusammen möglich und erlaubt es auch, Prozesse zu verbessern, noch ökologischer zu arbeiten und auch Transportwege zu minimieren.»
Die Kunststoffsammelsäcke von InnoRecycling werden gemeinsam von zehn Entsorgungsfirmen im Oberaargau, Berner Mittelland und dem angrenzenden Kanton Freiburg beschafft und verkauft.
«Mit der neusten Empa-Studie können nun endlich Nachweise publiziert werden, dass sich die Kunststoffsammlung wirklich lohnt – sowohl für die Umwelt als auch für Abfallproduzentinnen und -produzenten. Dass dabei die Abfallberge in den Verbrennungsanlagen kleiner werden, kann doch aus ökologischer Sicht nur ein Vorteil sein», meint Martin Mathys.
Noch sind nicht alle (Gemeinden) gleicher Meinung. Rohrbach etwa ist in der unmittelbaren Umgebung von Huttwil die einzige Gemeinde, die sich aus Prinzip bei der Kunststoffsammlung nicht beteiligen will.
Wegen des zusätzlichen Dieselverbrauchs für die Transportwege erachtet die Gemeinde, laut dem zuständigen Gemeinderat Hannes Bütikofer, die Kunststoffsammlung als ökologisch ineffizient.
Ausserdem könne sich die Kunststoffsammlung für die Kehrichtentsorgung als Nachteil herausstellen: Der Kunststoff sei gering im Gewicht, sorge aber im Gebührensack für viel Volumen. Fehle dieses Volumen in den ordentlichen Kehrichtsammlungen, führe dies zu einer Verschiebung der Kosten, respektive zu weniger Einnahmen bei den Sack-/Containergebühren. Dies könne schlussendlich eine Erhöhung der Kehricht-Grundgebühren zur Folge haben. «Für die Gemeinde rechnet es sich einfach nicht», sagt Gemeinderat Hannes Bütikofer auf Anfrage des «Unter-Emmentaler». «Hingegen finden wir es eine gute Sache, wenn die Möglichkeiten der Verkaufsstellen mit der Rücknahme von Kunststoff genutzt wird.»

Von Liselotte Jost-Zürcher


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