• Oliver Beccarelli und Corinne Anliker werden die nächsten drei Jahre mit ihrem «Habash» unterwegs sein. · Bild: Leroy Ryser

02.06.2017
Oberaargau

Mit 60 km/h auf der Suche nach Freiheit

Oliver Beccarelli und seine Frau Corinne Anliker sind dann mal weg. Sie haben eine Reise geplant, die heute in Madiswil starten und in drei Jahren enden soll. Mit einem alten, aufgemotzten russischen Seitenwagen wollen sie zuerst den Balkan, den Iran sowie den Oman bereisen, als Hauptziel auserkoren wurde ihre zweite Heimat Afrika. Komplett durchgeplant ist das Abenteuer aber nicht.

Langenthal/Madiswil · Wer eine Reise von dreieinhalb Jahren plant, dem gefällt es in der Schweiz entweder nicht, oder aber er hat Fernweh. Darauf angesprochen wehrt sich Corinne Anliker sofort: «Eine Flucht ist das überhaupt nicht. Mir gefällt es in der Schweiz.» Bald wird klar, dass sie und ihr Mann Oliver Beccarelli aber ein Fieber plagt, dass sich nicht mühelos lindern lässt. Es ist ein Drang, etwas zu erleben, etwas zu tun, dass einen herausfordert und den Alltag verändert. Es ist eine Neugier und eine Entdeckungslust. «Eigentlich planten wir das schon im Jahr 2010. Weil wir unser Geld in der Schweiz aber verloren hatten, mussten wir die Reise nach 18 Monaten abbrechen», erinnert sich Oliver Beccarelli. Damals musste das Ehepaar ohne jegliche finanzielle Mittel in der Schweiz neu anfangen, das grosse Ziel einer langen Rundreise durch Afrika war weit weg. «Wir haben uns gesagt, dass wir in fünf Jahren wieder gehen werden. Daran geglaubt haben wir nicht. Aber es war für uns so etwas wie ein Strohhalm, an dem wir uns festgehalten haben.» Mit Existenzängsten aber auch mit Hoffnung versuchten sie sich ein neues Leben in der Heimat aufzubauen. Auf der Suche nach neuen Arbeitsstellen wurde Oliver Beccarelli, der sich bald als Unternehmensberater selbstständig machte, in eine ganz andere Welt eingezogen. Er wurde zum Abenteuerer. Erzählte Geschichten aus Afrika, machte Vorträge, Shows und zeigte Bilder. «Ich hatte ein unglaubliches Privileg, arbeiten zu können», sagt er heute. Zudem war es ihm möglich bei dieser Arbeit jährlich rund drei Monate für Abenteuerreisen einzuplanen. Bald war der 40-Jährige wieder ständig auf Achse, besuchte Afrika das, wie er heute sagt, nach zahlreichen Reisen innerhalb der letzten 15 Jahren ihre zweite Heimat wurde. «Wenn ich hätte Abenteuerer werden wollen, dann hätte das wahrscheinlich nicht geklappt», sagt Beccarelli mit einem Lachen. Dabei sei das nicht einmal so speziell, sich aufs Glatteis begeben und etwas Neues wagen. «Das Leben ist ein Abenteuer, das jeder hat. Da kann man eigentlich nichts bestimmen, es passiert einfach», erklärt er und wiegelt ab: «Ich suche mir meine Abenteuer aus. Zudem sind sie nicht einmal extrem wie beispielsweise bei Ueli Steck. Was ich mache,  kann jeder tun.» Dabei geht es darum, Träume zu verwirklichen. Man lebt ja nur einmal.

Zwei Jahre in Afrika sind das Ziel
Auch deshalb reifte die Idee für eine ganz grosse Reise immer mehr. Corinne Anliker wollte die Side-Route befahren, Oliver Beccarelli bevorzugte einen möglichst raschen Weg in Richtung Afrika. Heute ist es geplant via Griechenland, Türkei, Aserbaidschan über den Iran und den Oman nach Afrika zu übersiedeln und dort eine Küstenrundreise durchzuführen, in welcher Länder wie Kenia, Kongo, Mosambik, Namibia oder die Westsahara besucht werden. Die Dauer soll rund drei Jahre betragen, zwei davon wollen die beiden in Afrika verbringen. Dokumentiert werden die Erlebnisse der beiden «Slowriders» (dt.: Langsamfahrer) derweil auf www.theslowriders.ch in einem Foto- und Textblog.
Das würde soweit vernünftig und möglich klingen, wäre da nicht der «Habash», der die beiden auf der Reise begleiten wird. «Habash» könnte in diesem Zusammenhang eigentlich genauso gut ein russisches Wort sein, kommt aber aus dem Berndeutschen und umschreibt das Gefährt mit dem Corinne Anliker und Oliver Beccarelli unterwegs sein werden treffend. Der fahrbare Untersatz ist nämlich eine russische Ural Sportsmann, von der die meisten Experten behaupten würden, dass eine solche Reise gar nicht machbar ist. «Das hat uns jeder gesagt. Gekauft habe ich sie dennoch», sagt Oliver Beccarelli und erinnert sich an diverse Startprobleme. Der Tank war mit nur gerade 19 Litern Fassungsvermögen deutlich zu klein, für das Gelände war das Fahrzeug zudem unbrauchbar. Mit lediglich 40 PS und reparaturanfälligem Aufbau wird nur schon das Fahrzeug an sich seine Probleme bereiten, auch deshalb besuchte Oliver Beccarelli gleich zwei Praktikums bei Ural in Hamburg, um die Maschine unterwegs warten  und reparieren zu können. Eine grosse Kiste mit Ersatzteilen ist für die Fahrt genauso wie ein Benzinkanister bereitgestellt. «Handwerklich habe ich eigentlich keine Ahnung», sagt er lachend. Umso wichtiger war das Praktikum, um die Ural besser kennenzulernen.

Erste Herausforderung: Die Alpen
Geholfen hat ihm insbesondere auch die Moto Strahm in Madiswil, die ihm den ganzen Wagen ummodellierte, den Tank vergrösserte und das Fahrwerk verbesserte. In unzähligen Stunden, die in Form eines Sponsorings und nicht etwa einer Rechnung beglichen wurde, erhielt die Maschine ein neues Facelift. «Es sollte nun möglich sein, damit auf Reisen zu gehen», sagt Beccarelli und gibt eine gewisse Unsicherheit zu. «600 Kilometer in die Wildniss fahren geht leider nicht. Einerseits wird der 37-Liter-Tank knapp, andererseits ist der Respekt zu gross, falls etwas passieren sollte.» Gesunder Menschenverstand sei deshalb angebracht, durch die langjährige Erfahrung anderer Reisen sei das aber auch kein Problem, finden die beiden.
Nicht zuletzt dürfte nur schon das Überwinden der Schweizer Alpen zur Herausforderung für die russische Kupplung werden, auch weil immerhin 600 Kilogramm Gepäck geladen sein werden. «Auf graden, flachen Strassen kommen wir vielleicht so auf 60 km/h. Maximal 80», erklärt der Langenthaler. Dank dem «Habash» wird die Reise zum speziellen Abenteuer.

Tempo entschleunigt
Er hat ber auch seine Vorteile, sind sich die beiden einig. Selbst auf einem Töff fahren kam für Corinne Anliker nicht in Frage, die 45-Jährige meidet das Zweirad seit Langem. Unterwegs auf ihrer Reise muss sie erst noch das Fahren der Ural erlernen, würde Oliver Beccarelli nämlich etwas passieren, muss sie das Steuer des Seitenwagens übernehmen. Ausserdem wirkt dieses Tempo entschleunigend, die Natur kann besser betrachtet werden und Stress ist ein weit entferntes Thema. Auch deshalb ist die Reise nicht komplett durchgeplant. Wie die beiden nach Afrika übersiedeln ist beispielsweise noch heute nicht ganz sicher. «Es gibt diverse Möglichkeiten. Ein Dreitages-Visa in Saudi Arabien wäre wohl zu knapp, weil wir zu langsam sind. Je nach welchen Seeweg wir nehmen, könnten Piraten zum Problem werden. Wir entscheiden uns dann kurzfristig vor Ort», sagt Oliver Beccarelli locker und zuversichtlich. Ein klassisches Abenteuer eben.
Viel Zeit wurde dennoch in die Vorbereitung investiert. Seit rund einem Jahr planen die beiden ihre Fahrt, seither wurde nicht nur an der Maschine getüftelt. Administrative Arbeiten wurden erledigt, die eigene Wohnung in Langenthal vermietet. Bis gestern wurde noch gepackt, ehe heute die Reise beim Moto Strahm in Madiswil starten soll. «Wir haben eine Kochkiste dabei, meine Fotoausrüstung um Bilder festzuhalten, ein Zelt und einzelne Kleider», sagt der gebürtige Churer, dessen Bruder Mauro lange Zeit beim EHC Biel Eishockey spielte. Platz ist schliesslich nur wenig vorhanden, anstelle von unterschiedlichen T-Shirts und Hosen werden die Taschen insbesondere mit Funktionskleidung gefüllt. Aktuell bleibt die Hoffnung, dass der Winter erst eintritt, wenn die beiden in südlichen Regionen sind, in einem konträren Fall müssten sie womöglich im Iran eine Winterpause einlegen. So wäre Kasachstan eigentlich ebenfalls ein Reiseziel, die Temperaturen dürften diesen Besuch aber verhindern.

Keine Salami-Auswahl
Eine Frage ist damit noch unbeantwortet. Wieso tun sich die beiden dieses ungewisse Abenteuer an? «Hier in der Schweiz gibt es einen Zwang. Arbeiten, Geld verdienen», sagt Corinne Anliker und spricht von einem unsichtbaren Antrieb im Alltag. «Wir, auf der Ural, wir sind aber völlig frei.» Die Bedürfnisse verändern sich derweil. Sie werden grundlegender. «Wir haben keinen Coop mehr. In der Wildniss kann ich nicht aus vier verschiedenen Salamis auswählen. Und ein Steak zeichnen kann ich auch nicht», sagt Oliver Beccarelli ernsthaft.  Das vereinfacht das Leben, eine Reizüberflutung wie in der Schweiz gibt es nicht mehr. Dazu kommen das Bilden von neuen Freundschaften und das Verstehen von anderen Kulturen. Es sind Erlebnisse, die einen weiterbilden, ist sich Beccarelli zudem sicher. Das hilft später auch im Job, wenn die beiden in drei Jahren zurück in der Schweiz sein werden.

Bleiben ist kein Thema
Das ist derweil fest geplant, ein Verbleiben in der Wildnis ist kein Thema. «Irgendwie vorstellen könnte ich es mir schon. Aber dann würde arbeiten dazu gehören. Es wäre kein Abenteuer mehr sondern der Alltag», sagt Oliver Beccarelli. In die Schweiz zurückkehren sei derweil immer schön. Man lernt fliessendes Wasser oder blühende Blüten ganz anders schätzen. Vor allem aber müssen die beiden in der Schweiz einiges zurücklassen. Auch deshalb sagt Corinne Anliker erneut: «Mir gefällt es in der Schweiz. Das hier ist überhaupt keine Flucht.» Zurückkehren werden die beiden deshalb auf jeden Fall. Die Frage ist nur wann. Schliesslich ist die Reise ja ein – flexibles – Abenteuer.

Von Leroy Ryser

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