• «Die Energie hat gefehlt», gesteht SCL-Geschäftsführer Gian Kämpf ein. · Bild: Leroy Ryser

30.04.2018
Sport

Nein, zufrieden sein kann man nicht

Saisonrückblick SC Langenthal – Der SC Langenthal hat die vergangene Saison analysiert, geblieben ist eine gewisse Enttäuschung über das Ausscheiden. Die Einsicht, dass mehr möglich gewesen wäre, macht das Halbfinal-Out im Derby gegen den EHC Olten nicht erträglicher.

Eishockey · Letzte Woche haben die Rapperswil-Jona Lakers den Aufstieg in die NLA gegen den EHC Kloten realisiert. Wer die Partien dieser Ligaqualifikation und auch des vorherigen Finals zwischen den Lakers und dem EHC Olten gesehen hat, der ist im Glauben bestärkt: Für den SC Langenthal wäre es nicht unmöglich gewesen, den Meistertitel aus dem Vorjahr zu verteidigen. Ohne die Leistung des SCRJ schmälern zu wollen, wären die St. Galler für den letzten Titelverteidiger kein unüberwindbarer Brocken gewesen. Gerüchten zufolge waren die Rapperswiler sogar froh, dass der EHC Olten und nicht der SC Langenthal im Finale als Gegner wartete …

Energie, Special Teams und Bully
Dass der SCL im Halbfinale gegen Olten scheiterte, ärgert deshalb so manchen noch heute. Das gilt auch für Geschäftsführer Gian Kämpf, der in einer umfassenden Saisonanalyse immerhin ein paar Gründe für das Scheitern finden konnte. «Die Energie hat gefehlt, unsere Trümpfe haben nicht gestochen und beim Bully waren wir zu schwach», erklärt der Geschäftsführer in Kurzform. Die ausführliche Version klingt derweil so: Wegen zu vielen Verletzungen musste während der Qualifikation ein grösserer Aufwand betrieben werden. Dazu waren die Rollen selten klar, sondern wechselten durch die ständig veränderte Aufstellung immer wieder. Und: Die vierte Linie war wegen den zu oft angeschlagenen Spielern oftmals kaum einsetzbar, sondern vielmehr als Ergänzung im Einsatz. Um dennoch erfolgreich zu sein, brauchte die Mannschaft besonders viel Energie – all das unterscheidet sich von der vorangegangenen Meistersaison. «Damals zählten wir kumuliert 83 Ausfälle von Spielern. In der letzten Saison haben unsere Spieler total 245 Partien wegen Verletzungen nicht antreten können», erklärt Kämpf. Auch die Playoffs hätten dann viel Energie gekostet. Langenthal war oft in Rückstand und hatte bereits im Viertelfinal mit Visp einen Gegner, der den Oberaargauern alles abverlangte. Im Halbfinal wurde es dann nicht einfacher, sondern eher noch schwieriger. Wohl auch, weil die ansonsten immer zuverlässigen Special Teams – Überzahl und Unterzahl – versagten. «Und beim Bully verloren wir zu oft, sodass wir mehr dem Puck hinterher laufen mussten, anstatt ihn zu besitzen und das Spiel zu dominieren.» In der Summe seien diese kleinen Probleme zum unüberwindbaren Hindernis geworden. Weil keiner der Führungsspieler diese Negativschlaufe durchbrechen konnte, war das Ausscheiden die logische Konsequenz.

Waren Low-Faktoren entscheidend?
Doch könnte eben dieses Scheitern vielleicht auch mit mentalen Mühen zu begründen sein? Langenthal hatte ein übergrosses Chancenplus gegen den EHC Olten, konnte dieses aber nicht ausnutzen. Glück muss erzwungen werden. Sind die Oberaargauer deshalb am eigenen Willen gescheitert? «Vielleicht haben solche Faktoren hintergründig mitgespielt. Im letzten Jahr wurden wir Meister. Vier Spieler hatten schon NLA-Verträge unterschrieben. Theoretisch kann das alles Einfluss haben.»
Auf andere Probleme, wie im Umfeld gemunkelt wurde beispielsweise zwischenmenschlicher Natur, sei die Niederlage aber nicht zurückzuführen. «Wir hatten eher eine zu freundliche Atmosphäre», sagt Kämpf sogar. Wenn jeder immer seinen Platz auf sicher hat, dann bleiben Reibereien aus. «In der Meistersaison hatten wir viel mehr Raufereien im Training, weil alle mit voller Intensität um ihre Plätze kämpfen mussten», erinnert sich Kämpf. Im dünnen Kader sei dieses Erfolgsmerkmal nun ausgeblieben.
Bereits ein zusätzlicher Spieler im Kader hätte diese Dynamik vielleicht positiv verändern können, gibt Kämpf eine potenzielle Verbesserung zu, «zwischenmenschliche» Probleme hätten aber nicht zum Ausscheiden der Langenthaler geführt.

Ziel nicht erreicht
Das Resultat bleibt das Gleiche: Nach einer starken Qualifikation mit dem zweiten Rang haben die Oberaargauer das Ziel Finale nicht erreicht, ebenso scheiterten sie im Cup an den eigenen Zielvorgaben. «Nein, damit sind wir nicht zufrieden», kommentiert Gian Kämpf. Eine solch gute Chance zum Titelgewinn kommt vielleicht nicht wieder. Und das weiss auch der SCL-Geschäftsführer.
Immerhin für nächste Saison wird die Ausgangslage nicht einfacher. Im Vergleich mit dem EHC Olten oder neu auch mit dem EHC Kloten besitzt der SC Langenthal schätzungsweise zwei Millionen weniger Budget, weshalb beispielsweise der Konkurrenzkampf nicht um jeden Preis angeheizt werden kann. «Es ist ein Risiko, das wir eingehen müssen, um ein Spitzenteam zu sein», kommentiert Kämpf das auch in der nächsten Saison in der Breite eher knappe Kader. Ohne B-Lizenzen dürfte auch die Spielzeit 18/19 nicht zu bewältigen sein.

Eine Ära endet
Dazu kommt, dass sich die entscheidenden Herausforderungen der nächsten Zeit sowieso nicht mit Geld alleine lösen lassen. Die Verträge von Jeff Campbell – dem derzeit aus verletzungsbedingten Gründen womöglich das vorzeitige Karrierenende droht – und Brent Kelly laufen Ende Saison aus, weshalb die überaus prägende Ära «KCT – Kelly, Campbell, Tschannen» endgültig dem Ende entgegengeht. Wahrlich wird sich dadurch der Charakter der Mannschaft nachhaltig verändern. Immerhin sind aber auch in dieser Herausforderung erste Schritte zur Bewältigung getan, sagt Kämpf. Für die Saison 2019/2020 stehen mit Yves Müller, Philipp Rytz, Stefan Tschannen und Dario Kummer bereits jetzt wichtige Spieler unter
Vertrag.
Und trotzdem: Skeptiker – oder besser neutrale Beobachter – befürchten schon jetzt den Fall ins hintere Mittelfeld für das zuletzt konstant erfolgreiche Spitzenteam. Keiner könne diese sich abzeichnende, markante Veränderung im Kern eines Teams spurlos überstehen, zweifeln sie. Und auch Kämpf gibt zu: «Ein solcher Umbau kann scheitern.» Eine andere Wahl haben die Oberaargauer aber nicht. Der 35-Jährige ist zuversichtlich, vor allem auch, weil das Know-how im Verein mit Marc Eichmann, Noël Guyaz oder seit neustem Ueli Schwarz gross ist.
Wie lange es deshalb dauert, bis der SC Langenthal den Meisterpokal wieder emporstemmt, ist schwierig zu sagen. Eines aber ist für Kämpf klar: «Wir haben uns etwas aufgebaut und sind eine gute Adresse in der NLB geworden. Wer hier arbeitet, will den Erfolg.» Vielleicht schon in etwas weniger als in einem Jahr? So oder so werden die nächsten Monate für die Oberaargauer weitreichende Folgen haben.

Von Leroy Ryser


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