• Vorerst keine Schulsozialarbeit in Langenthal (Bild Schulzentrum Hard), aber zusätzliche Unterstützung für die Lehrpersonen fordert eine überparteiliche Motion. · Bild: Walter Ryser

01.12.2017
Langenthal

«Schulsozialarbeit» auf Umwegen

Der Langenthaler EVP-Stadtrat Daniel Steiner-Brütsch hat in der Sitzung des Stadtrates seine Motion «Pilotprojekt für Schulsozialarbeit» überraschend zurückgezogen, weil er einerseits den Erfolg seines Vorhabens in Frage stellte, andererseits einer überparteilichen Motion grössere Chancen einräumt. Diese verlangt eine bessere Nutzung/Koordination von bestehenden Angeboten, welche Lehrpersonen bei der Begleitung von «schwierigen» Schülern entlasten und unterstützen soll.

Die Schulsozialarbeit liegt ihm am Herzen. Daniel Steiner-Brütsch, EVP-Stadtrat, ist mit diesem Anliegen nicht zum ersten Mal im Langenthaler Stadtrat vorstellig geworden. Mit einer Motion hat er jüngst den Gemeinderat beauftragt, ein Pilotprojekt für Schulsozialarbeit zu lancieren. Schulsozialarbeit unterstütze die Schule bei der Früherkennung und -bearbeitung von sozialen Problemen, die den Schulerfolg gefährden oder den Unterricht belasten, ist Steiner überzeugt.
Gleichzeitig war er sich aber auch bewusst, dass die Einführung von Schulsozialarbeit an den Langenthaler Schulen ein umstrittenes Thema ist, das bereits einmal vor dem Rat scheiterte. Dennoch kam der Rückzug seiner Motion bei der letzten Stadtratssitzung etwas überraschend. «Die Erfahrung hat gezeigt, dass auf diesem Weg kaum Fortschritte erzielt werden können», begründete der EVP-Stadtrat sein Vorgehen.
Völlig kampflos verabschiedete sich Daniel Steiner-Brütsch aber nicht von diesem Thema. Im Gegenteil, seine Fraktion EVP/glp schloss sich einer überparteilichen Motion «Zur Entlastung der Lehrpersonen» an, die auch von der FDP/jll sowie der SVP unterstützt wird. Damit wird der Gemeinderat beauftragt, durch eine bessere Nutzung/Koordination der in der Stadt und Region Langenthal bestehenden Angebote Massnahmen zu treffen, welche die Lehrpersonen bei der Begleitung von sogenannt «schwierigen» Schülern entlasten und unterstützen.

Stadt muss Unterstützung bieten
Im Motionstext wird darauf hingewiesen, dass gemäss kantonalem Volksschulgesetz die Volksschule die Familie in der Erziehung der Kinder zu unterstützen und das psychische, physische und soziale Wohlbefinden der Schüler und ihre seelisch-geistige sowie körperliche Integrität zu schützen habe. Aufgrund der gesellschaftlichen und demographischen Entwicklung hätten diese Aufgaben gegenüber früher eine grössere Bedeutung erhalten, schreiben die Motionäre weiter. Die Erfüllung dieser Aufgaben sei nur dank aufmerksamen und pflichtbewussten Lehrpersonen möglich, die sich für ihre Schüler verantwortlich fühlten. Sie müssten diesbezüglich Unterstützungsbedürfnisse bei Schülern möglichst früh erkennen und die betroffenen Schüler in die Hände von geeigneten Fachstellen übergeben können. Die Motionäre weisen darauf hin, dass Langenthal – im Vergleich zu andern Gemeinden des Kantons – diesbezüglich über fachlich gut ausgewiesene Institutionen (Schoio Familienhilfe, ToKJO) verfüge.
Für die Motionäre ist weiter klar, dass die Stadt den Lehrpersonen bei dieser Aufgabe Unterstützung zu bieten habe und durch geeignete Massnahmen dafür sorgen müsse, dass Lehrpersonen und Schulleitungen bei Bedarf rasch und unbürokratisch bestehende Fachstellen aus der Stadt und der Region beiziehen könnten. Mit dieser Massnahme sollen Lehrpersonen besser unterstützt werden. Die Motionäre rechnen abschliessend damit, dass aufgrund des Umfangs und der Vielfalt des bestehenden Angebots davon ausgegangen werden könne, dass die Massnahme für die Stadt weitgehend budgetneutral umgesetzt werden kann. Der Gemeinderat wird zu einem späteren Zeitpunkt zur Motion Stellung beziehen.
Zähneknirschend genehmigte der Rat an diesem Abend auch noch einen Investitionskredit von 220 000 Franken für den Hochwasserschutz (Bau eines Rückhaltebeckens mit gedrosseltem Abfluss) entlang des Widenbachs in der Rindermatte. Zähneknirschend deshalb, weil dem Geschäft eine Vorgeschichte anhaftet, die vielen Stadträten «sauer» aufstösst. Im Gebiet Rindermatte sind bereits vor Jahren Probleme durch Hochwasserereignisse des Widenbachs aufgetreten. In den Neunzigerjahren nahm deshalb die Stadt Langenthal gemeinsam mit der Gemeinde Thunstetten die Sanierung der Entwässerungsverhältnisse im Gebiet Gabsimatte/Wolfhusen/Hopferenbach vor. Im Jahr 2001 wurde dem Stadtrat die Fortsetzung der weiteren, notwendigen Entwässerungsanlagen in diesem Gebiet beantragt. Bei der Sanierung war auch eine Verlegung des Widenbachs vorgesehen. Die Verlegung sollte vor allem aus Gründen des Gewässerschutzes erfolgen.

Verärgerte Stadträte
Die Ausführung des Bauvorhabens erfolgte – infolge schlechter Finanzlage zwar erst in den Jahren 2010 und 2011 – allerdings ohne die Verlegung des Widenbachs. Dadurch hat sich die Hochwassersituation in diesem Gebiet bis heute nicht verbessert. Die ursprünglich geplante Linienführung bei der Verlegung des Widenbachs kann aufgrund der heute vorhandenen Überbauung nicht mehr ausgeführt und umgesetzt werden, weshalb der nun geplante Hochwasserschutz mit dem Bau eines Rückhaltebeckens mit gedrosseltem Abfluss erfolgen soll. Verschiedene Stadträte und Fraktionen zeigten sich «verstimmt» über die Entwicklung dieser Geschichte. FDP-Stadtrat Robert Kummer sprach von einem unsäglichen «gebastel». Am liebsten würde er das Geschäft zurückweisen und den Gemeinderat beauftragen, nach einer anderen, besseren Lösung zu suchen, zeigte er sich verärgert. Weil er dieses Projekt aber nicht noch weiter verzögern wolle, werde er sich bei der Abstimmung einfach der Stimme enthalten, führte er aus.
Jürg Schenk (EVP) zeigte sich von Seiten der EVP/glp-Fraktion erstaunt darüber, dass man in alten Akten nichts darüber finde, weshalb die Verlegung des Widenbachs nicht erfolgt sei. «Es ist lediglich zu lesen, dass diverse Gründe dafür verantwortlich gewesen sind, dass man auf die Verlegung verzichtet hat. Es hätte mich aber schon sehr interessiert, welche Gründe das konkret gewesen sind», stellte er eine unbeantwortet gebliebene Frage in den Raum. Ganz klare Worte fand FDP-Stadtrat Pascal Dietrich, der sich daran störte, dass ein vom Stadtrat gefasster Beschluss nicht umgesetzt wurde. «Das kann es durchaus geben, aber dass wir nicht darüber informiert wurden und erst 16 Jahre später erfahren, dass dieses Projekt nicht ausgeführt wurde, ist für mich sehr störend. Da frage ich mich allen Ernstes, was wir eigentlich hier an den Ratssitzungen machen», wetterte er und stellte zudem die Frage in den Raum, ob das geplante Rückhaltebecken tatsächlich die beste Lösung sei. Er werde deshalb das Geschäft ablehnen, hielt er abschliessend fest. Trotz dem Unmut einiger Stadträte wurde das Projekt sowie der Investitionskredit in der Höhe von 220 000 Franken mit 36 Ja-, gegen 2 Nein-Stimmen, bei 2 Enthaltungen klar genehmigt.

Von Walter Ryser


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