• Jassen statt lesen. Die Sechstklässler im Schulzentrum Kreuzfeld 4 lernen von Mitgliedern der «Seniorebrügg» Langenthal das Schweizer Traditionsspiel, beobachtet von Klassenlehrerin Carol Rebollar (hinten). · Bild: Walter Ryser

08.09.2017
Langenthal

Senioren lehren Schüler jassen

Die Sechstklässler im Schulzentrum Kreuzfeld 4 in Langenthal trumpfen in diesen Tagen ganz gross auf. Sie kommen alle zwei Wochen in den Genuss einer ganz speziellen Lektion: Mitglieder der «Seniorebrügg» Langenthal lehren die Schüler jassen. Das Projekt hat auf beiden Seiten, bei Jung und Alt, grossen Anklang gefunden.

Das Bild, das sich dem Besucher im Schulzimmer 3 des Schulzentrums Kreuzfeld 4 in Langenthal bietet, ist ungewohnt: An mehreren Tischen sitzen jeweils vier Schüler und eine ältere Person. Die Sechstklässler halten Jasskarten in den Händen. Primarlehrerin Carol Rebollar lacht und erklärt: «Ich habe kürzlich einen Bericht über Generationenhilfe in der Schule gelesen. In diesem Bericht ging es darum, dass vermehrt Senioren in Schulen tätig sind und dabei wertvolle Lernunterstützung bieten. Das hat uns auf die Idee gebracht, auch ein Projekt mit Senioren zu lancieren», erzählt die 47-jährige Langenthaler Lehrerin.
«Die Lehrer sind auf uns zugekommen und haben uns angefragt, ob wir bereit wären, den Schülern das Jassen beizubringen», erzählt Laura Baumgartner von der «Seniorebrügg» Langenthal. Man habe gemerkt, dass immer weniger Kinder jassen können, was vor allem an den Abenden im Skilager ein Nachteil sei, erwähnt die Präsidentin der «Seniorebrügg». Sowohl Schüler wie auch Senioren waren vom ersten Moment an «Feuer und Flamme» für das aussergewöhnliche Projekt, wie Laura Baumgartner und Carol Rebollar bestätigen. 17 Senioren haben sich spontan für das Projekt gemeldet.

Generationen und Kulturen vereinen
Bis zu den Herbstferien wird jeweils alle 14 Tage während zwei Lektionen intensiv gejasst. Beteiligt sind vorerst drei Primarklassen (Sechstklässler) im Schulzentrum Kreuzfeld 4. «Für uns bietet das Generationen-Jassen, wie wir das Projekt bezeichnen, auch eine einzigartige Möglichkeit, Generationen und Kulturen zu vereinen und ein Stück Schweizer Tradition zu leben», betont Carol Rebollar. Ein Blick ins Schulzimmer zeigt denn auch, dass das Projekt auf fruchtbaren Boden fällt. «Alle sind mit einer unheimlichen Motivation am Werk und die Kinder freuen sich jeweils schon im Voraus auf die Lektionen».
Die Senioren betreuen jeweils immer die gleiche Schülergruppe. Das mache das Lernen einfacher, weil alle Anweisungen, Tipps und Erklärungen immer gleich ausfallen würden, bemerkt Carol Rebollar. Die Senioren sind engagiert, wandern um den Tisch herum, schauen den Schülern über die Schultern und in die Karten, zeigen ihnen, wann es sinnvoll ist zu «stechen» oder zu «schmieren». Einige würden sich durch eine erstaunlich schnelle Auffassungsgabe auszeichnen, sind sich die Senioren Herbert Keller und Margrith Kaeslin einig. «Die Kinder lernen schnell und jedes Mal geht es etwas besser. Es ist einfach schön zu sehen, dass das Jassen den Kindern Freude bereitet», bemerkt die 75-jährige Margrith Kaeslin, die seit zehn Jahren Mitglied der Jassgruppe in der «Seniorebrügg» ist.

Jassen als Lebensschule
Manchmal lasse gegen Ende der beiden Lektionen die Konzentration etwas nach, stellte Herbert Keller fest, was auch Klassenlehrerin Carol Rebollar bestätigen kann. «Wir spüren in diesen Lektionen auch einen grossen schulischen Effekt, sind doch die Kinder während den 90 Minuten auch mental stark gefordert. Sie müssen sich permanent konzentrieren und immer wieder Kopfrechnen.» Die Lehrerin ist vom Projekt genauso begeistert, wie ihre Schüler, weshalb sie sagt: «Für so etwas muss es in der heutigen Schule einfach Platz haben, auch wenn dadurch der Lehrplan vielleicht nicht exakt 1:1 erfüllt wird.» Carol Rebollar ist nämlich überzeugt, dass beim Jassen wertvolle Grundlagen erarbeitet werden, die für die Schüler im späteren Leben genauso wichtig sind wie Lesen und Schreiben. «Sie lernen nicht nur die Karten und das Spiel kennen, es geht auch darum, fair zu spielen, aufeinander Rücksicht zu nehmen, es geht um Teamwork und nicht zuletzt auch darum, verlieren zu können.»
Für die Kinder steht natürlich der Spass und die Abwechslung zum normalen Schulalltag im Vordergrund. «Spielen während der Schulstunde ist natürlich schön und gefällt mir sehr gut», erzählt beispielsweise die zwölf-jährige Mazedonierin Latifa Hodai, die zuvor noch nie gejasst hat, aber keine Probleme kannte, das Spiel zu erlernen, «weil die älteren Leute uns das sehr gut erklären.» Die elfjährige Schweiz-Marokkanerin Sara Oualaarbi und der zwölfjährige Schweiz-Bosnier David Homa sind ebenfalls mit grosser Begeisterung dabei, nicht zuletzt, weil sie mit Vorkenntnissen eingestiegen sind, jassen doch beide hin und wieder zu Hause mit den Eltern. «Aber hier in der Schule habe ich noch viel mehr gelernt und das werde ich auch meinem Vater beibringen», erzählt Sara Oualaarbi, die Jassen generell gut findet, «weil man so nicht immer am PC sitzt, sondern etwas mit Kollegen unternimmt.» Auch David Homa sagt, dass ihm das Spiel Spass mache, «vor allem dann, wenn ich gewinne.»
Mit einem Jassmorgen nach den Herbstferien werde das Projekt abgeschlossen, erwähnt Carol Rebollar. Ob es zu einer Neuauflage im nächsten Jahr kommt, ist momentan noch offen. Die Senioren seien bereit, sich weiter zu engagieren, gibt Laura Baumgartner von der «Seniorebrügg» zu verstehen. Denn bereits hätten sich weitere Lehrer gemeldet, die Interesse bekundeten, das Projekt auch in ihren Klassen durchzuführen. «Wenn wir dadurch eine Brücke zur jungen Generation schlagen und gleichzeitig auch einen Beitrag zur Erhaltung eines traditionellen Schweizer Spiels leisten können, dann stehen wir gerne für weitere Einsätze zur Verfügung», betonte Laura Baumgartner.

Von Walter Ryser


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