• Pfarrer Yves Schilling freut sich darauf, über den Huttwiler Wiehnachtsmärit zu schreiten. · Bild: Liselotte Jost-Zürcher

27.11.2017
Huttwil

Spagat zwischen Besinnung und Kommerz

Noch ist Jesus Geburt, der einfache, kalte Stall in Bethlehem, allgegenwärtig. Besinnungsvolle Anlässe, Krippen und Krippenspiele machen das Geschehen vor über 2000 Jahren in der Weihnachtszeit präsent. Gleichzeitig nimmt der Kommerz rund um das Weihnachtsfest immer grössere Ausmasse an – die Adventszeit reicht dazu längstens nicht mehr aus. Morgen Mittwoch öffnet der 22. Huttwiler Wiehnachtsmärit seine Türen. Hier hat es Platz für beides.

Liselotte Jost-Zürcher im Gespräch mit Yves Schilling, Pfarrer in Eriswil

«Schafft Weihnachten ab», fordert Josef Hochstrasser, Pfarrer aus dem aargauischen Oberentfelden, in den Medien. Weihnachten als Geschäftsmodell und die Erinnerung an die Geburt Jesu, das seien zwei komplett verschiedene Ereignisse. Die staatlichen Feiertage von Weihnachten seien eine gesellschaftliche Lüge und ein Missbrauch des ursprünglichen Sinns. Ihre Abschaffung sei deshalb konsequent und ehrlich, ist die Ansicht des Pfarrers, der sich damit nicht zum ersten Mal exponiert.
Nachdem er wegen seiner Heirat als ehemaliger katholischer Pfarrer Berufsverbot erhielt, trat er zur reformierten Kirche über, wo er zu seinem angestammten Beruf zurückkehrte. Mit verschiedenen Publikationen riss der inzwischen 70-Jährige immer wieder Diskussionen zum Christentum an; zuletzt, als er im letzten Frühjahr den Landeskirchen mit zehn gewagten Thesen einen Denkzettel verpasste. Nun also hat Josef Hochstrasser Weihnachten aufs Korn genommen.
Der Huttwiler Wiehnachtsmärit ist ein Schauplatz für beide «Ereignisse». Er bietet Besinnung, Kommerz, Beisammensein im Lichterglanz. In der reformierten Kirche Huttwil finden verschiedene besinnungsvolle Anlässe statt; einer davon das abendliche «Musik und Wort». Der «Unter-Emmentaler» sprach mit Pfarrer Yves Schilling aus Eriswil, der am Freitagabend, 1. Dezember, 19.05 Uhr im Rahmen von «Musik und Wort» sprechen wird.

Der «Unter-Emmentaler»: Sie haben eine junge Familie. Was bedeutet Ihnen mit ihr zusammen die Weihnachtszeit?
Weihnachten ist für uns als Familie eine ganz wichtige und bedeutungsvolle Zeit.
Seit Wochen fragen die Kinder mindestens einmal am Tag, wie lange es noch dauert bis Weihnachten. Wenn wir dann Ende November die Kerzen hervor holen und das Haus langsam auf Weihnachten eingestimmt wird, glänzen die Augen der Kinder und auch von uns Erwachsenen. Weihnachten ist für uns ein besinnliches, warmes Fest voller Kerzenlicht. Die Kinder haben natürlich tausend Wünsche zu Weihnachten und das ist auch gut so. Der eine oder andere Wunsch wird dann sicherlich in Erfüllung gehen, doch lernen sie gerade auch an Weihnachten, dass es Wünsche gibt, besonders die Materiellen, die nicht einfach so in Erfüllung gehen.
Das grösste Geschenk an Weihnachten ist für uns, dass wir die Zeit gemeinsam verbringen.
Als kleine Familie aber auch mit Grosseltern, Geschwistern, Cousinen und Gotte und Göttis. Die Kinder erfahren so, dass an Weihnachten die Familie zusammen kommt, auch wenn wir durchs Jahr hindurch nicht alle immer und regelmässig sehen.

Was ist für Sie generell der Inbegriff von «Weihnachten feiern»?
Weihnachten feiern ist für mich generell das Zusammenkommen mit der Familie, gut Essen, viel Lachen und der Glanz in den Kinderaugen. Im speziellen ist Weihnachten für mich, dass in jeder Begegnung, in jedem Geschenk und in jedem Gespräch ich daran denke, dass wir der Geburt unseres Retters, Jesus Christus gedenken. Und dieses Gedenken, auch wenn ich es nur für mich selber denke, gibt mir jeweils Hoffnung für die kalte, dunkle Winterzeit und für das neue Jahr.

Als Seelsorger haben Sie viel mit Menschen zu tun. Wie erfahren Sie dabei die Weihnachtszeit? Viele Leute haben es in diesen Wochen besonders schwer.

Ja, die Weihnachtszeit hat auch ihre traurigen Seiten. Besonders dann, wenn man jemanden Liebes verloren hat oder wenn man einsam ist. Weihnachten, das Fest der Liebe verstärkt die Gefühle von Trauer und Einsamkeit noch. Umso wichtiger finde ich, dass die Kirchen gerade in der Adventszeit und an Weihnachten besonders aktiv sind. In den Gottesdiensten, sei es die Familienweihnachten, die Christnachtfeier oder der Weihnachtsgottesdienst, sind alle ganz herzlich eingeladen. Besonders die Menschen, die sonst alleine zu Hause sind.  

Weihnachten heisst Freude bereiten. Geschenke stehen da oft im Mittelpunkt. Ein Segen, ein Stress, oder eben Kommerz?
Ja, Weihnachten heisst Freude bereiten. Als Gedenken an die grösste Freude die uns Menschen von Gott geschenkt worden ist. So sehe ich denn den Geschenken, dem Stress und auch dem Kommerz ganz entspannt entgegen. Der Gedanke hinter Weihnachten ist so viel stärker und wärmer, da nehme ich die vermeintliche Kehrseite, wie sie so oft heraufbeschworen wird, gerne in Kauf.

Wenn Sie am 1. Dezember am Abend über den Huttwiler Wiehnachtsmärit schreiten, werden Sie an zahlreichen weihnachtlich geschmückten Verkaufs- und Verpflegungsständen vorbeigehen. Kommerz – oder doch auch noch etwas anderes?
Ich freue mich schon, am 1. Dezember über den Weihnachtsmärit zu schreiten. Natürlich ist ein Märit ein Ort wo Geschäfte getätigt werden. Auch der Weihnachtsmärit ist ein Ort, wo eingekauft werden soll und darf.
Das kann einen stressen, doch ich sehe das sehr entspannt. Für mich ist es eine Freude, die unterschiedlichen Angebote auf dem Markt anzuschauen und der Märit strahlt eine Wärme aus, die ich gerne mitnehme. Vielleicht finde ich auch die eine oder andere Idee für nächstes Jahr.  

An eben diesem Freitagabend werden Sie in der reformierten Kirche Huttwil im Rahmen von «Musik und Wort» sprechen. Welche Botschaft möchten Sie übermitteln?
Die Botschaft, die ich mitgeben möchte ist, dass Weihnachten eine besinnliche, fröhliche und warme Zeit ist. Eine Zeit für uns Menschen. An Weihnachten darf man sich gerne Zeit nehmen, um einmal tief durchzuatmen und sich auf sich selber zu besinnen. Mit Musik und Geschichten gelingt das noch einfacher.  

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