• Der Rohrbacher Töffpilot Dominique Aegerter auf seiner neuen Moto2-Maschine. · Bild: zvg

05.03.2018
Sport

Trotz allem – Aegerter steht vor bester Saison

Dominique Aegerter, Moto2-Pilot aus Rohrbach – Nach verrückten Wochen auf der Karriere-Achterbahn wird Dominique Aegerter am 18. März mit besten Voraussetzungen in die Moto2-WM 2018 starten. Wenn das Pferd sprechen lernt, kann er um Siege und Titel fahren.

 

Motorsport · Ein kurzer Rückblick auf dieses Shakespeare’sche Töff-Drama um Millionen und Maschinen. Am 19. Dezember, einem Mittwoch im Jahre des Herrn 2017, ist die Welt von Dominique Aegerter (27) noch in Ordnung. Er absolviert in Magglingen oben den Militärdienst in einer Sporteinheit. Er hat gerade sein Mittagsmahl beendet und freut sich auf Abwechslung: am nächsten Tag, am 20. Dezember, wird er mit seinem Manager Dr. Robert Siegrist nach Wien fliegen und dort beim ehrenwerten britischen Gentleman David Pickworth den Vertrag für die Saison 2018 unterschreiben. Endlich ist die Zeit der Ungewissheit vorbei. Es wird Millionen aus Russland hageln. Der Flug ist gebucht, der Champagner kaltgestellt und die Hotelzimmer sind reserviert. Und ein bisschen Zeit für Rock’n’Roll wird in der alten Kaiserstadt wohl auch noch sein. Der Herbst 2017 war aufwühlend gewesen. Mit dem gestohlenen Sieg in Misano («Ölskandal») und dem Tod von Teamchef Stefan Kiefer. Aber nun kommt alles gut. KTM wird die Maschinen liefern, der freundliche deutsche Sturzpilot Sandro Cortese der harmlose Teamkollege sein. Der weihnächtliche Himmel hängt voller Geigen. Nur haben die Geiger noch nicht gegeigt.

Das bittere Aus
Dominique Aegerter sitzt also an diesem 19. Dezember frohgemut am Mittagstisch und freut sich, dass die neue Saison unter Dach und Fach ist. Er spielt ein wenig auf seinem Smartphone herum. Wie es so seine Gewohnheit ist. Bling. Eine Mail-Nachricht ist hereingekommen. Neugierig öffnet er die Buchstabenbüchse. Und schluckt leer. David Pickworth annulliert die Sitzung in Wien. Das bedeutet: Alle Pläne für 2018 lösen sich in Luft auf. David Pickworth ist als Hochstapler entlarvt. Ist es auch das Ende für Dominique Aegerters Rennteam? Für seine Karriere? Auf den ersten Blick scheint es so. Aber Dominique Aegerter hat Glück. Er ist gut beraten. Er ist nicht allein. Sein Manager Robert Siegrist rettet die Situation. Er hatte dem ehrenwerten David Pickworth nie über den Weg getraut und längst für den Notfall an einem Plan B gearbeitet. Der Zürcher Rechtsanwalt pflegt seit Jahren allerbeste Beziehungen zu KTM. Er stellt sicher, dass die Österreicher die Bikes trotzdem liefern. Mit Toni Gruschka wird die Stelle des Cheftechnikers neu besetzt. Und er organisiert das Geld: 650 000 Franken müssen gefunden werden, damit das Kiefer-Team 2018 zur WM antreten kann.

Unterstützung ist gross
Was sich nun auszahlt, ist die gute Vernetzung von Robert Siegrist und Dominique Aegerter. Das Geld kommt aus der Schweiz. Von den mittelständischen Unternehmen und Gönnern, die den «Rohrbach-Rossi» seit Jahren unterstützten. Von den Leuten, zu denen Dominique Aegerter schon seit Jahren beste Beziehungen pflegt. Er mag manchmal ein wilder Rock’n’Roller sein. Aber eines hat er noch nie vergessen: woher er kommt und wem er seine Karriere verdankt. Er ist ein freundlicher, charmanter, charismatischer junger Mann, der aus innerer Überzeugung schon immer «Danke» gesagt hat. Dank dem Rückhalt seiner Familie, der Hilfe seines Managers Robert Siegrist und den vielen Menschen, die an ihn und seine sportliche Mission glauben, verliert er den Mut nicht.

Das geniale Crowdfunding
Die 650 000 Franken sind inzwischen zusammengekommen. Zudem hat Dominique Aegerter das erfolgreichste Crowdfunding in der Geschichte des Schweizer Sportes auf den Wege gebracht. In gut drei Wochen haben mehr als 1000 Unterstützer über 240 000 Franken bezahlt und so seine enorme Popularität weit über die Motorsport-Kreise hinaus «kapitalisiert». Er sagt: «Wir können mit diesem Geld nicht nur eine gute Saisonvorbereitung finanzieren. Wir sind auch dazu in der Lage, während der Saison die notwendigen Tests zu machen.» Er muss nun doch nicht drauflegen und wenn er ein paar Rennen gewinnt und um den Titel fährt, dann kann er sogar mehr verdienen als Tom Lüthi. Er ist zum ersten Mal der einzige Schweizer in der Moto2-Klasse und der einzige helvetische Fahrer mit Aussichten auf Podestplätze. Die Medienpräsenz wird gross sein wie nie.

Der sportliche Erfolg fehlt noch
Die Voraussetzungen für den sportlichen Erfolg sind also gegeben. «Domi» bleibt im Team, in dem er sich wohl fühlt. Er wird der einzige Fahrer sein. Sandro Cortese, miserabel gemanagt, hat das Geld für eine weitere Moto2-Saison nicht auftreiben können. Neu ist Robert Siegrist nicht «nur» Dominique Aegerters Manager. Der Hauptmann der Schweizer Armee wird «Töff-General» und übernimmt zusätzlich das administrative und finanzielle Management des Teams. Er wird öfters vor Ort sein und «dr Mähre zum Oug luege» («dem Pferd zum Auge schauen»). So sagen die Bauern in Dominique Aegerters Heimat, wenn sich jemand darum kümmert, dass alles funktioniert. Ende gut, alles gut? Ja und nein. Ja, aus aus finanzieller und organisatorischer Sicht. Nein, weil das Pferd noch nicht sprechen kann. Dominique Aegerter bringt eigentlich alles mit, um Weltmeister zu werden: das Geld, den Mut, das Talent, das Team, das Umfeld und das Bike. Aber eine Schwäche hat er nach wie vor: er ist kein technischer Magier. Will heis-sen: er hat Mühe mit der Feinabstimmung seiner Höllenmaschine. Kaum jemand würdigt, welche fahrerischen Heldentaten er vollbringen muss, um diese Schwäche zu kompensieren. Einer der besten Techniker im Fahrerlager hat es kürzlich so gesagt: «Wenn ich mit einem Fahrer über das Bike rede, dann ist es so, wie wenn sich zwei Tierärzte über ein Pferd unterhalten. Bei Domi ist es so, dass der Tierarzt mit dem Pferd spricht …» Vielleicht ist ja der neue Cheftechniker Toni Gruschka ein Pferdeflüsterer.

In Tests noch weit zurück
Ja, ja, das ist bösartig, aber halt treffend. Bei den ersten offiziellen Tests in Valencia kam Dominique Aegerter gerade mal auf den 23. und viertletzten Platz. 1,66 Sekunden hinter der Bestzeit von Mattia Pasini. Und mehr als eine Sekunde hinter Miguel Oliveira (4. Rang), dem besten KTM-Chauffeur. Bei den zweiten Tests in Jerez verlor er sogar 2,125 Sekunden auf die schnellste Zeit, die diesmal für Alex Marquez (Kalex) gestoppt wurde, und der Rückstand auf den besten KTM-Piloten (Brad Binder, 3. Rang) betrug nach wie vor mehr als eine Sekunde. Er kam unter 31 Piloten nicht über den 26. Platz hinaus. Nun bleiben noch die zweiten Jerez-Tests in der ersten März-Woche zum Üben vor dem Saisonstart. Dominique Aegerter sagt, das Potenzial der KTM sei enorm. «Aber ich muss mich erst an die Maschine gewöhnen und die richtige Abstimmung finden.» Das Pferd hat erst gewiehert. Es muss noch sprechen lernen.

Aber auch nicht nervös werden
So enttäuschend der Auftakt war, so wenig gibt es Grund zur Beunruhigung. Schritt um Schritt wird sich Dominique Aegerter in der ihm eigenen Beharrlichkeit vorarbeiten. Es mag etwas gar optimistisch tönen. Aber es ist, wie es ist: Dominique Aegerter hat im bereits neunten Moto2-Jahr seine beste Saison als Rennfahrer vor sich. Und das sind keine schlechten Aussichten für einen Töffpiloten, der schon zwei Grand Prix gewonnen und die letzte Saison trotz der Rückschläge – und davon gab es doch gleich etliche –  auf dem 12. WM-Schlussrang beendet hat.

Von Klaus Zaugg


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