• Interessante Einblicke erhielten die WVO-Mitglieder auf einem Rundgang durch die der Merkur Druck in Langenthal. · Bild: Walter Ryser

18.11.2016
Langenthal

Von Wasserköpfen und Überkapazitäten

Der Herbstanlass des Wirtschaftsverbandes Oberaargau (WVO) fand bei der Merkur Druck in Langenthal statt. Begleitet wurde die Veranstaltung von besorgten, aber zugleich auch hoffnungsvollen Voten der beiden Referenten, WVO-Präsidentin Béatrice Lüthi sowie Peter Berner, CEO der Merkur Gruppe.

Einmal mehr stiess eine Veranstaltung des Wirtschaftsverbandes Oberaargau auf grosses Interesse bei den Mitgliedern. Der traditionelle Herbstanlass bescherte der Merkur Druck in Langenthal einen Grossaufmarsch an regionalen Unternehmern, Führungskräften und Kaderleuten.
Am Tag, als in Amerika Donald Trump zum neuen Präsidenten gewählt wurde, zeigte sich WVO-Präsidentin Béatrice Lüthi besorgt: «Wir wissen zwar, wer neuer Präsident in Amerika wird, aber was sich dadurch für Amerika ändert, was das für das Verhältnis zu Europa, aber auch zur Schweiz bedeutet, können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschätzen», betonte die Unternehmerin (Geschäftsführerin Lüthi Aufzüge, Lindenholz).

Gesunder Menschenverstand ist gefragt
Lüthi hielt weiter fest, dass es eine traurige Tatsache sei, dass ein solch grosses Land wie Amerika scheinbar nicht in der Lage sei, einen glaubwürdigen, ernstzunehmenden Kandidaten vorzuschlagen und statt auf Inhalte lieber auf Showeffekte setze. Die WVO-Präsidentin ist deshalb überzeugt, dass die Glaubwürdigkeit Amerikas in den letzten Monaten stark gelitten hat. Aber nicht nur Amerika befinde sich im Umbruch, fuhr Lüthi weiter fort. In Europa herrsche weiterhin grosse Unsicherheit darüber, welche Auswirkungen der britische «Brexit» auf die Wirtschaft haben werde. Lüthi zitierte diesbezüglich den bekannten deutschen TV-Börsenexperten Jens Korte, der kürzlich sagte: «Für die EU besteht die grösste Angst bezüglich ‹Brexit› darin, dass dieser tatsächlich funktionieren könnte.» Auch im Kanton Bern bestünden Baustellen, kam Lüthi noch auf die aktuelle Lage in unserer unmittelbaren Umgebung zu sprechen. «Ich erwarte von unserer Regierung, dass sie nun endlich vorwärts macht und den administrativen Wasserkopf in der Verwaltung abbaut, bevor sie Leistungen an der Front streicht. Ich stelle fest, dass sich die kantonale Verwaltung je länger desto mehr mit sich selber beschäftigt und sich dabei mit einer unwahrscheinlichen Regulierungswut immer mehr Macht aneignet», ereiferte sich die WVO-Präsidentin. Was wir brauchen würden in der aktuellen Situation sei mehr gesunder Menschenverstand sowie klar abgesteckte Rahmenbedingungen statt endlose Detailregulierungen.
Daneben sei aber auch jeder einzelne vermehrt gefordert, appellierte Lüthi an die Anwesenden. «Wir benötigen Mitbürger, die Mehrheitsentscheide respektieren und kein juristisches Hickhack inszenieren, wenn gewisse Dinge nicht so laufen, wie sie sich das vorgestellt haben. Diesbezüglich muss sich ein Teil der Bevölkerung auch einmal selber an der Nase nehmen.»

Gefordertes Druckgewerbe
Zumindest teilweise besorgt zeigte sich anschliessend auch Peter Berner, CEO der Merkur Druck Gruppe. Das Medien- und Druckunternehmen, das 1906 gegründet wurde, ist heute an fünf Standorten in der Schweiz (Langenthal, Lyss, Burgdorf, Villmergen und Unterseen) tätig, beschäftigt 230 Mitarbeitende und erzielt jährlich einen Umsatz von rund 50 Millionen Franken. Was Berner in erster Linie Sorgen bereitet, ist der anhaltende Strukturwandel in der Druckindustrie. «Die Situation in unserer Branche ist extrem schwierig», erwähnte er und machte deutlich, dass man sich seit geraumer Zeit in einem knallharten Wettbewerb mit ausländischen Anbietern befinde, die den Schweizer Markt aggressiv bewirtschaften würden. «Gleichzeitig herrschen in der Schweizer Druckbranche massive Überkapazitäten, die einen existenziellen Verdrängungskampf zur Folge haben.»
Bereits seien in den letzten Jahren etliche Druckereien vom Markt verschwunden. Aktuell gebe es in der Schweiz noch rund 1700 Druckereibetriebe und Berner wagte gegenüber den WVO-Mitgliedern eine kühne Behauptung: «Wir haben aktuell noch immer rund 1000 Druckereien zu viel.» Deshalb werde es in den nächsten Jahren noch viele Verlierer geben, aber auch einige Gewinner. Peter Berner ist überzeugt, dass die Merkur zur letzten Gruppe gehören wird. Wer hier Unterschlupf finden wolle, benötige in Zukunft Top-Technologien, erstklassiges Personal, schlanke Strukturen ohne Wasserköpfe, eine gewisse Grösse, die es erlaube, laufend zu investieren. «Wer in dieser Branche drei Jahre lang nicht investiert, ist anschliessend weg vom Fenster», betonte Berner. Deshalb werde die Merkur Gruppe nächstes Jahr wieder eine grössere Investition im Umfang von rund fünf Millionen Franken in eine neue Drucktechnologie tätigen, um weiterhin vorne mitspielen zu können. Aktuell zähle die Merkur zu den fünf grössten Druckereibetrieben schweizweit. Von der Leistungsfähigkeit des Unternehmens konnten sich die WVO-Mitglieder anschliessend auf einem interessanten Rundgang durch die Druck- und Verarbeitungshallen hautnah überzeugen. 

Von Walter Ryser

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