• Professor Aymo Brunetti attestierte der Schweizer Wirtschaft Widerstandsfähigkeit und prognostizierte ihr deshalb auch gute Zukunftsaussichten. · Bild: Walter Ryser

15.09.2017
Oberaargau

Widerstandsfähige Schweizer Wirtschaft

Die aktuelle Lage, in der sich die Schweizer Wirtschaft befindet und deren Aussichten standen im Zentrum des Mittagsanlasses des Wirtschaftsverbandes Oberaargau (WVO). Dabei attestierte Referent Professor Dr. Aymo Brunetti von der Univer­sität Bern der Schweizer Wirtschaft erstaunliche Widerstandsfähigkeit. Zugleich zeichnete er ein freundliches Zukunftsbild für die Schweizer Unternehmen, erwähnte aber zugleich auch Risiken, die dieses Bild begleiten würden.

Oberaargau · Rund 70 Oberaargauer Unternehmer fanden sich zum Mittagsanlass des Wirtschaftsverbandes Oberaargau (WVO) im Landgasthof Bären in Madiswil ein. WVO-Präsidentin Béatrice Lüthi wies zu Beginn des Anlasses auf die kommende Eidgenössische Abstimmung vom 24. September hin und machte dabei explizit auf die Rentenreform aufmerksam. Diese habe weitreichende Konsequenzen für Private wie Arbeitgeber, bemerkte die Unternehmerin (Lüthi Aufzüge, Lindenholz). Sie sei erstaunt, dass sich viele Unternehmer für die Vorlage aussprechen würden, weil sie der Meinung seien, das vorliegende Reformpaket sei besser als gar keines.
«Ich vertrete diesbezüglich eine andere Meinung und lehne die Vorlage ab», fuhr Lüthi fort. Sie bezeichnete die Zusatzrente von 70 Franken für alle Neurentner eine «Zwängerei» und einen unverantwortlichen Ausbauschritt gegenüber kommenden Generationen. Es sei schade, dass das Parlament immer davon rede, Prozesse, Reglemente und Gesetze zu vereinfachen, in der Praxis aber genau das Gegenteil mache.

Die Schweiz ist gut davongekommen
Anschliessend trat Aymo Brunetti ans Rednerpult. Der 54-Jährige ist ordentlicher Professor für Wirtschaftspolitik und Regionalökonomie am Departement Volkswirtschaftslehre der Universität Bern. Er ist ebenfalls geschäftsführender Direktor des Center for Regional Economic Development (CRED) an der Universität Bern. Zudem leitet er den vom Bundesrat eingesetzten Beirat zur Zukunft des Finanzplatzes. Brunetti warf einen Blick auf die aktuelle Wirtschaftslage und skizzierte die Aussichten für die Schweizer Wirtschaft.
Die Finanzkrise von 2008 sei weltweit ein einschneidendes Ereignis gewesen, das die Weltwirtschaft erschüttert habe, begann er sein Referat. Die Finanzkrise sei vorab in Europa bis heute nicht restlos ausgestanden, betonte er. «Die Schweiz ist von den Folgen der Finanzkrise erstaunlicherweise weniger stark betroffen als angenommen.»
Gleichzeitig habe die Schweizer Wirtschaft mit dem «Frankenschock» vor zwei Jahren noch eine zweite Krise meistern müssen. «Aber im internationalen Vergleich ist die Schweiz sehr gut davongekommen», erwähnte er. Es habe sich gezeigt, dass die Schweizer Wirtschaft ausgesprochen widerstandsfähig sei.
Die Schweiz sei auch das einzige Land weltweit, bei dem während der Finanzkrise sogar die Staatsverschuldung abgenommen habe.

So viel Geld im Umlauf wie noch nie
Laut Brunetti habe man sich damit die beste Ausgangslage für die Zukunft geschaffen. Deshalb fällt sein Blick auf das kommende Jahr recht zuversichtlich aus. Er gehe von einem gesunden Wirtschaftswachstum aus. Im Moment sei die Gefahr einer Rezession weit weg und auch Inflationsgefahr drohe nicht. Aber eitel Sonnenschein herrsche dennoch nicht, warnte der Uni-Professor. Es gebe immer Risiken, die das Bild rasch verändern könnten, gab er zu bedenken. Dazu erwähnte er die unklare Schuldensituation Griechenlands, die kommenden Wahlen in Italien mit populistischem Potenzial, aber auch die ungelösten Konstruktionsfehler der Eurozone mit immer wieder aufflackernden Austrittsdrohungen von Ländern.
Ein weiterer Austritt eines Landes aus der EU könnte laut Brunetti gewaltige Turbulenzen auf dem Finanzmarkt verursachen. Der Austritt Grossbritanniens habe im Vergleich dazu bloss kleine Wellen geworfen, weil England eine eigene Währung habe. Wenn jedoch ein Land, das an den Euro gebunden sei, die EU verlasse und wieder eine eigene Währung einführen wolle, könnte das zu nicht abschätzbaren Folgen an den Finanzmärkten führen, weil ein solcher Vorgang noch gar nie versucht worden sei.
Überhitzte Finanzmärkte und eine zu expansive Geldpolitik nannte er als weitere Risikofaktoren für eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung. «Wir haben noch nie so viel Geld im Umlauf gehabt wie heute», bemerkte Aymo Brunetti.
Diese Entwicklung funktioniere, solange die Zinsen tief seien. Doch irgendwann müsse die hohe Liquidität zurückgefahren werden, mahnte der Professor, der glaubt, dass es spätestens dann problematisch werden könnte, weshalb mittelfristig ein gewisses Inflationsrisiko bestehe, schloss Aymo Brunetti seinen Vortrag.

Von Walter Ryser


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