• Patricia Zihlmann-Märki und Markus Hofer hielten den Fokus auf das gewaltige Arbeitspensum von Jeremis Gotthelf. · Bild: Ernst Marti

02.11.2018
Emmental

Wirken eines Pfarrers im Gemeinwesen

Mit dem Vortrag «Die Korrespondenz des Albert Bitzius» gaben Dr. Patricia Zihlmann-Märki und phil. hist. Markus Hofer im Gotthelf Zentrum einem gespannt lauschenden Publikum Einblicke in die Handlungsfelder eines bernischen Pfarrers im Gemeinwesen vor 200 Jahren. Die Schriften zeigten eindrücklich, wie sich Gotthelf bei der bernischen Obrigkeit für die Schule und das Armenwesen einsetzte.

Lützelflüh · Nebst den grossen literarischen Werken hinterliess der Lützelflüher Pfarrer Albert Bitzius, bekannt unter dem Namen Jeremias Gotthelf, eine äus-serst umfangreiche Korrespondenz. Betrachtet man die enorme Menge von 16 000 Briefen, die er neben seinem literarischen Werk zusätzlich zu seinen pfarramtlichen Tätigkeiten verfasst hat, kann man aus heutiger Sicht nur staunen.
Da stand noch keine Schreibmaschine oder PC zur Verfügung, alles musste von Hand mit dem Federkiel geschrieben werden und der hatte bekanntlich keine Korrekturtaste. Gotthelf hatte jedoch die Begabung sich in prägnanten Worten klar und deutlich auszudrücken. Das zeigte sich besonders in den Briefen an die bernische Obrigkeit die er oft für Anliegen von Leuten aus der Bevölkerung verfasste. Die Briefe, von denen bisher 2200 gesammelt wurden, sollen im Laufe der Zeit der Öffentlichkeit digital zugänglich gemacht werden.

Albert Bitzius als grosser Förderer des Schulwesens
Patricia Zihlmann-Märki von der Forschungsstelle Jeremias Gotthelf der Universität Bern und phil. hist. Markus Hofer, der dort ebenfalls mitwirkt, gaben einen interessanten Einblick in das gewaltige Arbeitspensum, das Gotthelf für eine bessere Schule und gerechtere Bedingungen für die Verdingkinder leistete.
Am Beispiel Lützelflüh zeigte Markus Hofer auf, wie das damals funktionierte. Nach langen Bemühungen gelang es Gotthelf die Schule einigermassen zu organisieren. Organisatorisch gab es schliesslich neben der Zentralschulkommission noch die Kommissionen in den fünf Vierteln Dorf, Egg, Lauterbach/Oberried, Grünenmatt und Ranflüh. In allen war Gotthelf als Aktuar die treibende Kraft und natürlich nahm er ebenfalls an allen Sitzungen teil. Auch wenn die Hausväter der einzelnen Viertel die Notwendigkeit erkannten, Geld für «ihre» Schule zu investieren, sträubten sie sich gegen kostspielige Neuerungen in den anderen Schulen, was immer wieder zu politischen Blockaden führte. «Es giltet hier, wie meist im Emmental, die unselige Einrichtung, dass die in fünf Viertel geteilte Kirchgemeinde eine einzige Schulgemeinde bildet. Diese Einrichtung hat zur Folge, dass wenn ein Viertel etwas will, meist die vier anderen dagegen sind», so zu lesen in einem Brief vom Mai 1834 an das bernische Erziehungsdepartement.
Die Arbeitslast wuchs nochmals, als er zum verantwortlichen Schulkommissär für die Gemeinden Lützelflüh, Hasle, Rüegsau und Oberburg ernannt wurde. Man muss sich das aus heutiger Sicht vorstellen. Damals musste man zu Fuss oder höchstenfalls zu Pferd vom Pfarrhaus in Lützelflüh zu diesen Aussenposten gehen, was bei den grösser entfernten Orten zu Fussmärschen von «one way» bis zu zweieinhalb Stunden führte. Eine ausserordentliche und für die heutige Zeit kaum vorstellbare Leistung. Auf die damit verbundenen Anstrengungen wies Bitzius am 25. Februar 1844 seinen Freund Rudolf Fetscherin, Mitglied des Erziehungsdepartements, hin: «Das höllische Wetter hatte mich bisher am Schulbesuch gehindert, und da mir noch 22 Schulen oblagen zur zweiten Wintertour, so war ich alle Tage auf den Beinen, heute ausgenommen. Von solchen Exkursionen weiß man natürlich in Bern nichts. Möchte doch den Hühnerbein (gemeint ist damit Gottlieb Hühnerwadel, Sekretär des Erziehungsdepartements) sehen, wenn ihm das Schneewasser bis über die Knöchel liefe».

Der Pfarrer als Mitglied des Sittengerichts und der Armenkommission
Auch als Mitglied des Sittengerichts und der Armenkommission setzte Albert Bitzius Akzente. Patricia Zihlmann-Märki zitierte Ausschnitte seiner Korrespondenz, aus der ersichtlich ist, wie er sich für die Benachteiligten der damaligen Gesellschaft und ganz speziell für die Verdingkinder einsetzte: «Es darf doch nicht sein, dass ein Verdingkind bei einem Bauern auf dem Stubenboden auf einem Sack schlafen muss». Im Jahr 1851 forderte der Regierungsrat die Gemeinden auf, Armenkommissionen zu bilden. Auch hier war Bitzius in Lützelflüh die treibende Kraft und amtete gleich als Präsident. Mit voller Kraft kämpfte er trotz Widerständen dagegen, dass auch die Verdingkinder regelmässig die Schule besuchen konnten. «Eine solide Bildung ist ein entscheidender Schritt gegen die Armut» ist in einem seiner Briefe zu lesen. Etwas das eigentlich auch heute noch gilt.

Von Ernst Marti

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