An Alphirtenfesten wurde schon im 18. Jahrhundert der Schwingsport ausgeübt.
1875 – für Huttwil und das Emmental ein Jahr mit prägenden Ereignissen
1875: In Huttwil schlägt die Geburtsstunde vom «Unter Emmentaler». In Signau wurde im gleichen Jahr einer der dominanten Emmentaler Schwinger, der Truber Hans Ueli Beer, Schwingerkönig. 150 Jahre später – ob wohl auch ein Emmentaler Schwingerkönig wird? Sicher ist, dass der «UE» immer noch in der Lage ist, vorher und nachher ausführlich über den Anlass berichten zu können.
150 Jahre Schwingen im Emmental und 150 Jahre «Unter-Emmentaler» · 1875 muss ein richtiges «Festjahr» gewesen sein. Dies geht jedenfalls aus einem Bericht der NZZ – der Neuen Züricher Zeitung – vom 17. August 1875 hervor: «Wir leben in einer Zeit der Feste, Schützenfeste, Sängerfeste, Musikfeste, Militärfeste, Turnfeste, Feuerwehrfeste, Erinnerungsfeste, ja selbst Missions- und Bibelfeste folgen einander so rasch, dass eine schweizerische Festchronik wegen Mangel an Stoff wahrlich nicht zu klagen hätte …» Nun, das ist im Jahr 2025 kaum anders. Und weil am kommenden Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Mollis-Glarnerland vom 29. bis 31. August erfreulicherweise auch einige «böse» Emmentaler ein ernsthaftes Wort zur Königswürde mitreden werden, ist ein Blick zurück angebracht. Vor 150 Jahren feierte in Signau ein Emmentaler einen riesigen Schwingsporterfolg. Im gleichen Jahr begann die Geschichte des «Unter-Emmentaler».
Älter als die Eidgenossenschaft
Kaum eine Sportart hat so viele Geschichtsepochen überdauert und ist seit so langer Zeit geübt und immer populärer geworden wie das Schwingen. Eine der ältesten Darstellungen der typischen Art, Griff zu fassen, datiert auf einem Chorgestühl in der Kathedrale in Lausanne aus dem Jahr 1275. Verschiedene Quellen verweisen auf Kräftemessen starker Männer im Appenzellerland um 1385, ein Jahr vor der Schlacht bei Sempach, hin. In Luzern soll 1885 ein grosses Schwing- und Ringfest stattgefunden haben. Damals waren viele Emmentaler mit den Entlebuchern und Innerschweizern verbunden und es darf angenommen werden, dass sich durch das grenzübergreifende «Bekämpften», die Sportart auch im Emmental rasch verbreiterte. Jedenfalls dürfte der «Lüdere-Schwinget», der traditionell am zweiten Sonntag im August stattfindet, bald 600-jährig sein. Aus einem Dokument von 1782 des Zürcher Professors Bernhard Meister geht hervor, was sich damals auf der Lüdere in etwa abgespielt hat: «Ein reicher Sennhirt oder ein benachbarter Gastgeber setzt einen Preis aus. Die Jungen greifen Paar für Paar einander stark an, umfassen sich bei den Hüften; so mit Bein, Arm und Leib zusammengeschmiedet fallen sie auf die Knie und ruhen nicht, bis einer den anderen zu Boden geworfen hat. Der Sieger sucht den zweiten und dritten, bis er die meisten gefällt hat, und ihm kommt sodann der Preis zu. Im Kreis stehen die Mädchen und beleben den Wettstreit.» Aus vielen Quellen geht hervor, dass schon in den Anfängen der Schwingerei Lebendpreise, vor allem Schafe, als Siegerpreis winkten, was auch durch die Aussage belegt wird: «Der Mann das Schaf gewinnt, die Frau die Wolle spinnt, die Strümpfe trägt das Kind!»
Bärenstarke «böse» Emmentaler
Das erste Schwingfest, das den heutigen Standards ähnlich ist, fand 1805 auf der Unspunnenmatte bei Interlaken statt. Im Rahmen des von den Stadtberner Patriziern organisierten Alphirtenfestes zur Versöhnung und Vermittlung zwischen Stadt und Land wurden Wettkämpfe im Schwingen, Steinstossen, Schiessen, Singen und Alphornblasen durchgeführt. Also alles Ur-Schweizerisches Brauchtum, das bis in unsere Zeit hochgehalten wird. Nebst dem Unspunnen-Schwinget standen bis zur Gründung des Eidgenössischen Schwinger Verbandes am 11. März 1895 im Café Born in Bern, bei der einer der sieben Gründerpartner die Hornussergesellschaft Heimiswil beteiligt war, vor allem die legendären «Schanzenschwinget» jeweils am Ostermontag in Bern im Zentrum des Geschehens. Bis zur 100-Jahr-Feier des Unspunnenfestes 1905 dominierten vor allem die «bösen» Emmentaler das Geschehen auf den Sägemehlringen. Nicht weniger als 21 Schwingerkönige, davon ein ganzes Dutzend aus dem Trub, drei aus dem Schangnau, zwei aus Oberburg und die weiteren aus Sumiswald, Röthenbach, Eggiwil und Konolfingen. Der Erste aus dieser stolzen Reihe war der Truber Christian Wüthrich (1762 bis 1806), «Millbacher-Chrigu» genannt, dessen Leistung gar in der Sammlung der «Emmentaler-Sagen» verewigt wurde. So soll er 13 Jahre nacheinander beim Berner «Schanzeschwinget» unbesiegt vom Platz gegangen sein. Nur einmal gelang es einem Waldstätter Gegner, «Millbacher-Chrigu» auf den Rücken zu legen, aber nur, weil ihn dieser beim Gruss mit zwei Silberlingen bestochen hatte. Der Spott seiner Kameraden machte «Chrigu» wütend. Als der Waldstätter seinen Sieg im folgenden Jahr wieder mit Geld kaufen wollte, drückte ihn «Chrigu», dass das Blut aus den Adern spritzte, und schmetterte ihn zu Boden, dass die Glieder knackten. Als später im Trub einmal ein anderer durch List einen Schwung mit ihm gewann, verschwor sich «Chrigu»: «Und wenn der Tüfel chäm, i wett em zeige, was Millbacher cha!» Jeden, der ihm fortan begegnete, griff er an. Um Unglück zu vermeiden, kam es so weit, dass ihm einer vorlief, um vor ihm zu warnen, bis einst ein kleines, unscheinbares «grünes» Männchen bloss lächelte und sich mit «Millbacher» anlegte. Nachdem es vom starken Truber unsanft zu Boden geworfen wurde, stand es schnell auf, packte den verdutzten Schwinger und schleppte ihn über Stock und Stein, bis er ein Krüppel war. «Millbacher» soll nie mehr geschwungen haben und niemand zweifelte, wer das kecke Männchen war.
Der Schwingerkönig aus Sumiswald
Weniger «teuflisch», aber umso «bärenstärker» ging es beim Schanganuer Mathias Wittwer (1814 bis 1858) zu und her. Auch er ein mehrfacher Sieger am «Schanzenschwinget» in Bern, soll ein volles säumiges Weinfass (ca. 150 Liter) bis auf Brusthöhe gestemmt und aus dem Spundloch getrunken haben. Ähnliche Kräfte wurden auch dem Sumiswalder Jakob Ryser (1822 bis 1873) zugeschrieben. Er wurde 1855 und 1858 König in Bern. Ihm machte es nichts aus, einen doppelzentrigen Käse (100 kg) mit vorgestreckten Armen die Kellertreppe hinaufzutragen. Diese und weitere Geschichten aus der einstigen Schwinger-Dynastie sind seit 2003 im Archiv der Eidgenössischen Schwinger Stube im Gasthof Hirschen in Trubschachen archiviert.
Schwingverbote
Dass es am Rande der Schwingplätze nicht immer nur «gesittet» zu und her ging, ist auch aus zahlreichen Quellen belegbar. Das wilde Treiben und vor allem auch die Sonntagsentheiligung, das heisst das Fernbleiben vom Kirchgang, war der Obrigkeit lange Zeit ein «Dorn im Auge». An den sogenannten «Kirchweihtagen» (Chilbi) wurde «… gross getenz und es gab allerlei spils; es were singen, springen, schiessen, kugel wagen, keiglen, stein stossen, essen, trinken und mengerlei sünden …» 1611 soll man sich im Schwarzenburgerland gar am Weihnachtsabend zum Schwingen getroffen haben. Das war der Obrigkeit zu viel. Eine solche «Freveltat» konnte nicht hingenommen werden, weil also bei «… den weihnächtlichen «schwyngeten» vil ungradt entstand und weil zu sölcher Heiligen zyt dergleichen mutvillen nicht zu gestatten war …» verbot die Regierung solches «… schwyngen und ringen by 10 pfund buss». Von Biglen hält der Chronist aus dem Jahr 1697 fest: «… Vergangenen Auffahrtstag war ein wüstes unwesen verübt worden mit schwingen, tantzen und kegeln …» In Grindelwald habe 1617 «… der Balzli Zibach mit Schubalzlis Knecht an einem heiligen Sonntag geschwungen» und wurde «für 12 Stund in Gefangenschaft erkennt …».
Bundesrat als Schwinger
Wie bereits erwähnt fand 1875, im Gründungsjahr des «Unter-Emmentaler», in Signau ein «Eidgenössisches» statt. Schwingerkönig wurde Hansueli Beer aus Trub. Ein Mann gross, schlank und von unheimlicher Kraft, der seine Königswürde immerhin auch neunmal verteidigen konnte. Ehrengäste waren der als eifriger Förderer des Schwingens bekannte Signauer Bundesrat Carl Schenk (1823 bis 1895) sowie sein Amtskollege Paul Cérésole. Schenk hat in seiner Festrede zur Kulturversöhnung zwischen den reformierten und katholischen Kantonen gesprochen und zur Einigung des Schweizervolkes aufgerufen. Solch versöhnliche Worte waren im jungen Staat Schweiz damals von grösster Bedeutung. Dass der Glaubensstreit unterschwellig am Fest in Signau mit dabei war, bezeugt der Text auf einer Tafel am Dorfeingang des Emmentaler Festortes: «Solang der Papst no schimpfe cha, verflueche jede freie Ma, solang hei mir für settig Müpf parat die fermste Hoselüpf.» Carl Schenk war nicht nur jener Bundesrat, der mit 31 ½ Jahren am längsten als Bundesrat amtete, von ihm wird auch nachgesagt, dass er gar ein «böser» Schwinger gewesen sei und «in cognito» den einen oder anderen Gegner im Sägemehl auf den Rücken gebettet habe. Wie dem auch sei, Tatsache ist, dass er mit dem Waldau-Direktor Rudolf Schärer befreundet war, der 1864 das erste Lehrbuch über das Schwingen verfasst hatte und der in Signau auch als Kampfrichter amtete. Schenks Verbundenheit zum Schwingen ist in der Festschrift zum «Eidgenössischen» von 1887 in Bern deutlich festgehalten. «Wo hett es Schwingfest chönne abghalte wärde, a dem der Herr Pfarrer, i spetere Jahre der Herr Regierigsrath u no speter der Herr Bundesrath Schenk nid hätti Theil gno?» Nun, bei so viel Geschichte über Emmentaler Dominanz aus den Anfängen des Schwingens wären abschliessend eigentlich auch ein paar Zeilen über die aktuelle Schwinger Szene der «Bösen» aus dem Emmental und ihren Chancen im Mollis Ende August angebracht. Doch dies wird im «UE» auch nach 150 Jahren in gewohnter Manier vor und nach erfolgter «Schlacht» erfolgen. Die Leserschaft darf sich darauf freuen.
Von Fritz von Gunten