Sandra Antonietti vor dem Chrämerhuus, in dem sie seit mehr als drei Jahrzehnten ein- und ausgeht. · Bild: Reto Pfister
50 Jahre Kultur und Gastronomie
Im Chrämerhuus bestand einst ein Kolonialwarenladen. Nach dessen Ende ergriffen Kulturinteressierte Mitte der 1970er-Jahre die Initiative, um das Haus zu erhalten. Mit Erfolg. Am Wochenende wird das halbe Jahrhundert seines Bestehens gefeiert.
Das traditionsreiche Chrämerhuus in Langenthal stand Mitte der 1970er-Jahre vor einer ungewissen Zukunft. Der Kolonialwarenladen im Haus hatte geschlossen, und es hätte durchaus sein können, dass das Gebäude danach abgerissen worden wäre. Einige kulturinteressierte Langenthalerinnen und Langenthaler wollten das verhindern. Sie suchten den Dialog mit den Hausbesitzern und bekamen letztlich grünes Licht für einen Kulturbetrieb im Gebäude. 1975 war dies: Es war die Geburtsstunde des Chrämerhuus, wie es heute bekannt ist. Am Samstag feiert die Institution mit einem grossen Fest ihr 50-jähriges Bestehen.
«Ein bunter Haufen»
Sandra Antonietti hat die Geschichte des Hauses über mehr als drei Jahrzehnte mitgeprägt. 1992 war sie an einem Wuhrplatzfest mit dem Chrämerhuus in Berührung gekommen. «Die Atmosphäre, dieser bunte Haufen, der zusammen etwas auf die Beine stellt, hat mich fasziniert. Bei Diskussionen um das Programm haben manchmal 15 Personen mit den verschiedensten Hintergründen mitdiskutiert», erinnert sich die heute 59-Jährige. «Ich fragte nach, wo man helfen kann.» Und war bald mittendrin im Geschehen. Das Chrämerhuus, das ist die Vielfalt an kulturellem Leben. Neben Konzerten gibt es Lesungen, Ausstellungen, und es wurde auch Theater gespielt. In jenem Bereich engagiert sich Antoni-etti heute noch; es besteht eine Kooperation mit dem Stadttheater, aus Platzgründen finden die Aufführungen mittlerweile dort statt. Die Gastronomie war hingegen in den Anfangszeiten noch nicht fest organisiert. «Wir veranstalteten etwa die Sonntagsbeizen. Wir kochten, öffneten um 17 Uhr, wer kommen wollte, konnte einfach kommen und essen.» Die gastronomischen Aktivitäten dienten nicht zuletzt auch der Finanzierung des Kulturbetriebs. 1996 wurde dann ein permanentes Restaurant eröffnet, nachdem das Haus umgebaut worden war. Rita Soom war die erste Gerantin. Sie war 12 Jahre tätig, und es folgte Sandra Antonietti – obwohl sie zu diesem Zeitpunkt ganz andere Pläne hatte. Antonietti war damals beruflich in Zürich tätig, sie führte die Betty-Bossi-Kochschule, schrieb Bücher und hatte kleine Kinder. «Und dann habe ich doch den Sprung ins kalte Wasser gewagt», sagt sie. «Es hat mich gereizt, fünf Jahre wollte ich es machen.» Die Lösung mit ihr als Gerantin hatte den Vorteil, dass die Kulinarik und die Kultur im Haus unter einer Hand vereint waren. Antonietti engagierte sich auch stark in der Ausbildung, was ihr sehr wichtig war. «Ich lernte auch Teams zu führen, fand Spass an der Aufgabe.» Aus fünf wurden 15 Jahre. 2023 gab sie die Leitung des Restaurants aus gesundheitlichen Gründen ab. Die Suche nach einer Nachfolge gestaltete sich nicht einfach. «Das ist vielerorts so, wo Kunst und Kultur nebeneinander existieren und man nicht einfach ein Restaurant führen kann», sagt Antonietti. Die Suche war erfolgreich. Seit 2024 führen Karin Rickli und Markus Spring das Restaurant in einer rechtlich vom Chrämerhuus unabhängigen Organisation.
Bei Jung und Alt beliebt
50 Jahre Chrämerhuus, das bedeutete, einige Klippen zu überwinden. Auch finanzieller Art. «In der Anfangszeit konnte ein schlechtes Wuhrplatzfest zu einem Problem werden», sagt Antonietti. «Ich erinnere mich auch, dass 1997 ein ganz schwieriges Jahr war, in dem wir nach Golden Members gesucht haben, die Geld gegeben haben.» Und auch die Corona-Pandemie führte beim Restaurant zu Problemen. «Eine Pandemiewelle hätten wir noch problemlos überstanden, die zweite aber führte zu Schwierigkeiten.» So dass letztlich im letzten Sommer die «alte», nach der Übernahme durch Karin Rickli und Markus Spring inaktive Restaurant Chrämerhuus Langenthal GmbH, Konkurs anmelden musste. Ein Coronakredit hatte nicht zurückgezahlt werden können. Alle Klippen konnten überwunden werden, in seinem 50. Jahr des Bestehens ist das Chrämerhuus in Langenthal nach wie vor sehr beliebt. «Verschiedene Generationen verkehren bei uns», sagt Antonietti, die einstige Wirtin, die zuvor auch Vorstandsmitglied und Co-Präsidentin gewesen war. Menschen in reiferem Alter, die bereits die Anfangszeit der Institution miterlebt haben. Aber auch Junge, denen das alte Haus ans Herz gewachsen ist.
Von Reto Pfister