• Peter Schwab war 22 Jahre lang Pfarrer in der Kirchgemeinde Trachselwald. Nun wagt er einen Neuanfang in der Gemeinde Sent in Graubünden. · Bild: Marcel Bieri

  • Das Pfarrhaus in Trachselwald wurde dem Ehepaar Schwab zu gross. Sie tauschen es nun gegen ein kleineres im bündnerischen Sent ein. · Bilder: zvg

22.05.2026
Emmental

A revair, Emmental – bun di, Sent

Fast 26 Jahre lang war Peter Schwab Pfarrer im Emmental, die letzten 22 Jahre in Trachselwald. Jetzt brechen er und

seine Frau Pia Schwab die Zelte ab und ziehen ins bündnerische Sent. An Pfingsten hält der weitherum beliebte Pfarrer seine Abschiedspredigt in der Kirche Trachselwald.

Trachselwald · «Vor einem Jahr hätte ich noch gesagt: ‹Wir werden hier pensioniert›», erzählt Peter Schwab im Gespräch mit dem «Unter-Emmentaler». Doch dann kam der folgenschwere Autounfall, der noch viel schlimmer hätte ausgehen können. Ein übermüdeter Autofahrer geriet in Ramsei auf seine Fahrspur. Er konnte die Frontalkollision nicht mehr verhindern, kam aber durch viel Bewahrung mit Knochenbrüchen und Prellungen davon. Mehr denn je fragte sich das Ehepaar Schwab in der Folge: Wie sieht unsere Zukunft aus? Was haben wir für Möglichkeiten? Für beide war klar, dass sie eine Perspektive brauchten. Das grosse Pfarrhaus in Trachselwald, viel Umschwung und zwei Pfarrstellen mit insgesamt 100 Stellenprozenten (76 Prozent als Pfarrer in Trachselwald, 24 Prozent als Heimpfarrer im Alterszentrum Sumiswald) begannen an den Kräften von Peter Schwab zu zehren. Der Unfall, den er nicht verschuldet hatte, führte ihm dennoch vor Augen, was bei Übermüdung geschehen kann. Seit Längerem hatte das Ehepaar verschiedene kleine Häuser im Emmental angeschaut. Nun wollten sie sich im Unterengadin erholen, denn die geplanten Ferien im Ausland fielen wegen der Unfallfolgen ins Wasser.

Ein bisschen zuhause 
Einmal mehr reisten sie ins bündnerische Sent, ihre Lieblings-Feriendestination seit zehn Jahren. Hier sind die Schwabs demnach keine Unbekannten. Sie wussten auch, dass dort das reformierte Pfarramt seit sechs Jahren nicht permanent besetzt werden konnte – eine unbefriedigende Situation für die Kirchgemeinde in Sent. Wäre das etwas? Sie fragten nach, und schon allein ihre Frage war eine Freude für die dort Zuständigen. Der erste Blick fiel auf ein riesiges Haus in der Nähe der Kirche. «Kommt nicht in Frage», war Peter Schwabs erster Gedanke. Aber nein, die Vorstellungsrunde führte in ein kleines rosa Häuschen zuvorderst auf einer Felskuppe, unmittelbar unterhalb der Kirche, mit einem Gärtchen so klein wie ihre jetzige Wohnküche und einem gemütlichen Sitzplatz vor dem Erdgeschoss. Der Blick führte weit ins Tal hinunter. Gegenüber reihte sich die traumhafte Bergwelt. Und sie mochten die Menschen hier in Sent, fühlten sich schon ein bisschen zuhause. Inzwischen ist mancher Liter Wasser durch das Engadin und auch durch das Emmental hinuntergeflossen. Für die Schwabs sind sich die beiden Täler nähergekommen. Mit allen Konsequenzen haben sie sich entschlossen, dem Emmental den Rücken zu kehren und sich auf eine letzte Berufszeit weit weg im Unterengadin vorzubereiten. «Es ist uns bewusst, dass wir viel zurücklassen», sagt Peter Schwab. So viel, wie er in gut einer Stunde nie hätte erzählen können. 

Ein einstiger Seeländer
In Ins ist er aufgewachsen. Er wollte den Beruf als Lehrer einschlagen und die Seminarzeit in Hofwil (Münchenbuchsee) absolvieren. Seinem Wunsch wurde nicht entsprochen, denn wegen der direkten Verkehrsverbindungen musste er das Seminar in Biel besuchen. Zum Glück – denn hier lernte er seine Frau Pia kennen, die dort das Kindergartenseminar absolvierte. Die Stellensuche war damals für junge Lehrkräfte schwierig; es herrschte überall ein Überfluss, obwohl die Ausbildung vor noch nicht allzu langer Zeit von vier auf fünf Jahre verlängert worden war. Als Erste fand Pia eine Stelle im Emmental. Peter Schwab erhielt nach einer Absage gleichzeitig eine wertvolle Empfehlung und eine gute Referenz. In Eggiwil trat das Paar dann seine ersten Stellen an, sie als Kindergärtnerin, er als Oberstufenlehrer der 5. bis 9. Klasse. Ohne noch die Matura abschliessen zu müssen, trat er bald einmal sein Theologiestudium an. Für das die beiden war klar, dass sie auch weiterhin im ländlichen Gebiet bleiben wollten. «Mir schwebte eine kleine Landkirchgemeinde vor», erzählt Peter Schwab. Vier Jahre lang lebten und wirkten sie in Sumiswald. Dann trat Peter Schwab die Nachfolge von Christoph Vischer in Trachselwald an, der in eine neue Pfarrstelle wechselte. «Für mich ging ein grosser Wunsch in Erfüllung.» Beide schufen sich hier einen Wirkungskreis, der sie forderte, sie aber auch erfüllte. Die drei Söhne wuchsen in herrlicher Umgebung auf. Längst sind sie flügge, Peter und Pia Schwab Grosseltern von zwei Enkeln. 

Ein Herz für alle Generationen
Peter Schwab war nicht «nur» Pfarrer; er lebte seine Tätigkeit auf allen Ebenen, war für alle Generationen eine Ansprechperson. «Fiire mit de Chlyne» erwähnte er im Gespräch besonders. Zuerst mit einigen Helfenden, dann, als deren Kinder gross waren und sie sich zurückzogen, alleine. Er gestaltete, dekorierte mit viel Fantasie, sang, las Geschichten – «oft hatten auch die Erwachsenen Freude an unserer ‹Fiir›», schmunzelte er. Kirchliche Anlässe, «fätzige» Konfirmationslager, KUW-Unterricht («es war sooo schön, die Kinder ab der dritten Klasse begleiten zu dürfen»), Hausbesuche, Senioren-Ausflüge, Senioren-Ferien … und wo immer er eine Hand benötigte, stand ihm seine Frau Pia zur Seite. Auch beim Kirchgemeinderat und bei den Mitarbeitenden der Kirchgemeinde durfte er immer auf grosse Unterstützung zählen. Mit viel Herzblut war er zudem Heimpfarrer im Alterszentrum Sumiswald. Schnell gewann er die Zuneigung der Bewohnenden, begleitete diese in schwierigen Situationen, trocknete manche Träne, fand Zugang auch zu scheinbar verschlossenen Herzen. Hielt er dort Gottesdienst, war der Saal jeweils gestossen voll. Die Türen zum Korridor wurden geöffnet, und soweit ein Blick in den Saal hinein möglich war, standen auch hier noch Rollstühle und Sessel für die Predigtbesucher. Im Alterszentrum war mancher Seufzer hörbar, als die Pläne des Ehepaars Schwab bekannt wurden. 

Glauben und sprechen in einer weichen Sprache
Und jetzt? Nicht nur von vielen Menschen, von herausfordernden und gleichzeitig erfüllenden Aufgaben, sondern auch von vielen Gegenständen haben sich Peter und Pia Schwab getrennt. Sie freuen sich auf ihr neues, viel kleineres Heim auf über 1400 Metern Höhe. Sie wenden sich getrost neuen Aufgaben zu, wollen die neuen Herausforderungen annehmen. Und sie gewinnen Zeit. Denn wenn sie ihre Wohnsituation im Emmental ändern wollten, hätten sie schon sehr bald ernsthaft damit beginnen müssen. Nun haben sie ihr Hab und Gut dem Bedarf nach der Pensionierung bereits angepasst. Sie können in Ruhe ihren Lebensabend überdenken und planen. Das heisst, fast in Ruhe. Pia Schwab konnte ihre TCM-Praxis im Emmental an ihren Nachfolger übergeben, möchte ihre Fähigkeiten aber ebenso im Engadin einsetzen. Und Peter Schwab hat nicht nur Gegenstände reduziert, sondern auch neue angeschafft – wenige nur, dafür «dicke». Auf dem Küchentisch im Pfarrhaus Trachselwald liegen zwei Romanisch-Wörterbücher. Er schmunzelt. «Keine einfache Sache, das Rätoromanisch», stellt er fest. Rätoromanisch hat fünf verschiedene Idiome – Sursilvan, Sutsilvan, Surmiran, Puter und Vallader. Die überregionale Schriftsprache ist Rumantsch Grischun. Als neuer Pfarrer in Sent wird von ihm erwartet, dass er Romanisch in seine Predigten einfliessen lässt, dereinst sogar Predigten in romanischer Sprache halten wird. Dazu stellt ihm die Kirchgemeinde Sent auch Romanisch-Unterricht zur Verfügung. Peter Schwab freut sich: «Ich hatte immer gerne Sprachen.» Das Wichtigste: «Romanisch ist eine wunderbare, schöne, weiche Sprache.» Er führt es gleich vor, buchstabiert das Wort «LIEBE» mit seinen «harten» Buchstaben und lässt melodisch das weiche «AMUR» erklingen. «Ein zweisprachiger Pfarrkollege hat mir erzählt, dass er in der romanischen Sprache anders glaubt als auf Deutsch.» In welcher Sprache auch immer – Peter Schwab wird sich über die Auflage der Kirchgemeinde Sent, ein Jahr lang als «Provisor» (provisorisch gewählt) zu dienen, keine Sorgen machen müssen. Mit Herzblut wird er auch im Bergdorf seine Aufgaben annehmen und angehen. A revair, Emmental – bun di, Sent.

Von Liselotte Jost-Zürcher