• «Ich möchte die Chance, Berner Regierungsrat zu werden, nutzen. Dieses Amt hat mich schon immer gereizt, das streite ich nicht ab und dazu stehe ich.» · Bild: Thomas Peter

28.03.2025
Huttwil

Adrian Wüthrich: «Die Chance, Regierungsrat zu werden, bekommt man nicht alle Tage.»

Nach etwas mehr als zwei Monaten im Amt kündigte der neue Huttwiler SP-Gemeindepräsident Adrian Wüthrich seine Kandidatur für den Regierungsrat an. Er würde bei einer Wahl in die Berner Regierung im Frühjahr 2026 nach knapp anderthalb Jahren sein Amt als Gemeindepräsident von Huttwil wieder abgeben. Das hat im «Städtli» zu reden gegeben. Im Monats-Interview mit dem «Unter-Emmentaler» nimmt der 45-jährige Adrian Wüth­rich Stellung zu seiner Regierungsrats-Kan­didatur und zieht zugleich eine erste Bilanz nach knapp 100 Tagen als Huttwiler Gemeindepräsident.

Walter Ryser im Gespräch mit Adrian Wüth-rich, Gemeindepräsident von Huttwil

Adrian Wüthrich, Sie sind noch keine 100 Tage als Gemeindepräsident von Huttwil im Amt und kündigen bereits Ihren Abgang auf Frühjahr 2026 an, weil Sie Berner Regierungsrat werden wollen (der «Unter-Emmentaler» berichtete). Das kommt bei vielen Huttwilerinnen und Huttwilern gar nicht gut an. 
Im Leben läuft nicht immer alles nach Plan oder so, wie man sich dies vorgestellt hat. Manchmal gehen überraschend Türen auf oder bieten sich einmalige Chancen, wie beispielsweise Berner Regierungsrat zu werden. Eine solche Chance bekommt man nicht alle Tage. Lassen Sie mich aber eines klar festhalten: Alle aktuellen Ämter und Aufgaben, die ich versehe, erfülle ich sehr gerne. Aber ich möchte die Chance, Berner Regierungsrat zu werden, nutzen. Dieses Amt hat mich schon immer gereizt, das streite ich nicht ab und dazu stehe ich.

Hand aufs Herz: Ihre Antwort ist durchaus logisch und verständlich, aber Sie blenden dabei die emotionale Seite dieser Ankündigung komplett aus. Sie haben im Wahlkampf ganz klar mit dem Argument geworben, dass mit Ihnen mehr Kontinuität gewährleistet sei als mit ihrem Konkurrenten um das Gemeindepräsidium, Marcel Sommer, der das Amt nur noch maximal vier Jahre hätte ausüben können. Sie dagegen betonten, Sie könnten länger Gemeindepräsident sein. Können Sie nachvollziehen, dass sich die Huttwilerinnen und Huttwiler momentan etwas – verzeihen Sie – «verarscht» vorkommen … 
Meine Argumentation ist immer noch richtig, weil sich die Situation damals anders als heute präsentierte. Ich habe mir zu diesem Zeitpunkt keinerlei Gedanken über eine mögliche Kandidatur als Berner Regierungsrat gemacht. Ich bin mir durchaus bewusst, dass meine Kandidatur zu Diskussionen Anlass geben kann. Deshalb habe ich auch ein gewisses Verständnis dafür, dass nicht alle Leute mein Vorgehen verstehen und akzeptieren. Ich bin im Herbst 2024 nicht mit 100 Prozent der Stimmen zum neuen Gemeindepräsidenten von Huttwil gewählt worden. Einige, die damals ihre Stimme meinem Mitbewerber Marcel Sommer gegeben haben, sehen sich jetzt vielleicht in ihrer Haltung bestätigt. Andere finden es gut, dass ich mit meiner Kandidatur auch Huttwil bekannter mache. Insofern profitieren unsere Gemeinde und unsere Region von meiner Kandidatur. Sollte ich gar gewählt werden, würde Huttwil nach 119 Jahren zum zweiten Mal in seiner Geschichte einen Regierungsrat stellen.

Ich gehe jetzt sogar noch einen Schritt weiter und unterstelle Ihnen Kalkül: Sie haben bereits letzten Herbst mit dem Amt als neuer Regierungsrat geliebäugelt und dabei miteinbezogen, dass eine Kandidatur von Ihnen grössere Chancen hat, wenn Sie Huttwiler Gemeindepräsident sind, weil beispielsweise einer Ihrer Mitkonkurrenten um dieses Amt Reto Müller ist, der immerhin SP-Grossrat und Stadtpräsident von Langenthal ist. Das Gemeindepräsidium von Huttwil war deshalb in erster Linie eine «Herzensangelegenheit» Richtung Regierungsrat.
Von Kalkül kann keine Rede sein, denn im letzten Herbst war der Rücktritt von SP-Regierungsrat Christoph Ammann kein Thema. Nicht einmal in unserer Partei waren wir über sein Vorhaben im Bilde. Deshalb habe ich mich zum Zeitpunkt meiner Wahl zum Gemeindepräsidenten von Huttwil auch nicht mit einer möglichen Kandidatur als Regierungsrat auseinandergesetzt. So weit gingen meine Gedankenspiele wirklich nicht. Im Gegenteil, ich habe mich aus Überzeugung zur Wahl als Huttwiler Gemeindepräsident zur Verfügung gestellt und ich versehe dieses Amt entsprechend mit viel Engagement und Herzblut.

Natürlich, die Chance, Regierungsrat zu werden, ergibt sich nicht jeden Tag. Dennoch, mit Ihrem Vorgehen riskieren Sie einen persönlichen Imageschaden in Huttwil, der das «Regieren» im Städtli enorm schwierig machen könnte, wenn Sie in einem Jahr die Wahl zum Regierungsrat nicht schaffen sollten …
Ich hoffe doch sehr, dass ich in erster Linie daran gemessen werde, welche Leistung ich als Gemeindepräsident für Huttwil erbringe. Deshalb glaube ich auch nicht, dass meine Kandidatur zu einem Imageschaden für meine Person führen wird. Im Gegenteil, für Huttwil ist es doch positiv, dass der Gemeindepräsident sogar für das Regierungsratsamt im Gespräch ist. Ich werde mich weiterhin mit vollem Engagement für unsere Gemeinde einsetzen, dass ich es dabei nicht immer allen recht machen kann, versteht sich von selbst.

Blicken wir doch bereits ein wenig voraus auf die Regierungsratswahlen 2026. Ihre Kandidatur ist ein mutiger Schritt, vor allem als Mitglied einer Partei, bei der aktuell alle Personen, die nicht weiblich sind, für die Partei kaum wählbar sind. Sie haben das falsche Geschlecht oder die falsche Partei für dieses Amt …
Nein, überhaupt nicht. Die SP verfügt über viele Männer, die einen hervorragenden politischen Rucksack mit sich tragen. Dazu zähle ich auch mich, verfüge ich doch über reichlich Erfahrung in diversen Ämtern und Chargen. Mit meiner Kandidatur möchte ich auch zeigen, dass die SP über Männer verfügt, die sehr aktiv sind und gute politische Arbeit verrichten und damit valable Kandidaten für ein Regierungsamt sind. Es ist wichtig, dass unsere Partei bei Wahlen ein breites Spektrum von Personen beider Geschlechter präsentieren kann. Die SP-Männer stehen auch ein für die Gleichstellung, die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie für einen sozialen Kanton Bern. 

Wir haben es bereits angetönt: Sie werden nicht der einzige Kandidat aus Ihrer Partei sein, der sich für dieses Amt zur Verfügung stellen wird. Welche Chancen rechnen Sie sich aus?
Wenn ich das Anforderungsprofil unserer Partei für die Wahl zum Regierungsrat sehe, dann darf ich für mich in Anspruch nehmen, dass ich dieses erfülle. Ich verfüge über entsprechende politische Erfahrung in verschiedenen Ämtern, nicht zuletzt als Alt-Nationalrat, aber auch aktuell als Präsident des Gewerkschaftsdachverbandes Travail.Suisse. Ich biete meiner Partei also einen breiten Leistungsausweis an. Ich hoffe jedoch, dass sich noch weitere Personen aus unserer Partei zur Wahl in den Regierungsrat zur Verfügung stellen werden, damit eine echte Auswahl vorhanden ist. Dabei soll man sehen, dass die SP im Kanton Bern über genügend fähige Leute verfügt.

Sollten Sie als Berner SP-Regierungsrat gewählt werden, wo würde Ihr persönlicher, politischer Fokus liegen, was möchten Sie im Kanton Bern verändern, entwickeln oder korrigieren?
In erster Linie möchte ich die Stärken unseres Kantons besser sichtbar machen und zu einem positiven Bild unseres Kantons beitragen. In unserem Kanton läuft sehr vieles gut, das geht in der allgemeinen Diskussion über den Kanton Bern immer etwas vergessen. Im Gegensatz zu vielen anderen Kantonen verfügen wir beispielsweise nach wie vor über viele Industrie-
Unternehmen mit entsprechenden Arbeitsplätzen. Unsere Arbeitslosigkeit ist tiefer als in anderen Kantonen. Wir müssen uns also nicht verstecken. Natürlich möchte ich als Regierungsrat auch mithelfen, den Kanton Bern weiterzuentwickeln, beispielsweise im Bereich der Familienpolitik. Es ist eine Tatsache, dass wir mit wenigen Millionen Franken die Familien-Armut im Kanton eliminieren könnten und diesen Kindern eine bessere Startchance im Leben ermöglichen könnten. Ich sehe in jeder Direktion interessante Themen, bei denen ich mich mit Ideen einbringen kann, wie man unseren Kanton weiterentwickeln könnte.

Wechseln wir zur Gemeindepolitik und blicken wir noch auf Ihre aktuellen Tätigkeiten: Sie sind knapp 100 Tage als Gemeindepräsident von Huttwil im Amt. Wie fällt Ihre erste Bilanz aus?
Ich bin ein zufriedener Gemeindepräsident, der sehr gut angekommen ist in seinem neuen Amt. Ich habe mir rasch einen Überblick verschafft, die Arbeit im Gemeinderat ist produktiv und ich spüre eine gute Verwaltung im Rücken.

Welche Themen beschäftigen den Huttwiler Gemeinderat aktuell? 
Mit dem Gemeinderat haben wir bereits die Legislatur-Ziele erarbeitet, die wir demnächst noch im Detail vorstellen werden. Ich kann hier vorwegnehmen, dass wir ein Augenmerk auf die Jugend legen wollen, aber zugleich auch ein attraktiver Wohnort für die Ü65-Generation sein wollen. Die Steuerbelastung soll sich in naher Zukunft nicht höher als im kantonalen Mittel bewegen. Diesbezüglich durfte ich bereits wenige Tage nach meiner Amtsübernahme mit grosser Freude von einem sehr erfreulichen Jahresergebnis 2024 Kenntnis nehmen. Grossen Wert legen wir auch darauf, die Wertschöpfung in unserer Gemeinde zu fördern und zu entwickeln, nach dem Motto: Huttwilerinnen und Huttwiler kaufen und konsumieren in Huttwil. Dazu ein kleines Beispiel: In der Schweiz gibt es noch rund 1200 Bäckereien. Alleine in Huttwil gibt es noch deren drei. Zu ihnen müssen wir Sorge tragen und hier einkaufen. Natürlich suche ich auch das Gespräch mit verschiedenen Personen in der Gemeinde, um ihre Anliegen aufzunehmen und gleichzeitig die Sichtweise der Gemeinde darlegen zu können. So hatte ich bereits Kontakt mit den Verantwortlichen von Flyer und Biketec, um ihre Zukunftspläne zu kennen. Flyer bleibt in Huttwil, Biketec hat weiterhin rund 70 Arbeitsplätze bei uns. Ich durfte zudem die Biofarm mit 40 Arbeitsplätzen in Huttwil begrüssen. Dazu war ich bereits an einigen Versammlungen, auch beim Gewerbeverein. Diese Kontakte sind mir wichtig. Ich will auch offen und transparent kommunizieren. So wird neu nach jeder Gemeinderatssitzung einen Kurzinformation über die Entscheide des Gemeinderates auf der Webseite der Gemeinde veröffentlicht.

Wie fühlt sich das «Regieren» als SP-Gemeindepräsident in einem bürgerlich dominierten Gemeinderat an?
Der gesamte Gemeinderat macht Politik für Huttwil. Diese Haltung steht im Mittelpunkt unserer Tätigkeit, die Parteipolitik spielt dabei eine sehr untergeordnete Rolle. Natürlich haben die verschiedenen Gemeinderatsmitglieder unterschiedliche Weltanschauungen, doch alle wollen in erster Linie das Beste für Huttwil. Das war schon früher, als ich erstmals im Gemeinderat vertreten war, genau gleich. Wir haben eine konstruktive und angenehme Gesprächs- und Diskussionskultur, das freut mich.

Sie zeigen sich gerne volksnah, sind bei den Eishockeyspielen von Hockey Huttwil oder der Fasnacht anwesend. Welche Erfahrungen machen Sie hier, kommen die Huttwilerinnen und Huttwiler mit «Klagen» auf Sie zu?
Ja, das gibt es durchaus, dass Huttwilerinnen und Huttwiler mit Anliegen oder Ideen auf mich zukommen. Dafür ist ein Gemeindepräsident ja da. Aus diesem Grunde wollen Vizegemeindepräsident Peter Nyffeler und ich keine Sprechstunde mehr im Stadthaus, sondern einen Sprechstunden-Stammtisch in den Huttwiler Wirts-häusern einführen, wo die Bürgerinnen und Bürger in einer lockeren Atmosphäre uns ihre Anliegen mit--
t-eilen können. 

Wechseln wir nochmals die Polit-Bühne und blicken auf das nationale und internationale Geschehen: Als Präsident des Gewerkschaftsdachverbandes Travail.Suisse beschäftigen Sie sich momentan auch mit dem neuen Rahmenvertrag, den die Schweiz mit der EU ausgehandelt hat. Wie beurteilen Sie die Situation hier? 
Ich stelle mit einer gewissen Erleichterung fest, dass der Bundesrat im zweiten Anlauf ein deutlich besseres Ergebnis erzielt hat. Das vorliegende Abkommen ist in unseren Augen klar besser als sein Vorgänger. Wir haben die gewünschten Ausgleichsmassnahmen beim Lohnschutz nach über 70 Sitzungen mit Arbeitgeberverbänden, Kantonen und dem Bund realisieren können. Mit den Bilateralen III – oder mit dem Stabilisierungsabkommen – ist gewährleistet, dass die Schweiz ihre Souveränität behalten kann, weil stets die Möglichkeit besteht, das Referendum zu ergreifen.

Es scheint dennoch, als würden Sie hier «Sisyphus»-Arbeit verrichten, denn der vorliegende Rahmenvertrag wird sowohl im Parlament wie auch bei der Bevölkerung einen schweren Stand haben.
Bei diesem Dossier gibt es eine intensive politische Diskussion, es geht um die Zukunft der Schweiz. Das ist gut und angesichts der aktuellen internationalen Lage ist ein gutes Verhältnis zu unseren Nachbarn wichtig. Eine jüngste Umfrage hat gezeigt, dass sich 64 Prozent der befragten Schweizerinnen und Schweizer für stabile und gute Beziehungen mit der EU aussprechen. Das ist meiner Meinung nach eine gute Ausgangslage für die Bilateralen III. Angesichts des Arbeitskräftemangels sind wir auch in Zukunft auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen. Für unsere Zukunft tun wir deshalb gut daran, mit Europa weiterhin ein gutes Verhältnis zu pflegen. Mit dem Lohnschutzpaket haben wir jetzt die flankierenden Massnahmen sichern und modernisieren können, um die Löhne weiterhin zu schützen.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Wie gehen Sie im Zusammenhang mit den jüngsten Ereignissen um Ihre Regierungsrats-Kandidatur mit dem Rummel um Ihre Person, den kritischen Äusserungen und den journalistischen Angriffen um, was macht das mit Ihnen?
Ich bin schon lange in diversen Funktionen und Ämtern tätig und kann deshalb rational vieles verstehen, was abläuft. Deshalb kann ich auch gut nachvollziehen, dass es bei verschiedenen Themen auch immer unterschiedliche Sichtweisen gibt, Kritik gegenüber meiner Person oder meiner Arbeit geben kann. Das habe ich gerade jetzt in meiner Funktion als Präsident von Travail.Suisse im Zusammenhang mit dem neuen EU-Abkommen mehrfach erlebt. Kritik oder persönliche Angriffe sind für mich deshalb eher ein Anreiz oder Antrieb, um mich zu verbessern und in meiner Arbeit noch besser zu werden. Hilfreich ist dabei auch meine Familie, die mir den nötigen Rückhalt gibt. Den Gemeindepräsidenten als Ehemann oder als Vater zu haben, ist nicht einfach. Für die Unterstützung meiner Frau und meiner zwei Söhne bin ich deshalb dankbar.

Adrian Wüthrich
Geboren: 7. Mai 1980
Aufgewachsen: Walterswil
Wohnort: Huttwil
Zivilstand: verheiratet mit Sandra, zwei Söhne (Lino, 11, und Jero, 14)
Beruflicher Werdegang: Masterstudium in Public Management und Politik, zeitgleich parlamentarischer Assistent von Ernst Leuenberger (SP). Danach beim Eisenbahnerverband SEV und bei der SRG als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Seit 2015 Präsident von Travail.Suisse. Ausserdem seit 2020 Ratspräsident der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbil-dung. Politisch zuletzt als Nationalrat, davor als Grossrat (SP) aktiv. Seit dem 1. Januar 2025 Gemeindepräsident von Huttwil.
Motto: Positiv denken