«Huttwil steht vor diversen Herausforderungen, die eine längerfristige Planung benötigen.»
Adrian Wüthrich: «Ich finde, dass ich für eine politische Pensionierung noch zu jung bin»
Adrian Wüthrich ist vorletztes Wochenende zum ersten SP-Gemeindepräsident von Huttwil gewählt worden. Im Monatsinterview mit dem Unter-Emmentaler spricht er darüber, dass die Gemeindeversammlung im vergangenen Sommer viel mit seiner Kandidatur zu tun hatte und dass er zugleich auch auf nationaler Ebene weiterhin auf eine Fortführung seiner Polit-Karriere hofft. Lokal sieht der SP-Vertreter derweil viele Herausforderungen auf sich zukommen. Dass er als Gemeindepräsident in der Verantwortung steht und zugleich als Ansprechperson für über 5000 Huttwilerinnen und Huttwiler gilt, führt dazu, dass er vor seinem neuen Amt grossen Respekt hat. Er verspricht, dass er «mit all meinen Kenntnissen, Ausbildungen und Erfahrungen versuchen werde, das Beste für Huttwil zu geben.»
Adrian Wüthrich, künftiger Gemeindepräsident von Huttwil, im Gespräch mit Leroy Ryser.
Adrian Wüthrich, wie fühlt es sich, Huttwils erster SP-Gemeindepräsident zu sein?
Das ist eine grosse Ehre und keine Selbstverständlichkeit. Ich war bereits bei der Gemeinderatswahl überrascht vom positiven Ergebnis und habe mich sehr gefreut. Letztlich ist die SP in Huttwil nicht die stärkste Partei und dennoch konnte ich das beste Ergebnis aller Kandidaten erzielen. Tatsächlich wurde es mir erst in den letzten Tagen richtig bewusst, dass ich bald Gemeindepräsident bin, weil ich mittlerweile öfter auf den Wahlerfolg angesprochen werde. Aber ich finde das wirklich eine grosse Ehre, danke für das Vertrauen und freue mich sehr darüber.
Was war entscheidend, dass Sie die Wahl gewinnen konnten?
Ich denke, die Wähler haben gesehen, dass wir zwei fähige Kandidaten für diesen Posten hatten. Was für mich gesprochen haben könnte, ist, dass ich ausbildungstechnisch und beruflich für diesen Job beste Voraussetzungen habe (siehe Kasten). Sicherlich haben auch meine bisherigen, politischen Mandate geholfen, weil ich einen entsprechend grossen Rucksack für dieses Amt bereits mitbringe. Und letztlich glaube ich, dass es ein Vorteil war, dass ich politisch gesehen nicht links-aussen, sondern eher auf der rechten Seite der SP einzustufen bin. So stufte mich die NZZ damals als «der am rechteste Nationalrat der SP» ein, so habe ich auch die Offiziersausbildung bestritten, war Kompaniekommandant der Schweizer Armee und ich denke, dass all diese Teile den Wählern in Huttwil zugesagt haben.
Und vielleicht war es ein Vorteil, dass Sie für eine längere Dauer zur Verfügung stehen würden als Marcel Sommer?
Ja, die längerfristige Perspektive könnte ebenfalls geholfen haben. Huttwil steht vor diversen Herausforderungen, die eine längerfristige Planung benötigen. Und vielleicht war es auch so, dass sich viele Huttwiler eine Veränderung wünschten und sich etwas frischen Wind erhoffen.
Was waren ihre ersten Gedanken, als Sie wussten, dass es gereicht hat?
Ich habe Respekt vor diesem Amt. Ich weiss, dass ich künftig als Ansprechperson für über 5000 Menschen diene. Ich war immer und werde auch weiterhin zugänglich für die Bedürfnisse von allen Huttwilern sein und weiss, dass das auch Aufwand mit sich bringt. Das ist ein öffentliches Amt und meine Aufgabe wird nicht hinter verschlossenen Türen, quasi verborgen vor der Öffentlichkeit erfüllt. Und deshalb will ich gegenüber dieser Wahl, der mir übertragenen Verantwortung demütig sein. Und zuletzt, und das ist klar, habe ich mich natürlich auch sehr gefreut über die Wahl selbst. Denn wie erwähnt: Ich erachte dies nicht als Selbstverständlichkeit. Und ich verspreche, dass ich mit all meinen Kenntnissen, Ausbildungen und Erfahrungen versuchen werde, das Beste für Huttwil zu geben.
Und wenn wir das Wahlresultat anschauen, mit insgesamt über 54 Prozent der Stimmen, bietet auch dies Raum zur Freude.
Das ist so. Es haben 983 Personen gedacht: Diesen Mann möchte ich wählen, ihm traue ich das zu. Ich habe noch nie so viele Stimmen in Huttwil erhalten und das freut mich natürlich sehr.
Sie waren einst im Nationalrat. Erlauben Sie mir die etwas provokante Frage: Von der landesweiten Bühne zurück in die Regionalpolitik scheint ein Rückschritt zu sein. Wieso haben Sie sich überhaupt wählen lassen?
Nun, einerseits finde ich, dass ich für eine politische Pensionierung noch zu jung bin und deshalb weiter politisch aktiv sein will. Andererseits hat die Abstimmung im Campus einiges dazu beigetragen. Ich war beeindruckt, dass 20 Prozent der Stimmbürger wegen diesem Thema an der Gemeindeversammlung teilgenommen haben und sich letztlich auch grossmehrheitlich dazu entschlossen haben, den Beitrag für die Eishalle zu erhöhen, um das Eis im Campus zu erhalten. Für mich ist klar, dass wir den Campus mit Eis brauchen, um attraktiv zu bleiben. Das ist Standortmarketing pur, denn letztlich kennt man Huttwil auch wegen dem örtlichen Eishockeyteam. Die Mannschaft lockt wöchentlich mehrere hundert Zuschauer nach Huttwil und das ist beste Werbung für uns. Die ganze Situation hat mich angespornt, mich wieder in Huttwil zu engagieren.
Apropos Attraktivität: Huttwil macht schwierige Zeiten durch. Mit der Afag, der Strickwarenfabrik Frilo sind in den letzten Jahren zwei namhafte Firmen aus Huttwil weggezogen, die Heilpädagogische Schule verlegte ihren Standort definitiv nach Langenthal. Zuletzt kam auch noch die Schliessung der Produktion der Flyer AG hinzu sowie der drohende Konkurs des Traditionsgeschäfts Schär Uhren + Schmuck. Was muss sich ändern, damit Huttwil nicht zu Schlafgemeinde wird?
Ich gebe zu, solche Geschehnisse machen einem auch ein bisschen Angst. Ich persönlich bedaure das sehr, finde aber auch, dass wir umso mehr, auch das Gute sehen sollten. Wir haben tolle Firmen hier, die sich hervorragend entwickelt haben. Und hier gebe ich meinem Konkurrenten Marcel Sommer recht: Huttwil kann schon viel. Und während uns als Gemeinde in gewissen Fällen die Hände gebunden sind, weil wir wirtschaftliche Konkurse von Firmen nicht selbst abwenden können, freut es mich umso mehr, dass wir dort, wo wir etwas tun konnten, die Möglichkeit ergriffen haben. Das Eis-Thema hatten wir als Bürger selbst in den Fingern. Und wir haben uns dazu entschlossen, etwas für unseren Standort zu tun. Und letztlich bin ich auch ein Optimist: So sehr mich das schmerzt, bin ich auch der Überzeugung, dass sich neue Türen öffnen, wenn sich andere schliessen.
Mit dem Schaffen von attraktiven Rahmenbedingungen kann man jedoch trotzdem Einfluss nehmen. Welche Lösungsansätze gibt es Ihrer Meinung nach?
Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden in der nächsten Legislatur sicherlich ein Thema sein. Es besteht kein Zweifel, dass die aktuelle Situation für Huttwil eine Herausforderung ist. Aber gerne betone ich erneut: Huttwil hat trotzdem weiterhin diverse attraktive, tolle Firmen. Letztlich gibt es den Spruch der Ökonomen dazu: Der Markt regelt solche Situationen. Und ich hoffe, dass der Markt dies für uns dann auch in die andere Richtung regeln wird. Es bieten sich neue Chancen, und wenn neue Chancen vorhanden sind, kann auch etwas tolles entstehen.
Welche Herausforderungen sehen Sie im Weiteren auf Huttwil zukommen?
Die Ortsplanung wird uns in den nächsten Jahren sicherlich stark beschäftigen. Hier geht es darum, wie wir Huttwil weiterentwickeln möchten. Wie das Huttwil der Zukunft aussehen soll, soll aber auch die Bevölkerung mitbestimmen dürfen. Denn letztlich gibt es viele Fragen zu klären. Beispielsweise, wie viel Bauland man neu einzonen möchte. Wir sind zuletzt stark gewachsen. Ich denke nicht, dass die Mehrheit der Bevölkerung denselben Kurs weitergehen möchte. Weitere Fragen stellen sich derweil auch in der Schulraumplanung. Auch dort werden wir zweifellos wichtige Diskussionen führen müssen und endlich Entscheide fällen, weil wir schon lange planen. Ausserdem liegt mir auch der öffentliche Verkehr am Herzen. Wir benötigen eine gute Anbindung nach Bern einerseits, andererseits ist es wichtig, unsere Industrie mit einem zureichenden ÖV-Angebot ans Zentrum und den Bahnhof zu erschliessen, sonst können wir kein Industrieland mehr anbieten. Auch stehen wir wegen einem bevorstehenden Wechsel beim Bürgerbus vor Herausforderungen. Insgesamt müssen wir versuchen dies möglichst mit den bestehenden Mittel zu erreichen. Die Finanzen sind ein Dauerthema.
Gibt es noch weitere Themen, die für Sie besonders wichtig sind?
Ich möchte ein «gemeinsames Huttwil». Ich möchte, dass sich alle Einwohner am Leben hier beteiligen und sich zu Hause fühlen. Huttwil soll nicht ein Ort sein, an dem man quasi nur schläft. Wir haben beispielsweise ein tolles Vereinsangebot. Und ich bin überzeugt, dass wir Zuzüger noch besser integrieren können und ein lebenswertes Huttwil für alle Personen gestalten können. Ausserdem ist es mir ein Bedürfnis, die Kommunikation der Gemeinde zu verbessern. Die Bewohner von Huttwil haben ein Anrecht auf zeitnahe und transparente Informationen aus dem Stadthaus.
Letztlich werden Sie als Gemeindepräsident nicht alleine entscheiden können, dafür ist oft dann auch der Gemeinderat zuständig. Dieser aber ist bürgerlich dominiert. Das könnte für einen SP-Gemeindepräsidenten zur Herausforderung werden…
Das ist richtig. Nur weil ein «SPler» jetzt Gemeindepräsident ist, wird sich in Huttwil nicht plötzlich alles komplett verändern. Die politische Zusammensetzung bleibt ja ähnlich und dem war ich mir auch bewusst. Und manchmal wird es Situationen geben, in denen ich mich ärgere, weil ich es gerne anders gehabt hätte. Das war schon beim letzten Mal so, als ich hier Gemeinderat war. Aber letztlich ändert sich nichts daran, dass ich meiner Funktion genauso gut gerecht werden kann. Die Haltung des Gesamtgemeinderates zu vertreten gehört zur Aufgabe dazu. Daran erinnere ich gerne alle, die sich mit mir einen Wandel wünschen.
Wir haben es bereits angesprochen: Sie waren einst Nationalrat und sind als Präsident von Travail.suisse sowie der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbildung (EHB) schweizweit tätig. Welche Pläne haben Sie für Ihre schweizweite Polit-Karriere?
Planen ist in diesem Bereich schwierig. Seit etwas mehr als einer Woche bin ich bei den Männern der bernischen SP erster Ersatzmann für den Nationalrat und wer weiss, wie sich dies entwickelt. Ich persönlich halte mich bereit.
Anders gesagt: Sie sind auch weiterhin motiviert, national politisch tätig zu sein?
Ohne Zweifel. Andere werden erst mit 50 Jahren in den Nationalrat gewählt. Kollege Ueli Schmezer rückt jetzt mit 63 Jahren in den Nationalrat nach. Ak-tuell denke ich, dass ein Grossrats-mandat für mich zeitlich nicht stemm-bar wäre. Das Nationalratsamt wäre möglich, weil ich dann als Präsident der EHB zurücktreten müsste. Die beiden Ämter sind gemäss Parlamentsgesetz unvereinbar. Dank Travail.Suisse bin ich über viele Themen besser informiert als die meisten Natio-nalratsmitglieder – ich denke hier unter anderem an die Bilateralen III, weil die Sozialpartnerpräsidenten sich regelmässig mit Bundesrat Cassis treffen.
Und trotzdem stellt sich die Frage, wie Sie alles unter einen Hut bringen wollen. Sie haben es nämlich selbst angesprochen: Sie haben Respekt vor dem Amt und dem damit verbundenen Aufwand.
Ich denke in einem ersten Moment wird es ein bisschen ein Jonglieren mit meinen Terminen sein. Da ich aber bei Travail.suisse und der EHB sehr flexibel bin und nicht an viele festgeschriebene Termine gebunden bin, bin ich zuversichtlich, dass ich meine Aufgaben aneinander vorbei organisieren kann..
Dann drängt sich folgende Frage auf: Was sagt denn die Familie zu Ihrem neuen Amt?
Selbstverständlich war meine Kandidatur mit der Familie abgesprochen. Aufgrund der Nicht-Wahl in den Nationalrat war klar, dass ich gewisse Zeitressourcen vorhanden habe. In den letzten Jahren konnte ich von meinen Aufgaben insofern profitieren, dass ich Zeit für die Familie hatte. Mittlerweile steht mein älterer Sohn als Achtklässler kurz vor dem Beginn einer Lehre, weshalb ich als Vater auch ein bisschen weniger präsent sein muss. Sicherlich ist es so, dass ich für dieses Amt einen gewissen Teil meiner Familienzeit aufgebe, wir waren uns aber einig, dass dies möglich ist. Zudem ist es aber auch so, dass nicht nur ich selbst in dieser Situation bin. Nehmen wir meinen Bruder als Beispiel: Er führt ein KMU. Auch für ihn ist es eine Herausforderung, die Familie und das Berufsleben unter einen Hut zu bringen. Ich bin wegen meiner Wahl zum Gemeindepräsident also nicht unbedingt in einer ungewöhnlichen Situation.
Sie haben vorhin gesagt, dass Huttwil mehr zu bieten hat, als nur einen Platz zum Schlafen. Wieso geniessen Sie es folglich, in Huttwil zu leben?
Wir als Familie geniessen unser Eigenheim. Die Art, wie wir in Huttwil leben dürfen, ist toll. Bei unserer finanziellen Situation wäre es uns beispielsweise nicht möglich, in Bern ein Haus zu bauen. Dass uns dies in Huttwil möglich war, geniessen wir. Wir haben das Naherholungsgebiet vor der Tür. Spaziergänge über den «Huttu-Berg» oder Besuche in die Badi oder im Campus geniesse ich persönlich immer wieder sehr. Und letzte Woche war natürlich unser Weihnachtsmarkt das Highlight.
Man könnte also sagen: Der neue Gemeindepräsident ist schon jetzt von Huttwils Attraktivität überzeugt.
Huttwil kann mehr, aber es ist schon so, Huttwil ist bereits sehr attraktiv.