Regula Thönen mit ihren Eseln (von links) Lisa, Professor Isidor und Meridiana: «Jeder Esel hat einen eigenen Charakter. Während Lisa immer dabei sein will, ist Professor Isidor eher abwartend, beobachtend, analysierend. Meridiana dagegen ist super geeignet für Leute, die gut zu Fuss sind und Action mögen.» · Bild: Gabriela Graber
Begegnung auf Eselart
Regula Thönen arbeitet seit über 25 Jahren mit Eseln. Während tiergestützte Angebote vielerorts boomen, setzt sie auf Qualität statt Masse. «Die Therapie mache ich. Das Tier hilft mir, den Zugang zu den Menschen zu bekommen.»
Häusernmoos · Wer in der «Emmentaler Eselei» in Häusernmoos ankommt, wird erst einmal mit mehreren langen «I-aahs» begrüsst. Ein Esel tritt näher, bleibt stehen, schaut – als würde er entscheiden, ob er überhaupt Kontakt will. «Stur» nennen das einige. Regula Thönen nennt es Intelligenz: «Esel machen nicht einfach alles mit, was man von ihnen verlangt. Die Tiere beobachten viel, denken, wägen ab und lernen schnell.» Dass Esel mehr sind als nur intelligent, erkannte sie eines Mittags im Jura vor 25 Jahren.
Ein entscheidendes Erlebnis im Jura
«Ich war mit meinen beiden damals noch jungen Eseln Florian und Tobias an einem Eseltreffen im Jura», erzählt Regula Thönen. «Über Mittag wusste ich nicht recht wohin mit ihnen – ins Restaurant konnte ich sie nicht mitnehmen, und in den Anhänger einsperren wollte ich sie auch nicht.» Also zäunte sie die beiden auf einem kleinen Platz vor dem Anhänger ein und ging essen. Als sie zurückkam, sah sie schon von weitem, dass sich um den eingezäunten Platz eine Gruppe gebildet hatte. «Da standen 30 bis 40 Menschen – mucksmäuschenstill.» Thönen drückte sich nach vorne. Zwischen den Eseln Florian und Tobias stand ein kleiner Junge, völlig gebannt. Hinter ihr bemerkte sie eine Frau, die weinte. «Ich wusste sofort: Das muss seine Mutter sein», sagt Thönen. Die Frau habe zu ihr gesagt, sie könne es kaum fassen: Ihr Sohn sei autistisch und ihr entwischt. Sie habe ihn bei den Eseln wieder gefunden. Und sie habe noch nie erlebt, dass er Nähe so zulasse.
Dieser Moment bestätigte Thönen, dass Esel eine besondere Gabe haben, dass sie einen Zugang schaffen können, der nur durch Worte oft unerreichbar scheint. Mit dem Bub und der Mutter blieb sie über Jahre hinweg in Kontakt – regelmässig besuchte er die Esel, öffnete sich ihnen gegenüber und nach und nach auch ihr als Therapeutin, sodass sie mit ihm in Interaktion treten konnte. «Die Mutter hat mir zurückgemeldet, dass sich der Bub nach den Eselbesuchen zuhause ruhiger verhielt und es viel weniger schwierige Situationen gab.»
Vom Pferd zum Esel
Ihre ersten Kontakte mit Huftieren und Therapie hatte die heute 60-Jährige bereits als Kind. Mit fünf Jahren sass sie zum ersten Mal auf einem Pferd – als Stütze für ein körperbehindertes Kind in der Reittherapie. Das «Pferdevirus» befiel sie. «Ich musste jeden Tag auf dem Pferd sein, sonst war es mir nicht wohl.» Als Schülerin arbeitete sie in den Sommerferien, um ihre Reitstunden finanzieren zu können. Ihr erster Kontakt mit Eseln kam später – und damit die Erkenntnis, dass sie grundlegend anders funktionieren als Pferde. «Pferde stammen aus der Steppe, flüchten bei Gefahr», erklärt Thönen. Esel dagegen aus der Gebirgswüste – dort bedeutet blindes Rennen den Absturz. «Der Esel bleibt erst mal stehen, überlegt, entscheidet», sagt Thönen. Diese Geduld, dieses Nicht-Reagieren macht ihn zu einem guten Therapietier. «Er lässt auch grobmotorische Berührungen zu, die viele Pferde erschrecken würden.»
Spiegeln statt blind gehorchen
Die gelernte Drogistin und Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin absolvierte Zusatzausbildungen in systemischer und tiergestützter Therapie. Heute fliessen all ihre Erfahrungen in Häusernmoos zusammen, wo sie die Eselei seit einem Umzug 2022 neu aufbaut.
Draussen vor dem Stall, im Round-Pen (ein kleines, rundes Gehege) und auf dem Reitplatz macht Thönen mit den Tieren Bodenarbeit: mit Podest, Hindernissstangen, Ballen und kleinen Parcours, bei denen die Esel mitgehen, anhalten oder auch mal stehen bleiben. «In den Übungen geht es um Themen wie Kommunikation, Führen, Nähe und Distanz», sagt sie. Was nach Spiel aussieht, ist für sie ein Übungs- und Trainingsfeld für Beziehung und Präsenz. Thönen erzählt von einem Kunden, der sich selbst als Führungstyp sah. «Ich weiss, wie das läuft. Ich führe mein Team», habe er sinngemäss gesagt – und erwartete, dass der Esel mitzieht. Doch dieser blieb stehen. Je mehr Druck der Mann machte, desto unbeweglicher wurde das Tier. «Der Esel spiegelt dich passiv», sagt Thönen. Für den Mann sei das sehr hart gewesen: «Er fiel in sich zusammen wie ein Kartenhaus und verstand plötzlich, was der Esel ihm mitteilen wollte.»
Zu ihr kommen Kinder und Erwachsene – Menschen, die eine Entschleunigung suchen und Personen mit besonderen Bedürfnissen. Mit ihren sechs Eseln arbeitet sie sowohl einzeln als auch in Kleingruppen. In der Therapie komme fest zum Tragen, was Thönen ‹Eselsstärke› nennt: die Kontaktfreudigkeit ihrer Tiere, ihre Offenheit, ihre Ausdauer und ihr starker Wille. Nebst der therapeutischen Unterstützung führt Thönen auch Ausbildungen zum Thema Esel durch und bietet ausgewählte, begleitete Einzel- und Gruppenformate an. «Ich leihe keine Esel aus», sagt sie. «Wenn du hierhin kommst, sind wir dabei.» Mit «wir» meint sie ein grosses Netzwerk an Freiwilligen, die bei Aktivitäten mithelfen: im Stall, beim Empfang der Gäste, beim Führen der Tiere. «Der Lohn ist das einzigartige Erlebnis und meine frisch zubereitete Verpflegung.» Über die Jahre hätte Thönen die Eselei ohne die vielen helfenden Hände nicht tragen können. Denn: Die Einnahmen decken die Kosten nicht. Zur Existenzsicherung arbeitet Thönen Teilzeit als Sozialarbeiterin in einem psychiatrischen Projekt.
Qualität statt Masse
Denn während derzeit vielerorts tiergestützte Angebote im Trend liegen, will Thönen klare Grenzen setzen. Nicht jedes Setting sei automatisch tiergerecht, sagt sie – und nicht jeder Esel eigne sich für alles. «Es braucht Kopf, Hand und Herz.» Sie distanziere sich von Betrieben, die Tiere überlasten, sie gleichbehandeln wie Pferde oder sie nur punktuell «hervorholen» und sie nicht ausbilden. «Der Esel hat das Recht, artgerecht gehalten und behandelt zu werden», so Thönen. Solange das nicht selbstverständlich ist, wird sie weiter dafür kämpfen – mit Aufklärung, mit Geduld, mit ihren sechs Eseln als lebenden Beispielen. Ihr Traum wäre ein Ort, eine zweite Eselei, wo ihre Tiere noch mehr Raum hätten: «Ein Alphüttchen, wo sie sich ohne Zäune bewegen können und den Kontakt zu den Menschen selbst mitbestimmen.»
Von Gabriela Graber