Seltenes Bild in Langenthal: Ein Demozug mit rund 100 Personen zieht vom Glaspalast her in Richtung Bützberg und Spichigwald (Aarwangen). · Bilder Demonstration: Patrick Jordi
Demozug und plötzliche Waldbesetzung
Von der Besetzung des Spichigwalds in Aarwangen über die Demo in Langenthal bis hin zum Plenum mit der Bevölkerung – dieser Bericht fasst die Ereignisse der letzten Tage von Donnerstagmorgen bis Sonntagabend chronologisch zusammen. Laut dem Kollektiv «Aufstände der Allmende» ging die Waldbesetzung am Sonntagabend zu Ende. Man führe den Kampf gegen die Umfahrungsstrasse Aarwangen sowie andere Schweizer Strassenprojekte jedoch auf anderen Ebenen und im Dialog weiter, so die Aktivisten.
Donnerstagmorgen: Überraschende Waldbesetzung
Was als angemeldete und bewilligte Demonstration angekündigt war, erhielt letzten Donnerstagmorgen einen überraschenden Zusatz: Rund 30 Aktivistinnen und Aktivisten des Kollektivs «Aufstände der Allmende» besetzten einen Teil des Spichigwalds zwischen Langenthal und Aarwangen. Die Gruppe hatte ihre Aktion im Vorfeld nicht öffentlich gemacht, weder die Kantonspolizei Bern noch die Burgergemeinde Aarwangen – Eigentümerin des Waldstücks – waren informiert worden. Zwischen Bäumen wurden Planen gespannt, erste Plattformen und Hängematten errichtet, und eine provisorische Infrastruktur aufgebaut: Küche, Plenumsort und Awareness-Bereich. «In Zeiten des Klimakollapses sind neue Strassen eine Kriegserklärung an die Erde und die Bevölkerung», erklärte Mona Aerni vom Kollektiv. Der Protest richte sich gegen die geplante Umfahrungsstrasse, die nach Ansicht des Kollektivs wertvolle Natur zerstören und zur weiteren Flächenversiegelung beitragen würde. Die Burgergemeinde zeigte sich überrascht. Präsidentin Therese Wild sagte am Donnerstagnachmittag gegenüber den Medien: «Es wäre natürlich schön gewesen, man hätte uns informiert.» Dennoch wollte man zunächst die Lage vor Ort sichten – zumal der Wald grundsätzlich allen zugänglich sei, solange kein Schaden entstehe.
Freitag: Einvernehmen mit den Behörden
Am Freitag dann folgende Situation: Nach Gesprächen zwischen der Burgergemeinde, der Kantonspolizei und dem Kollektiv wurde klar, dass die Waldbesetzung vorerst geduldet wird. «Wir freuen uns über das konstruktive Verhalten seitens der Behörden», liess das Kollektiv in einer Mitteilung verlauten. Die Aktivistinnen und Aktivisten luden die Bevölkerung zu einem offenen Plenum am Sonntag ein, um gemeinsam zu beraten, wie der Widerstand weitergehen soll. Die Kantonspolizei verzichtete auf ein Dispositiv im Wald. Zu einem späteren Zeitpunkt liess die Medienstelle der Kapo verlauten: «Da uns kein Räumungsbefehl vorlag, wurde vor Ort kein Einsatz gefahren.» Die Stimmung im Wald blieb über das Wochenende hinweg friedlich.
Samstag: Der bewilligte Demozug zieht los
Am Samstag stand der bereits länger angekündigte Protestmarsch auf dem Programm: Rund 100 Personen versammelten sich bei brütender Hitze vor dem Verwaltungszentrum in Langenthal. Der Demozug führte via Bahnhof Langenthal und Bützbergstrasse zum Ortseingang von Bützberg, wo man rechts abbog, um der geplanten Route der Umfahrungsstrasse zu folgen und den Marsch in Richtung Spichigwald fortzusetzen. Die Teilnehmenden skandierten Parolen wie «Blumenduft statt Dieselluft!» und «Keinen Meter Strasse mehr!». Künstler und Slam-Poet Valerio Moser unterstützte den Umzug mit einem kurzen Auftritt vor dem Glaspalast. «Natürlich ist die Verkehrssituation in Aarwangen beschissen! Aber macht es wirklich Sinn, die Ursache des Problems mit dem Bau einer Umfahrungsstrasse noch mehr zu fördern?», fragte er rhetorisch. Der Applaus der Anwesenden war ihm sicher. Der Protestzug verlief friedlich. Lediglich auf der Zürichstrasse bei Bützberg kam es laut Medienberichten zu einem kurzen Zwischenfall: Der Umzug stoppte, blockierte den Verkehr und Autofahrer reagierten mit Hupen. Die Polizei forderte die Gruppe zum Weitergehen auf, wurde aber ignoriert. «Wir konnten die Sicherheit gewährleisten, es kam zu keinen gefährlichen Verkehrssituationen», resümierte die Medienstelle der Kantonspolizei am Sonntagnachmittag in einem Statement.
Samstagabend: Verknüpfung wird sichtbar
Obwohl das Kollektiv im Vorfeld keine direkte Verbindung zwischen Demo und Waldbesetzung kommuniziert hatte, wurde während des Umzugs deutlich, dass beides zusammengehört. Die Pressesprechenden Jannis Baumer und Sara Meier betonten: «Unser Widerstand ist vielfältig, darum auch die Waldbesetzung.» Auf Nachfragen, ob die Waldbesetzung bewusst erst nach Erhalt der Demobewilligung publik gemacht wurde, reagierten sie ausweichend.
Sonntag: Plenum und Abschluss Besetzung
Am Sonntagnachmittag fand das angekündigte Plenum im Wald statt. Nach Angaben des Kollektivs nahmen auch Leute aus der lokalen Bevölkerung daran teil. «Es war für uns ein grosses Learning, der Austausch hat uns viel Energie gegeben», sagte Jannis Baumer im Anschluss. Die Aktivistinnen und Aktivisten begannen, ihre Infrastruktur abzubauen. «Jetzt liegt es vor allem in den Händen der lokalen Leute, sich gegen dieses konkrete Projekt zu wehren. Wir begleiten weiter, planen aber vorerst keine eigenen Aktionen mehr zur Umfahrung Aarwangen», so Baumer. Auch die Burgergemeinde bestätigte: «Mit der Gruppe wurde vereinbart, dass sie den Wald im Urzustand zurücklässt. Das Aktionsprogramm endet unseren Informationen zufolge am Sonntag.» Eine Anzeige sei derzeit nicht geplant, situative Entscheidungen behalte man sich aber vor.
Hintergrund: Der Streit um die Umfahrungsstrasse
Die geplante Umfahrungsstrasse bei Aarwangen wurde 2023 von der Berner Stimmbevölkerung mit einem Kredit von knapp 100 Millionen Franken gutgeheissen. Sie soll den stark belasteten Ortskern vom Durchgangsverkehr entlasten. Gegen die Pläne laufen weiterhin Beschwerden. Die Burgergemeinde Aarwangen steht grundsätzlich hinter dem Bauprojekt. Die Burgerversammlung habe sich in der Vergangenheit für die Umfahrungsstrasse ausgesprochen; daran halte man fest, so die Präsidentin gegenüber den Medien. Das Kollektiv «Aufstände der Allmende» hingegen sieht in dem Projekt Teil einer «schweizweiten Strassenoffensive», die Natur zerstört und die Klimakrise verschärft.
Ausblick
Wie es mit dem lokalen Widerstand weitergeht, wird sich zeigen. Die Waldbesetzung ist beendet, aber das Thema bleibt in der Region präsent. Für die Aktivistinnen und Aktivisten wie auch für die betroffene Bevölkerung steht nun der Dialog im Vordergrund – und die Frage, wie der Schutz von Natur und Lebensraum mit den Verkehrsbedürfnissen in Einklang gebracht werden kann. Den Ansichten der Umfahrungs-Gegner gegenüberstellen kann man unter anderem die Tatsache, dass die Verkehrssituation in Aarwangen schlicht unzumutbar ist und es dafür unbedingt eine Lösung braucht – eine Umfahrungsstrasse würde die Situation für Aarwangen zweifellos entschärfen. Und: Aus Sicht der regionalen Wirtschaft stellt die geplante Umfahrungsstrasse eine wichtige, unmittelbare Anbindung ans nationale Autobahnnetz dar; man erhofft sich davon positive Impulse für den hiesigen Wirtschaftsstandort und die Region Oberaargau.
Von Patrick Jordi