Hinter dem Haus und im unteren Stock sind viele Metallwaren eingelagert.
Der Schmied und seine Schätze
Wenn Marcel Kurmann keine Pferde beschlägt, rettet er Dinge, die andere wegwerfen. Aus Haushalten, Firmenauflösungen und Konkursen holt er, was noch Wert hat – und verkauft es in seinem Laden in Gondiswil oder online weiter. Sein Antrieb: die Überzeugung, dass gute Dinge ein zweites Leben verdienen.
Wer durch die Tür des Ladens an der Ausfahrt von Gondiswil tritt, steht vor einem Sammelsurium in allen Farben und Formen. Antike Möbel reihen sich an Dekofiguren, an den Wänden hängen Sammleruhren und gerahmte Kunstdrucke. Weiter hinten sind mehrere Gänge mit Werkzeugen gefüllt. Je nach Tageszeit fällt die Sonne auf Gegenstände aus vergangenen Zeiten – und auf neue Kleider an Ständern oder Schmuckstücke in Vitrinen. Mit einem warmen Lächeln begrüssen Marcel Kurmann, der Besitzer der Brocki, und Monika Gliewe, eine Freundin der Familie, ihre Kundschaft. Immer in ihrer Nähe: Der Hund Chili, der freudig mit dem Schwanz wedelt und durch die Gänge des Ladens streift. HRK – kurz für «Hufschmied, Räumung, Kurmann» – heisst das Geschäft in Gondiswil.
Leidenschaft für alte Dinge
«Die Arbeit des Hufschmieds ist sehr körperlich: Draussen, mit den Tieren, dem Eisen – das geht in den Rücken, das geht in die Knie. Ich habe mir überlegt, was ich mache, wenn ich später älter werde – und hatte auch Lust auf etwas Neues. Also habe ich mit meiner Partnerin gemeinsam angefangen, Güter aus Auflösungen und Konkursen zu retten», erzählt Kurmann von den Anfängen seines Nebenerwerbs. Aus ersten Aufträgen vor sechs Jahren seien nach und nach weitere geworden. «Bereits in der Schule habe ich besondere Dinge, die mir gefielen, gekauft, und sie dann weiterverkauft», erzählt Kurmann, der Grossdietwiler. Eine Leidenschaft für alte Dinge habe er schon immer im Blut gehabt. «Auch als Schmied arbeite ich mit Metall – der Beruf selbst ist schon fast antik.» Die Wegwerfkultur von heute stört ihn. «Ich finde es immer schade, wenn ich sehe, was heute alles in den Abfallmulden landet. Das ist vermutlich der Grund, weshalb ich überhaupt damit angefangen habe.» Schon bald kam der Moment, in dem all die Ware nicht mehr bei Kurmann zuhause Platz hatte. Vor rund sechs Jahren kaufte der 44-Jährige das Gebäude im Gondiswiler Unterdorf und fing an, es zu füllen. So entstand oben im Erdgeschoss eine Brocki – und unten eine Halle mit Werkzeugen, Eisenware von alten Maschinen und vielem mehr. Seit einem halben Jahr öffnet die pensionierte Monika Gliewe einmal pro Woche die Türen des Ladens im Erdgeschoss. Sie kennt die Familie gut – früher hat sie den neunjährigen Sohn von Kurmann und seiner Partnerin gehütet. Jetzt hütet sie mittwochs den Laden, der vorher nur auf Anfrage gezeigt wurde. Mit viel Geduld richtet sie das Geschäft ein, sortiert Neues und Altes, Grosses und Kleines. «Ich mache das mit grosser Freude», sagt sie.
Bauernhaus mit 65 Tonnen Material
Neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit unternimmt Kurmann Räumungen: Konkurse, Firmenauflösungen und Haushalte, und zwar schweizweit. Zuletzt hat er mit seiner Partnerin und seinem Bruder ein Bauernhaus im Zürcher Oberland geräumt: 65 Tonnen Material von 1880 bis 1960. «Der Mann hat einfach alles gesammelt, was er gefunden hat», sagt Kurmann. Früher hätten die Leute eher Dinge aufgehoben – aus Sorge vor unsicheren Zeiten. «Heute sind die Zukunftsängste nicht mehr so ausgeprägt.» Insgesamt fünfzehn Tage verteilt über einen Monat hätten sie das Haus geräumt: Wertvolles zur Seite getan, geputzt, im Laden platziert, den Rest recycelt – Holz, Metall, Glas, Sperrgut. Einen Teil der Güter stellt Kurmann online. «Es ist manchmal sehr interessant. Und manchmal ist es traurig, insbesondere, wenn die Personen kurz vor der Pension sind», sagt Kurmann über die Räumungen. Man sehe, wie Menschen gelebt hätten – und was davon übrig bleibe. Sein Geschäftsmodell: Mal werde er für die Arbeit bezahlt, mal räume er im Tausch gegen das Material. «Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich aussuchen darf, was ich will. Das ist eigentlich mehr ein Hobby im Moment.»
Produktewert schwierig zu bestimmen
Was er bei den Räumungen antrifft, ist nicht immer das, was er erwartet – und hat selten den Wert, den man sich ausmalt. «Ich habe letztens ein altes Velo geräumt. Es bestand nur aus dem Rahmen, zwei Rädern und zwei Schutzblechen. Ich dachte: Das ist einfach ein altes Ding, das hat keinen Wert.» Doch er habe sich getäuscht. Über Ricardo ging es für 650 Franken an jemanden aus Karlsruhe weg. «Einfach, weil es eine bestimmte Marke und ein bestimmter Jahrgang war.» Den wirklichen Wert einer Sache herauszufinden, sei sehr schwierig. Er versuche zwar, mit vielen Google-Suchen Produkte zu bestimmen, doch auch das sei begrenzt. Zudem schwanke der Wert bei manchen Gütern stark. Kurmann hebt den Blick und zeigt auf mehrere Dutzend Bilder mit gelben Rahmen, die an der Wand hängen: Kupferstiche. Sammler hätten dafür früher bis zu 2000 Franken pro Stück gezahlt. «Heute kann man froh sein, wenn man 25 Franken erhält.» Er sei aber überzeugt: Wenn es sie nicht mehr oft gebe, steige der Preis wieder. Umgekehrt seien uralte Metallwerkbänke gerade sehr gefragt. Manche Kundinnen und Kunden würden Beulen hineinschlagen und Sideboards daraus bauen. «Die werden total toll – und sind dann plötzlich unbezahlbar.» Kurmann liegt es am Herzen, dass Dinge wiederverwendet werden. «Wenn man einen Tisch hundert Jahre hat, kann man ihn abschleifen und neu anmalen. Man tut damit etwas für das Klima», sagt er. Er finde es schade, dass gute Ware in diesem Ausmass weggeworfen werde und oft Billigprodukte statt Qualität gekauft würden. Sein Bruder sei Zimmermann und fertige ebenfalls Tische an. «Klar, die sind teurer. Aber man unterstützt damit jemanden hier im Land. Das gehört für mich zusammen.» Viele Produkte würden heute nicht mehr für eine lange Lebensdauer gebaut, sagt Kurmann. Alte Maschinen seien für manche Kundinnen und Kunden gerade deshalb attraktiv: Man könne sie oft noch selbst reparieren.
Grosser Fund noch ausstehend
Das grosse Geld mache er mit der Secondhandware bisher nicht. «Das Schmieden ist meine Haupteinnahmequelle – damit bezahle ich die Rechnungen.» Laufkundschaft habe er keine; der Laden ist mit dem ÖV nicht erreichbar. Umso wichtiger ist für ihn die Möglichkeit, die Produkte online anzubieten. So hat er bis heute mehrere tausend Artikel verkauft. Einen besonders wertvollen Fund habe er bisher noch nicht gemacht. «Aber es kann sein, dass hier etwas steht, dessen Wert ich nicht erkannt habe», sagt er schmunzelnd. Für ihn hätten jedoch viele Stücke ihre eigene Besonderheit. Einige Funde stünden jetzt geputzt und restauriert bei ihm zuhause. «Zwei Emaille-Tafeln, eine schöne Uhr, ein Cola-Automat-Sammlerstück und ein Karussellpferd mit einem schönen Gesicht. Das ist unverkäuflich für mich, weil es einen speziell schönen Kopf hat – es gehört jetzt in unsere Wohnung.» Kurmann lässt sich in seinem Handel mit der alten Ware nicht beirren – auch wenn er damit in der heutigen Gesellschaft gegen den Strom schwimmt. Noch lebt er vor allem vom Schmieden. Doch langfristig sieht er seine Zukunft zwischen alten Maschinen, Möbeln und Fundstücken. «Wenn ich meine Verpflichtungen erfüllt habe und unser Sohn älter ist, kann ich vielleicht nur noch davon leben», sagt er. «Und vielleicht stehe ich mit 70 noch hier im Laden.»
Von Gabriela Graber