Zum Freibergerhengst «Little Boy» hat Andreas Blättler einen feinen Draht. · Bild: Karin Rohrer
Der Weg mit dem Pferd
Andreas Blättler lag nach einem schweren Unfall im letzten Jahr lange im Koma und hat sich mit viel Beharrlichkeit und positivem Willen zurück ins Leben gekämpft. Dies vor allem durch seine unerschütterliche Liebe zu seinem Pferd.
Aufgewachsen ist Andreas Blättler, «Res», im Berner Oberland, war als Vorarbeiter auf dem Bau im In- und Ausland tätig und spezialisierte sich auf die Lehrlingsausbildung. Obwohl er nicht aus einer «Rösseler»-Familie kommt, hat es ihn früh zu den Vierbeinern hingezogen und er durfte bei seinen Grosseltern mit den Pferden arbeiten. Er war auf verschiedenen Pferdebetrieben tätig und hat sich stetig weitergebildet mit Kursen in Avenches und Bern. Aber was fasziniert Andreas Blättler dermassen an Pferden? «Eine Beziehung zwischen Mensch und Pferd aufbauen und die Harmonie spüren. Die Wahrnehmung des Gegenübers, das Spiel der Pferdeohren, die Augen, welche einem so vieles sagen und natürlich die Kraft, die Bewegung und nicht zuletzt einfach die Schönheit dieses Tieres. Mit einem Pferd zusammenarbeiten, in der Natur sein, im Einklang mit dem Moment», erklärt der 60-Jährige. Er war auch schon eine Woche zu Fuss mit dem Pferd auf der Sbrinz-Route unterwegs und lernte dabei, Hindernisse mit dem Tier zu überwinden und Vertrauen aufzubauen.
Tragischer Unfall und schlechte Prognosen
Andreas Blättler hat erst vor zehn Jahren mit dem Reiten begonnen und sich eine Freibergerstute namens Helenia (griechisch: «die Schöne») zugelegt, welche damals lediglich eine solide Grundausbildung genossen hatte. So erarbeitete er sich mit der Stute die weiteren Ausbildungsschritte. Nebst Bodenarbeit und langen Streifzügen durchs Gelände steht mit Holzrücken eine weitere Herausforderung auf seiner «Bucket List». «Helenia hat mich geformt, wir können quasi zusammen reden, da ist eine unglaublich tiefe Verbindung zu diesem Seelenpferd», ist Andreas Blättler überzeugt. Er beschreibt die Stute als sehr sensibel, menschenbezogen, feinfühlig, charakterstark und selbstständig. So ist es auch zu grossen Teilen der Verdienst von Helenia, dass Andreas Blättler heute wieder mit beiden Beinen im Leben steht. Anfang April 2025: Er war als Besucher und Helfer an einem Reitsportanlass vor Ort, als er von einem Pferd einen Huftritt an den Kopf bekam, musste notfallmässig ins Spital und lag mehrere Wochen im Koma. Die anschliessende Reha führte ihn an den Bielersee und hier hat er, mit anfangs gelähmten Händen und kraftlos, von Grund auf alles neu erlernt, sprechen, essen, laufen, einfach alles.
Möglichst schnell zurück zu den Pferden
«Für die Ärzte war es ein Wunder, dass ich so schnell alles wieder gelernt und mich so gut erholt habe. Aber ich hatte ja auch während der ganzen Reha ein Ziel vor Augen, möglichst rasch wieder zu meiner Helenia in den Stall zu können und mich mit ihr zu beschäftigen sowie im Stall zu arbeiten», sinniert Andreas Blättler. Erst vor kurzem hatte er in der Insel eine Arztkontrolle und wunderte sich verblüfft über seinen guten Zustand: «Ich glaube, die Beziehung zum Pferd hat mich beflügelt und dank ihr kam ich wieder heim, konnte in den Sattel steigen und am Leben teilnehmen. Ich darf auch wieder Auto fahren und bin selbstständig.» Andreas Blättler hatte nach dem Unfall nie Angst vor Pferden oder dem Reiten: «Es war ja auch nicht das Pferd per se schuld, sondern die ganze, unglückliche Situation. Ich hatte Erfahrung im Umgang mit Pferden, aber es ging alles so schnell. Heute weiss ich, dass es viel schlimmer hätte ausgehen können und hadere nicht mit meinem Schicksal, sondern bin zufrieden, ich lebe im Hier und Jetzt.»
Gerne mit Menschen zusammen
Anfang August letzten Jahres ist Andreas Blättler bei Hanspeter Steffen in Grünenmatt eingezogen. Hier kann er in einem betreuten Rahmen wohnen und auf dem Betrieb helfen. Manchmal holt er auch seine Helenia hierher, um mit ihr auszureiten oder zu arbeiten. Eingestallt ist seine Stute bei Rolf Bieri in Sumiswald und hier hat Res auch Arbeit gefunden, was ihm sehr zusagt. Durch das Arbeiten mit Pferden hat er auch das Vertrauen zu sich selbst wieder zurückgefunden und neue Freundschaften geschlossen: «Der Kontakt zu anderen Menschen ist mir wichtig und ich habe die Liebe zum Emmental entdeckt, besuche gerne die Fohlenschauen in der Umgebung.» Ein enges Band hat Andreas Blättler zum Freiberger Zuchthengst «Little Boy», welcher Hanspeter Steffen gehört und in Sumiswald stationiert ist: «Er ist ein sehr einfühlsames Pferd und angenehm im Umgang. Ich durfte ihn schon an Anlässen vorführen und ich bin gerne auf dem Wagen mit dabei, wenn wir ihn einspannen. Der Umgang mit Hengsten ist sehr interessant. «Little Boy» nimmt mich an, wie ich bin, diese gegenseitige Wertschätzung ist für mich wichtig.» Andreas Blättler geht auf alles offen zu und unterstützt die Familie Steffen tatkräftig. So freut er sich auf den 7. Februar, wenn er am Tag der offenen Stalltür mithelfen, Gleichgesinnte treffen und sich um «Little Boy» kümmern kann.
Von Karin Rohrer