• Sie haben ein Buch geschaffen, das die Geschichte einer Weltmarke, des Langenthaler Porzellans, erzählt (von links): Patrick Jordi, Peter Waser, Bernhard Staub und Simon Kuert. · Bild: Walter Ryser

  • Das Areal der Porzellanfabrik Langenthal um 1940 ... · Bild: zvg

  • ... und so, wie es heute genutzt wird, beispielsweise mit einer «Erlebnisoper». · Bild: zvg

12.06.2026
Langenthal

Die Geschichte einer Weltmarke

Langenthaler Porzellan ist weltbekannt. Die Porzellanfabrik Langenthal feiert dieses Jahr ihren 120. Geburtstag. Aus diesem Anlass haben vier Autoren das Buch «Wandel als Chance» realisiert. Darin wird die Geschichte einer Langenthaler «Weltmarke» aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet und erzählt. Das Buch bietet viel mehr als einen Rückblick auf eine wechselvolle Firmengeschichte. Es ist ein äusserst interessantes Zeitdokument, das verdeutlicht, wie die Porzellan-fabrik Langenthal die ganze Region massgeblich geprägt und nachhaltig entwickelt hat.

Der Andrang war gross, das Interesse überwältigend. Die Tribüne in der Ofenhalle auf dem Porzi-Areal in Langenthal (die aktuell für die Darbietungen der Erlebnis-Oper benutzt wird) war restlos besetzt. Die anwesenden Gäste waren gespannt auf die Vernissage des Buches «Wandel als Chance», das aus Anlass des 120. Geburtstages der Porzellanfabrik Langenthal entstanden ist und die Geschichte einer Weltmarke aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt. Realisiert wurde das Buch von vier Autoren: Patrick Jordi (1987), Langenthaler Journalist und Inhaber der Jordi Medien GmbH; Simon Kuert (1949), ehemaliger Langenthaler Pfarrer, Stadtchronist, Kulturpreisträger und Ehrenbürger; Bernhard Staub (1937, Herzogenbuchsee), ehemaliger technischer Leiter Isolatoren und später Leiter Verkauf Isolatoren bei der Porzellanfabrik; sowie Peter Waser (1950, Langenthal), 1985 bis 1994 Mitglied der Geschäftsleitung bei der Porzellanfabrik.

Ein ganz besonderes Business
Die vier Autoren blickten an der Vernissage auf einen spannenden, zweijährigen Prozess zurück, in dem das Buch entstand. Dabei haben alle vier einen besonderen Bezug zur Porzellanfabrik Langenthal, der letztendlich dafür ausschlaggebend war, dass sie sich an diesem Werk beteiligten. Simon Kuert beispielsweise erzählte, dass er in der Nähe der Fabrik aufgewachsen sei und der «Porzi-Duft» ihn seit seiner Jugend begleitet habe. «Im Gespräch mit früheren Mitarbeitern habe ich stets den besonderen Stolz herausgespürt, hier arbeiten zu dürfen», berichtete er. Für viele Mitarbeitende sei die Porzi nicht bloss ein Arbeitsort gewesen, sondern ein Stück Heimat. Peter Waser wiederum betonte, dass ihn die Zeit in der Porzellanfabrik geprägt habe. «Die Porzellanherstellung war ein ganz besonderes Business», erwähnte er. Er habe sich seither stets um das Erbe der Porzellanfabrik interessiert, weil er gewusst habe, dass sehr viel Material vorhanden sei, das man aufarbeiten sollte. «Zudem habe ich festgestellt, dass das letzte Buch über die Porzi aus dem Jahr 1931 datiert.» Aus diesem Grunde habe er sich bei diesem Projekt engagiert.

Das beste Langenthaler Produkt
Beim Blick zurück sagte Peter Waser, dass es ein überaus mutiger Schritt gewesen sei, damals, 1906, eine Porzellanfabrik in Langenthal zu bauen. «Doch innert kürzester Zeit gelang es, eine sehr gute Qualität herzustellen.» Dies habe dazu geführt, dass Händler und Hoteliers grosses Vertrauen in dieses Produkt entwickelten. Man habe bei der Bevölkerung einen Nerv getroffen, bemerkte er rückblickend. Der dritte Autor, Bernhard Staub, schaute auf die Herstellung von Porzellan-Isolatoren zurück, die sich im Verlaufe der Zeit zu einem wichtigen Standbein entwickelten. Die Kultmarke ‹Bopla› wiederum hat beim vierten Autor Patrick Jordi bleibende Spuren hinterlassen. Seine Eltern hätten diese Geschirrlinie im Küchenschrank gehabt. «Noch heute trinke ich meinen Kaffee aus einer «Bopla»-Tasse, die auch nach 100-maligem Spülen in der Abwaschmaschine noch wie neu aussieht», erzählte er an der Vernissage. Der Langenthaler SP-Gemeinderat Roland Loser betonte in seinem Grusswort ebenfalls die Bedeutung des Langenthaler Porzellans. Er sprach von einem Exportschlager für Langenthal. «Langenthaler Porzellan war und ist eine Topmarke und ich wage zu sagen, dass dieses Produkt das Beste ist, das je in dieser Stadt hergestellt wurde.» Gian Kämpf, CEO der Ducksch Anliker AG, Langenthal (Eigentümerin eines Grossteils des Porzi-Areals), blickte auf die aktuelle Situation auf dem Areal. Dieses Gebiet liege dem Unternehmen am Herzen, sagte er. Deshalb bemühe man sich um eine Wiederbelebung an diesem Ort. Nach anfänglicher Skepsis spüre man eine positive Haltung gegenüber den Zukunftsplänen. «Der Weg, den wir eingeschlagen haben, funktioniert, aber er ist noch lang bis zum Ziel.» Gian Kämpf bezeichnete diesen Weg aber auch als spannenden Prozess mit vielen verschiedenen Akteuren. «Wir sind schon jetzt stolz auf dieses Werk und das Erbe der Porzellanfabrik.»

Die Beziehung zur Swissair
Anschliessend konnten die Gäste endlich das Buch «Wandel als Chance» entgegennehmen und darin blättern und erste Passagen lesen. Ein Blick in dieses Werk lohnt sich, wird doch die bekannte Geschichte der Porzellanfabrik mit neuen, interessanten, unbekannten und spannenden Episoden erweitert. Der Leser erfährt, was hinter den Tassen und Tellern wirklich steckt und was die Porzellanfabrik Langenthal in der ganzen Welt ausgelöst hat. So vernimmt man beispielsweise, welche Beziehung die Porzi zur früheren Schweizer Fluggesellschaft Swissair hatte. Bereits 1960 bestellten die Fluggesellschaften Air India, Olympic Airways und Swissair erstmals Geschirrporzellan in Langenthal. Mit der Swissair entstand daraufhin eine lange und sehr erfolgreiche Zusammenarbeit. Für die neuen Jumbo-Jets beispielsweise wurde sogar ein spezielles Porzellan entwickelt. Das Streckennetz vergrösserte sich laufend und somit auch der Bedarf an Porzellangeschirr.
Der rasche Aufschwung verlangte der Porzellanfabrik sehr viel ab, denn die gewünschten Lieferzeiten waren sehr kurz, was eine langfristige Planung fast unmöglich machte. Im Jahr 1993 betrug der Anteil an Fluggeschirr 36 Prozent des Gesamtumsatzes. Das war ein Klumpenrisiko, wie sich bald herausstellen sollte. 1994 folgte dann der grosse Schock für die Porzellanfabrik: Swissair stellte aus Gewichts- und Preisgründen auf Melamin für die Speisen und Getränke in der Economy-Klasse um. Damit begann der Abstieg der einstigen «Weltmarke». Seit den 1980er-Jahren produzieren Länder wie China, Thailand, Indonesien, Polen oder Tschechien Porzellan in Massenfertigung zu einem Bruchteil der Kosten in Westeuropa.

«Bopla» sorgte für grosses Aufsehen
Noch einmal stemmte sich die Porzi gegen diesen Wandel, als man 1993 die Geschirrserie «Bopla» lancierte. Danach war nichts mehr wie zuvor. Denn plötzlich lagen da keine klassisch weissen Teller mit schmalem Gold- oder Dekorrand auf dem Tisch, sondern Geschirr mit leuchtend bunten Flächen, comicartigen Figuren, Graffiti-Elementen und märchenhaften Szenerien. «Bopla» war ein Bruch mit der über Jahrzehnte kultivierten Geschirrkultur in Langenthal. Für manche Kundinnen und Kunden war der Schock gross. «Das ist doch kein Langenthaler Porzellan mehr», hiess es in Briefen, die nach der Lancierung an die Fabrik gesendet wurden. Andere dagegen waren begeistert: Endlich gab es Geschirr, das Spass machte, das den Alltag bunt färbte und über das man am Tisch reden konnte. Doch auch «Bopla» konnte den Niedergang der Fabrik nicht verhindern. Bei der Porzi begannen nämlich die Umsätze zu stocken; die Verkaufszahlen blieben hinter den ambitiösen Zielen zurück. Seit 2003 ist die Porzellanfabrik Langenthal Teil der G.-Benedikt-Gruppe, die im tschechischen Karlsbad zu Hause ist. Diese hält mittlerweile 97 Prozent des Aktienkapitals; im Aktienregister sind aber noch mehr als 300 Aktionäre eingetragen.
Die Geschichte der Porzellanfabrik G. Benedikt reicht bis ins Jahr 1882 zurück, als im Karlsbader Stadtteil Dvory die Gebrüder Benedikt eine Porzellanfabrik gründeten. Das ist der Grund dafür, dass die Marke Langenthal für Geschirrporzellan weiterlebt und nach wie vor viel Vertrauen in der Gastronomie, Hotellerie und in den Privathaushalten geniesst. Der ovale Stempel auf der Unterseite des Geschirrs, der Langenthaler und Oberaargauer auf Reisen in der ganzen Welt immer wieder dazu animierte, vor dem Essen Teller und Tassen umzudrehen, bürgt nach wie vor für Qualität, Langlebigkeit und modernes Design.

Von Walter Ryser