Die Nacht der kleinen und grossen Helden
Es ist der dramatischste Final in der neunjährigen Geschichte der MyHockey League. Die Huttwiler haben Seewen in der Verlängerung 2:1 besiegt und können am Sonntag (15 Uhr) im Campus Perspektiven auf eigenem Eis Meister werden. Den Siegtreffer in der Verlängerung erzielte Jan Andreas Weber (Bild), der - zusammen mit Torhüter Siro Nicola Wyss - der Spieler des Abends war.
MyHockey League, Playoff-Final, Spiel 3: EHC Seewen - Hockey Huttwil 1:2 n. V. (0:0, 1:1, 0:0) · Geht noch mehr? Das war die Frage nach dem Drama im zweiten Finalspiel am letzten Dienstag in Huttwil (4:3). Und ja, es geht noch mehr: In der dritten Finalpartie hat Hockey Huttwil in Seewen in der Verlängerung 2:1 gewonnen. Trainer Daniel Bieri sagte es so: «Wir hatten zwei Helden: Unser Goalie und Jan Weber. Aber sie konnten nur Helden werden, weil wir so viele kleine Helden hatten, die Defensivarbeit leisteten und Schüsse blockierten…» Eine gute Zusammenfassung des Dramas in Seewen, das erst im vierten Akt, in der Verlängerung durch Jan Andreas Weber (23), entschieden worden ist. Und wir können anfügen: Auch ein Spiel der «verhinderten» Helden: Robin Nyffeler beispielsweise, mit Energie und Zähigkeit einer der Motoren des Teams, traf in der 41. und 45. Minute beim Stand von 1:1 den Pfosten.
Überragender Siro Nicola Wyss
Es wäre arrogant und eine Respektlosigkeit sondergleichen gegenüber einem grossen Seewen, zu behaupten, der Sieg von Hockey Huttwil sei logisch, klar und zwingend. Die Partie ist auf des Messers Schneide gespielt worden. Jeder Ausgang war möglich. Ein Zufall war der Erfolg der Huttwiler trotzdem nicht: Sie hatten in der Verlängerung eine Prise mehr Energie, verbunden mit jenem Glück, ohne das eine solche Partie nicht zu gewinnen ist. Sie wären ohne den Beistand der vereinigten Hockeygötter und den Torhüter Siro Nicola Wyss nicht in die Verlängerung gekommen. Es war gefühlt und wahrscheinlich die beste Partie des letzten Mannes der Huttwiler. Er war der eine grosse Held. Der andere Held ist, natürlich, Jan Weber. Am Donnerstagabend war er das, was einst Winkelried bei Sempach war: Der Mann, der einem verschworenen Haufen die Gasse zum Sieg – und vielleicht sogar zur Meisterschaft – geöffnet hat. Der Torschütze zum 2:1 in der 9. Minute der Verlängerung (69.). Ein bekannter, mit dem Amateurhockey gut vertrauter Spieleragent staunte auf der Tribüne: «Ich hätte nicht gedacht, dass er so eine Aktion auspackt…» Das war gut ausgedrückt: Jan Webers Sturmlauf zum Siegestreffer war ganz einfach weltklasse. Die Krönung eines wunderbaren Hockeyabends.
Webers goldener Treffer
Tatsächlich ist es auf den ersten Blick eine Überraschung, dass ausgerechnet er diesen goldenen Treffer erzielt hat. Denn er ist nicht bei den Elite-Junioren in Bern, Langnau oder Biel ausgebildet worden. Er hat sich seinen Platz im Team im Laufe der letzten drei Jahre über die 2. Liga bei Brandis erkämpft. Aber einer wusste schon vor der Saison, zu was Jan Andreas Weber fähig ist. Sein Trainer Daniel Bieri. Seine Einschätzung noch vor der Saison im letzten Herbst: Schnell, wendig, gute Puckkontrolle bei hohem Tempo – er könne Huttwils Antwort auf Simon Knack sein. Und genau das war Jan Andreas Weber am späten Donnerstagabend gegen 23 Uhr: Ein Sturmlauf wie WM-Silberheld Simon Knack auf der Aussenbahn, Puckkontrolle auch bei höchstem Tempo und ein Abschluss nach einer geschickten Täuschung, präzis wie ein Laserstrahl – der Siegestreffer. Und das im dritten Spiel innert vier Tagen auf Amateurstufe.
Taktisch bestes Saisonspiel
Alles in allem war es die taktisch beste Saisonleistung der Huttwiler gegen ein starkes, leidenschaftliches Seewen. Sie haben vier Ausschlüsse ungeschoren überstanden. Zusammengezählt ist es gelungen, in den drei Finalpartien insgesamt 16 Strafen ohne Gegentreffer zu überstehen. Das ist Taktik, Disziplin, Teamwork, Rückhalt durch einen weit überdurchschnittlichen Goalie und die Summe der Arbeit vieler kleiner Helden. Und – natürlich – auch ein wenig Glück. Erst diese aufopfernde Arbeit in der eigenen Zone hat die zwei Siege ermöglicht. Und wie beim Siegestreffer im zweiten Spiel am Dienstag in Huttwil zum 4:3 war es erneut Michael Lüdi, der voller Adrenalin von der Strafbank kommt und dieses Mal das 1:0 erzielte und die Partie in die für Huttwil günstigen Bahnen lenkte (24. Minute). Nichts ist gefährlicher für Seewen als eine Strafe gegen den charismatischen offensiven Leitwolf der Huttwiler.
Zwei Matchpucks
Alle drei Finalspiele hat bisher das Team gewonnen, das 1:0 in Führung gegangen ist. Und nun die grosse, die «Jahrhundert-Chance». 2018 scheiterten die Huttwiler im Final gegen Dübendorf und 2022 gegen Basel. Mit einem Sieg am Sonntag (15 Uhr) kann Hockey Huttwil Meister werden. Daniel Bieri hat auch in den drei Final-Partien fast durchwegs vier Linien eingesetzt und die Energie seiner Spieler gut verwaltet. Das könnte sich jetzt, im vierten Finalspiel, auszahlen. Aber eben: Eishockey ist ein unberechenbares Spiel auf einer rutschigen Unterlage. Die Chancen stehen 50,1 zu 49,9 Prozent für Huttwil, für einen Meistertitel vor eigenem Publikum, für eine sporthistorische Sternstunde. Im Falle einer Niederlage würde der Titel am nächsten Dienstag in einer fünften Finalpartie in Seewen definitiv ausgespielt. Huttwil hat also jetzt zwei Matchpucks.
Titelgewinn 2011
P. S. Vor 15 Jahren ist Huttwil nach einem Auswärtssieg in Martigny im Frühjahr 2011 zum bisher einzigen Mal Amateur-Meister geworden. Als «Huttwil Falcons». Trainer Daniel Bieri (46) war damals mit fast einem Punkt pro Spiel Topskorer des Teams, an der Bande stand Alfred Bohren und Präsident war auch damals schon Heinz Krähenbühl. Die höchste Amateurliga hiess noch 1. Liga und die Huttwiler wollten in die NLB aufsteigen. Der Verband verweigerte die Aufstiegsbewilligung und nach diesem Skandalentscheid wurden die «Huttwil Falcons» aufgelöst und das Eis in Huttwil abgeschmolzen. Nun ist der Aufstieg kein Thema mehr und auch Seewen will nicht in die Swiss League aufsteigen. Wozu auch ein Aufstieg in eine Liga wo der Aufwand im Quadrat grösser und die Einnahmen und der Unterhaltungswert geringer sind…
Matchtelegramm: 26. März. - KEB Zingel, Seewen. - 1000 Zuschauende. - SR: M. Kunz/R. Staiger, J. Fender/L. A. Wüthrich. - Tore: 24. M. Lüdi 0:1. 33. 1:1. 69. J. A. Weber 1:2. - Strafen: Seewen 1 x 2 Minuten; Huttwil 4 x 2 Minuten. - Huttwil: N. S. Wyss; J. Schwab, L. Vouardoux; R. Bieri, N. Gurtner; M. Minder, S. Aebi; B. Vouardoux; T. Braus, J. Bieri, F. Haldimann; R. Nyffeler, M. Lüdi, Y. Offner; D. Struchen, A. Tschudi, R. Zryd; J. A. Weber, S. Hess, T. Nyffeler, J. Lanz.
Von Klaus Zaugg